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12.05.2011

Rotierender Platz an der Sonne

Stadtweit bewundert, von der Weltspitze umrundet: Henninger-Turm wird Fünfzig

Er war das heiß erwartete Ziel von Radsportlern, war Ausflugsziel für den Sonntagnachmittagskaffee und ist das Wahrzeichen Sachsenhausens: Der Siloturm der Henninger Brauerei mit seinem ehemals drehbaren „Fass-Restaurant“ an der Spitze ging am 18. Mai vor fünfzig Jahren in Betrieb.

Frankfurt am Main (pia) Eigentlich wollten ihn die Frankfurter gar nicht haben. Als im Sommer 1959 bekannt wurde, dass die Henninger-Brauerei auf ihrem Gelände im Süden der Mainstadt einen Silobau mit einer Gesamthöhe von 120 Metern plante, protestierte der Bezirksverein Sachsenhausen heftig gegen eine solche „Verschandelung der landschaftlichen Schönheit“ auf dem Sachsenhäuser Berg. Auch dass Generalkonsul Bruno H. Schubert im Namen des Bauherrn erklärte, man wolle doch mit einer Aussichtsterrasse und einem Drehrestaurant an der Turmspitze „der Frankfurter Bevölkerung eine Freude machen“, konnte die aufgebrachten Bürger nicht besänftigen: „Man erspare uns das rotierende Café!“, flehten sie in ihrem Mitteilungsblättchen. Sie forderten einen Baustopp, denn immerhin fürchteten sie ernste Gefahren durch den Turm – für den Luftverkehr und den Fernsehempfang. Sofort schaltete die Brauerei die Bundespost und die Flugsicherung ein. In der Presse wurde zugesagt, dass die Montage einer Relaisstation oben auf dem Turm künftig die Fernsehübertragung vom Feldberg noch verbessern würde. Und die Flugsicherung erklärte, dass der Bau sogar „zu einem neuen wichtigen Orientierungspunkt“ für den Luftverkehr, quasi zum Leuchtturm für den Frankfurter Flughafen werden könnte. Doch die Kritiker verstummten nicht.

„Weißer Riese“ verdrängt den Dom

Nach knapp zweijähriger Bauzeit wurde der Henninger-Turm vor 50 Jahren, am 18. Mai 1961, eingeweiht. Bei der feierlichen Eröffnung in der Eingangshalle durchschnitt Oberbürgermeister Werner Bockelmann das weiß-rote Band und gab damit den Weg frei zu den beiden „Schnellaufzügen“, die jeweils 15 der prominenten Gäste aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in weniger als einer halben Minute lautlos auf die luftige Höhe der Großen Aussichtsplattform brachten. Von dort konnten sie noch ein paar Stufen weiter hinauf zur Kleinen Plattform, knapp unter der genau 119,5 Meter hohen Turmspitze, klettern oder einfach die beeindruckende Aussicht auf die Stadt und ihre Umgebung genießen, bevor sie sich in dem Drehrestaurant in der Aussichtskapsel bewirten ließen. Auf der etwas tiefer liegenden Dachterrasse sahen Journalisten am Premierentag schon die einst schärfsten Turmkritiker, die an „diesem Platz an der Sonne“ plötzlich von einer neuen „Drehscheibe der Romantik und Gemütlichkeit“ schwärmten. Auf einmal nahmen es die Frankfurter dem schlanken „Weißen Riesen“ gar nicht mehr übel, dass er den Dom von dessen jahrhundertelang gehaltener Spitzenposition als höchstes Gebäude der Stadt verdrängt hatte.

Rohstoff für 200 Millionen Glas Bier

Auf die Idee für den Turmbau war die Henninger-Brauerei eigentlich aus Platzmangel gekommen. Das Unternehmen, damals eine der größten Braustätten Süddeutschlands, benötigte dringend weitere Lagerkapazitäten für Gerste, konnte jedoch sein Gelände am Hainer Weg auf dem Sachsenhäuser Berg wegen der umliegenden Bebauung nicht weiter ausdehnen. Auf Anregung des Generaldirektors Hubert Stadler plante daher Karl Lieser, der Hausarchitekt der Brauerei, einen Hochsilo, dessen Bauausführung die renommierte Firma Philipp Holzmann übernahm. Der Turm mit einer quadratischen Grundfläche von nur 21 mal 21 Metern wurde auf Fels gebaut, jenem Kalksteinfelsen des Sachsenhäuser Bergs, der sich im 19. Jahrhundert als besonders günstig für die Anlage von Bierkellern erwiesen und damit die Ansiedlung der städtischen Brauindustrie an diesem Standort gefördert hatte. Einige der alten Felsenkeller mussten vor der Errichtung des Turms mit Beton verfüllt werden. Der eigentliche Silo wurde in der seinerzeit neuartigen Gleitschalbauweise um 2,50 Meter pro Tag regelrecht aufwärtsgepresst. In seinen über 60 Meter hohen, speziell belüfteten Kammern konnten schließlich knapp 15.000 Tonnen Braugerste gespeichert werden, genug Rohstoff, um mehr als 200 Millionen Glas Bier zu brauen.

Der besondere kulinarische „Dreh“

Um den industriellen Zweckbau in der Form eines riesigen Betonturms auch für die Stadt, ihre Bürger und Touristen interessant zu machen, ließ sich die Henninger-Brauerei etwas einfallen. Nach dem Vorbild des Stuttgarter Fernsehturms (1955) und des Dortmunder Florianturms (1959) sollte die Turmspitze für das Publikum geöffnet werden. Asymmetrisch auf den viereckigen Silokörper wurde daher eine fassförmige Aussichtskapsel aufgesetzt, was dem Turm einen außer-gewöhnlichen, fast futuristisch anmutenden Charakter verlieh. In dem Aufbau war als besondere Attraktion das Drehrestaurant untergebracht, in dem man im Laufe einer knappen Stunde, bequem am Tisch sitzend und speisend, das gesamte Panorama an sich vorüberziehen lassen konnte. Auf dem Flachdach des eigentlichen Silos blieb zudem Platz für einen ebenfalls bewirtschafteten Dachgarten. Dort, an einem Podest gegenüber dem tropisch umwachsenen Goldfischteich, legte abends der beliebte „Disc-Jockey“ Fred Metzler die Platten zum Tanz auf.

Radler werben weltweit für den Turm

Schnell wurde der Henninger-Turm zu einem neuen Wahrzeichen von Frankfurt. Entscheidend trug dazu das internationale Radrennen „Rund um den Henninger-Turm“ bei, das die Henninger-Brauerei nach einer Idee ihres Marketingdirektors Gustl Huber erstmals 1962 veranstaltete, um ihr Bier und den Turm zu bewerben. Seitdem, bis zum letzten Radrennen vor dem Wechsel des Sponsors 2008, ging das Bild des Henninger-Turms alljährlich am traditionellen Renntag des 1. Mai um die Welt. Nun blickten die Frankfurter stolz zu und auch gerne von dem Turm. Bereits 1963 wurde die erste Besuchermillion erreicht. Wer Gäste von auswärts hatte, denen er etwas Besonderes bieten wollte, führte sie in das Drehrestaurant auf dem Henninger-Turm aus. Es war so besucht und beliebt, dass die Turmkapsel 1969/70 um eine Etage mit einem weiteren Drehrestaurant aufgestockt wurde. Bei gutbürgerlichen Speisen rotierte man hier, anders als in dem ersten Restaurant mit eher exquisiter Küche, gegen den Uhrzeigersinn.

Der Turm bleibt

In den Siebzigerjahren jedoch büßte der Henninger-Turm allmählich an Attraktivität ein. Seine Silofunktion soll er ohnehin nur wenige Jahre erfüllt haben, da sich die langfristige Lagerung von Gerste zum Mälzen für die Brauerei schon bald nicht mehr rentierte. 1974 verlor der Henninger-Turm dann seinen Rang als das höchste Gebäude der Stadt an das Selmi-Hochhaus, und 1979 erwuchs ihm mit dem 337,5 Meter hohen Fernmeldeturm in Ginnheim eine ernste Konkurrenz. Zahlreiche Rettungsversuche für Gastronomie und Publikumsbetrieb, auch wenn sie so außergewöhnlich waren wie die Einrichtung eines Brauereimuseums in der Aussichtskapsel (1981), scheiterten. Zuletzt wollten nur noch 30.000 Gäste pro Jahr hoch auf den Turm. Am 31. Oktober 2002 musste der sanierungsbedürftige Henninger-Turm, unter anderem wegen erheblicher Brandschutz- und Sicherheitsmängel, für den Besucherverkehr schließen. Als nach dem Ende der Henninger-Brauerei 2002 auch sein Schicksal ungewiss war und gar sein Abriss zu drohen schien, hagelte es wieder wütende Proteste aus der Bevölkerung. Die Frankfurter wollten „ihren“ Henninger-Turm behalten. Heute ist er von einer steinigen Wüste auf dem Gelände der abgerissenen Brauerei umgeben. Der Turm jedenfalls bleibt.

Sabine Hock