Logo FRANKFURT.de

16.10.2008

Bott bleibt am Ball

Der Adorno-Schüler ist wichtiger Initiator vieler Fanprojekte im Fußball

Der Soziologe Dieter Bott, in den 80er Jahren Mitbegründer des Frankfurter Fanprojekts, gilt als einer der Wegbereiter für die Fanarbeit im Fußball. Nach dem viele Jahre das öffentliche Bild von der Hooligan-Szene geprägt war, freut sich Bott darüber, dass heute kreative und kritische Fans den Ton angeben. Dennoch sieht er seine Mission noch lange nicht als beendet an.

Frankfurt am Main (pia) Wenn Dieter Bott über Fußball spricht, dann spricht er nicht über die Spieler auf dem grünen Rasen. Für ihn stehen stattdessen die Fans im Mittelpunkt. Seit rund 25 Jahren bewegt sich der Adorno-Schüler in den Fankurven der Republik. Der 64 Jahre alte Soziologe ist Mitbegründer mehrerer Fanprojekte (Duisburg, Düsseldorf, Frankfurt), von denen es mittlerweile 40 in fast allen größeren Fußballstädten der Republik gibt. "Den entscheidenden Impuls, gewalttätigen und nationalistischen Tendenzen entgegenzuwirken, die Szene genauer zu erforschen und ihre produktiven Elemente zu unterstützen, gab seinerzeit der Überfall von randalierenden Fußballfans auf die 1. Mai-Kundgebung am Frankfurter Römerberg 1982", erzählt Bott, der 1963 zum Studium aus seiner nordhessischen Heimat Borken bei Kassel in die Mainmetropole gekommen war. Bis 1989 hat er in Frankfurt gewohnt, und bis heute ist er der Mainstadt durch seine guten Kontakte zur Eintracht Fanszene und zum Frankfurter Fanprojekt verbunden.

"Anwalt der Fans"

In Folge der Ereignisse bei der Römerberg-Kundgebung wurde der Intellektuelle, der als Bildungsreferent jahrelang bei der hessischen Naturfreundejugend in Frankfurt gearbeitet hatte, von der Hessischen Sportjugend erstmals mit dem Thema Fußball beruflich konfrontiert und zum Mitbegründer des Frankfurter Fanprojekts 1984. "Ich habe viel Zeit mit den Fans verbracht, in der Kneipe, auf Auswärtsfahrten und natürlich im Stadion", erzählt Bott, der sich erst einmal das Vertrauen der Fans erarbeiten musste. Wichtig sei, dabei nicht in den Verdacht zu geraten, mit der Polizei zusammen zu arbeiten. "Der unabhängige Sozialarbeiter muss dafür sorgen, dass auch die Sicht und die Interessen der Fans vom Verein und der Öffentlichkeit zur Kenntnis genommen werden", so der Fanforscher.

Kritik an der Kommerzialisierung

Um das Verhältnis zwischen den Fans in der Kurve und der Polizei weiter zu entspannen, plädiert Bott dafür, polizeiliche Maßnahmen so transparent wie möglich zu machen. Kritisch sieht der Fan-Soziologe auch manche Aktivität der Clubvertreter, denn für ihn ist das Rad der Kommerzialisierung im Fußball längst überdreht. "Ständig gibt es neue Trikots und Fanartikel, mit denen den treuesten Anhängern das Geld aus der Tasche gezogen werden soll." Zur Europameisterschaft hat Bott aus seiner Sicht besonders absurde Beispiele gesammelt. "Unglaublich, welchen Schwachsinn die Werbe- und Fußball-Industrie dem Fußballfreund im Sommer 2008 alles zugemutet hat: zum Beispiel Sammy Toilettenpapier mit Fußballmotiven und Rasenduft oder die Fußballtorwand für Katzen."

Weniger Hooligans, mehr junge Frauen

Positiv vermerkt der scharfe Kritiker hingegen, dass die Proficlubs in Deutschland ihren Fans im europäischen Vergleich sehr günstige Eintrittspreise bieten, Zäune in den Stadien abgebaut wurden und auch der Stehplatz - im Gegensatz zu vielen anderen großen europäischen Fußballnationen - weiterhin in allen Stadien fester Bestandteil ist. Allerdings habe man diese Zugeständnisse nur dank einer starken Fankultur auch durchsetzen können. Hoffung macht dem mittlerweile in Düsseldorf Ansässigen auch, dass sich die Zusammensetzung der Fans in der Bundesliga in den letzten 25 Jahren spürbar gewandelt habe. In der Kurve dominierten längst nicht mehr die Hooligans. Und auch der Anteil junger, selbstbewusster Frauen wachse. "In den letzten zehn Jahren geben in fast allen Stadien die 'Ultras' den Ton an, die häufig einen intellektuellen Hintergrund haben und sich kreativ, aber auch vereinskritisch zeigen." Bott, der von der Frankfurter Rundschau einst als "Fan der Fans" bezeichnet wurde, und 2004 vom "Bündnis aktiver Fans" mit der bisher einmalig vergebenen Ehrenmitgliedschaft ausgezeichnet wurde, freut sich über diese Entwicklung. Früher sei es häufig eine Last gewesen, in der Fankurve zu arbeiten, heute sei es hingegen eine Lust.

Gegen Sexismus und Rassismus

Der Soziologe, der inzwischen Sozialarbeiter für Fußball-Fanprojekte ausbildet und bis zum Wintersemester 2007/08 auch an der Frankfurter Fachhochschule unterrichtet hat, sieht noch viel Arbeit vor sich und seinen Kollegen. "Gewalt und rechtsradikale Tendenzen sind noch keineswegs verschwunden, sondern wurden durch die totale Überwachung der großen Arenen in die unteren Ligen abgedrängt", sagt er. Rassismus und Sexismus würden in vielen Fankurven noch immer toleriert, und dagegen sollten sich Verbände und Fußballvereine mit Langzeitprogrammen wehren. Eine der Ideen, die Bott gerne in die Tat umsetzen würde, ist ein Patenschaftsmodell, bei dem Profispieler eine Saison lang für zwei Stunden im Monat in ein Jugendzentrum oder an eine Schule gehen, um im direkten Kontakt positiv auf die Jugendlichen einzuwirken. Umgekehrt hätten so auch die Fans die Möglichkeit, den Fußballstars ihre Sicht der Dinge persönlich plausibel zu machen. Kein Zweifel: Bott wird am Ball bleiben.

Michael Weilguny