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14.10.2008

Der Frankfurter aus Stolin

Ein Grab auf dem Jüdischen Friedhof ist Reiseziel frommer Juden

"Frankfurt stickt voller Merckwürdigkeiten", befand schon Goethe. Zu den unbekannten Besonderheiten gehört das Grab des Israel von Stolin auf dem Jüdischen Friedhof an der Rat-Beil-Straße. Die Grabstätte des osteuropäischen Weisen ist bis heute Reiseziel frommer Juden aus der ganzen Welt. In den Schriften der Chassiden wird er "Der Frankfurter" genannt.

Frankfurt am Main (pia) Ein einfacher, grauer Grabstein, dem Wind und Nässe in fast 90 Jahren so zugesetzt haben, dass die Ränder unregelmäßig geworden sind wie ein zerschlissener Kleidersaum. Nur die eingemeißelten hebräischen Buchstaben sehen aus wie frisch mit schwarzer Farbe ausgemalt. Eine niedrige Eisenstange umgibt dieses Grabmal, so als müsse man diesen Verstorbenen vor großem Besucheransturm, vor zu vielen, die ihm möglichst nahe kommen wollen, schützen. Und tatsächlich bezeugen Stapel von kleinen, weißen Zetteln, auf denen die blaue Schrift vom Regen verwischt und ausgeblichen ist, Hunderte von ausgebrannten Teelichtern und Stalaktiten aus herunter getropftem Wachs: Wer hier begraben liegt, übt über den Tod hinaus eine große Anziehungskraft auf andere Menschen aus.

Das Geheimnis einer Grabstätte

Wer war dieser "Rav (=Rabbi) Israel von Stolin", wie es schlicht in der Grabinschrift heißt? Spaziergänger und Anwohner beobachten immer wieder, wie Busse mit ausländischen Kennzeichen vor dem Friedhofsportal parken und große Gruppen schwarz gekleideter Männer mit Hüten, Bärten und Schläfenlocken aussteigen, um an diesem Grab zu beten und Zettel mit ihren Wünschen zu hinterlassen, in der Hoffnung, dass ein Wunder geschieht - ein Brauch, den man vor allem von der Klagemauer in Jerusalem kennt. Was ist so besonders, so verehrungswürdig an dieser schmucklosen Grabstätte? Welches Geheimnis birgt sie, das wir, die modernen, nüchternen Besucher dieses Friedhofs, nicht zu entdecken vermögen? Um eine Antwort auf diese Fragen zu finden, muss man ein wenig eintauchen in die versunkene Welt des osteuropäischen Chassidismus - eine Welt, die durch die Shoah fast vollständig ausgelöscht worden ist.

Bereits der Vierjährige wird zum Meister bestimmt

Geboren wurde Israel Perlow, so sein bürgerlicher Name, 1869 im heutigen Belarus (Weißrussland), in Stolin, einem kleinen Ort nahe der Stadt Pinsk. Er stammte aus einer berühmten Rabbiner-Dynastie des Chassidismus. Darunter versteht man eine um die Mitte des 18. Jahrhunderts entstandene volkstümliche mystisch-religiöse Bewegung, bei der Lebensbejahung und Fröhlichkeit im Mittelpunkt stehen, in Abgrenzung zur Intellektualität und kargen Abstraktion des rabbinischen Judentums. Natürlich studieren auch die Chassiden die Heiligen Schriften, aber sie tanzen ebenso gerne und oft, denn sie glauben, in der ekstatischen Begeisterung kämen sie Gott besonders nah. Ihren Meistern und Lehrern bringen die Chassiden große Verehrung entgegen, vor allen den Zaddikim (den "Gerechten"), von denen es nach ihrer Auffassung jeweils nur 36 zur selben Zeit auf der Erde geben kann. Einem Zaddik wird eine herausragende moralische Lebensführung und Weisheit nachgesagt, er gilt als Mittler zwischen den Menschen und Gott, der imstande ist, Wunder zu vollbringen. Und auch Rav Israel von Stolin soll ein solcher Zaddik gewesen sein, einmal qua Herkunft, aber auch kraft seiner eigenen Begabungen und besonderen Fähigkeiten. So ranken sich zahlreiche Legenden und Erzählungen um diesen Mann aus dem kleinen Städtchen Stolin, das dank seiner Familie Jahrhunderte lang als Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit galt. Als er drei Jahre alt war, starben kurz hintereinander sein Großvater und auch sein Vater, beide ebenfalls bedeutende Rabbiner. Tausende ihrer chassidischen Anhänger fühlten sich verwaist. Doch dieser kleine Junge wirkte so anders als seine Altersgenossen, so ernsthaft und aufgeweckt, dass man bereits den Vierjährigen zum künftigen Zaddik bestimmte und ihn nach seiner Bar Mitzwa, also mit 13 Jahren, offiziell mit diesem Titel versah. Und allem Anschein nach wurde er dem ihm entgegen gebrachten Vertrauen gerecht. Zeitzeugen lobten seine Begabung als Lehrer, seine enormen wissenschaftlichen Kenntnisse, seine musikalischen Kompositionen.

In Frankfurt begraben

Als er ungefähr 50 Jahre alt war, erkrankte Israel Perlow an einem Herzleiden. Er begab sich zur Kur nach - und hier widersprechen sich die Quellen - Bad Nauheim oder Bad Homburg. Vielleicht konsultierte er aber auch in Frankfurt einen Herzspezialisten. Jedenfalls konnte ihm wohl niemand helfen, denn während dieses Aufenthalts im Hessischen ereilte ihn ein tödlicher Herzinfarkt. Ob der Weg zurück in die Heimat zu weit war oder ob es stimmt, dass er zu Lebzeiten verfügt hatte, dort beerdigt zu werden, wo er sterben sollte - 1921 wurde Rabbi Israel in Frankfurt beigesetzt, auf dem Jüdischen Friedhof an der Rat-Beil-Straße, inmitten des Gräberfeldes der Israelitischen Religionsgesellschaft, einer neo-orthodoxen Reformbewegung unter der Führung von Samson Raphael Hirsch. Jüdische Gräber sind der Zeit enthoben, im Gegensatz zu den christlichen werden sie niemals wieder aufgelöst. So bleibt der Namen des großen Rabbi auf ewig mit Frankfurt verbunden. In die Chroniken der Chassidim ist er daher auch mit dem Beinamen "Der Frankfurter" eingegangen.

Das Erbe des Frankfurters überlebt den Holocaust

Von seinen sechs Söhnen haben zwei den Holocaust überlebt. Sein Ur-Enkel Baruch Shochet lehrt heute in der Nähe von Jerusalem. Der Oberrabbiner in der Ukraine beruft sich auf seinen Namen. Er setzt sich mit aller Kraft für die Wiederkehr jüdischen Lebens in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion ein. Mit Erfolg - und das ist wohl auch ein Wunder, an dem "Der Frankfurter" beteiligt ist.

Barbara Goldberg