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28.01.2015

Er malt sich die Welt, wie sie ihm gefällt

Der Künstler Marc Remus sitzt zwischen seinen Werken 'Honduras' (l) und 'Japan' (r), © Foto: Sabine Lippert
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Marc Remus malt preisgekrönte Städtebilder

Die Frankfurter Paulskirche wiegt sich im Winde, vielleicht tanzt sie auch. Die Alte Oper, der Römer, der Ginnheimer Spargel und Frankfurts imposanteste Hochhäuser wanken, torkeln, bewegen sich in Marc Remus collageartig konstruierten und sehr farbigen „Fun City“-Bildern. Frankfurt, sein Zuhause, hat der 45 Jahre alte Künstler mehrfach zum Thema seiner „Neo-Pop-Art“-Bilder gemacht. Allerdings inspirieren den Globetrotter Städte generell, ob Los Angeles, Tokio, Paris oder Berlin.

Frankfurt am Main (pia) Die Stationen seiner Ausbildung zum Künstler können sich sehen lassen. Schon mit 17 Jahren besuchte Marc Remus eine Kunstschule in Cincinnati/Ohio, später folgte ein Aufenthalt in Japan, wo er die japanische Malerei erlernte, schließlich der Hochschulabschluss am renommierten Art Center College of Design im kalifornischen Pasadena. Der traditionellen Kunst der Maya näherte er sich auf Reisen nach Honduras und Guatemala. Die Disney-Studios wollten ihn haben, er lehnte damals ab, weil er befürchtete, sich nicht mehr frei entfalten zu können. Die amerikanische Kunstszene hält bis heute viel von dem Frankfurter Künstler mit Atelier in Sachsenhausen. Gleich zwei Preise verlieh ihm das renommierte „Artist Magazine“. Überzeugt hatte er die Jury unter anderem mit einer Darstellung des Frankfurter Römer - eine Arbeit aus seiner 2002 entstandenen „Impressionen“-Serie.

Werk 'Frankfurt Weihnachten Rot' des Künstlers Marc Remus, Ausschnitt, © Marc Remus
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Der Tod - ein spannendes Finale

Am Anfang von Marc Remus` Städtebildern standen skizzenhafte detailreiche Bilder in Sepia-Tönen. Eher konservativ und klassisch im Stil. Seine gedeckten, sehr dezenten Farben stellte der Frankfurter Künstler mit Tee, Teeblüten, Kaffee und Salz her und erzielte mit den natürlichen Gelb- und Brauntönen einen nostalgischen Sepiaeffekt. Bis heute sind seine frühen Städteporträts vor allem als Druck gefragt. Insbesondere bei einem älteren Publikum. Doch Remus selber war irgendwann davon „gelangweilt“.

Noch ausschlaggebender aber für seinen radikalen Stilwechsel hin zu den Fun City-Bildern war eine schwere, lebensbedrohliche Erkrankung. Ärzte diagnostizierten 2006 bei dem damals 36-Jährigen einen sogenannten Burnout-Tumor. Einen Tumor, der sich selber „in Luft aufgelöst hatte“, jedoch eine lokalisierbare Metastase hinterließ. „Sie lag in meiner hinteren Bauchhöhle und war zwölf Zentimeter groß“, sagt Marc Remus. Er musste 93 Chemotherapie-Sitzungen durchlaufen. Seine Art mit alldem umzugehen war zu malen. In einem Jahr entstanden so an die 50 Fun City-Bilder. Der Tod kann ihn nicht mehr schrecken. „Sterben“, sagt Remus, „bedeutet für mich nicht das große schwarze Loch, das man bei uns im Westen so gerne totschweigt“. Für ihn ist er vielmehr „ein spannendes Finale“.

Die Kanzlerin als Catrina

Beeindruckt hat ihn deshalb der natürliche Umgang der Mexikaner mit dem Thema. An ihrem „Tag der Toten“ wird ausgelassen gefeiert und getanzt. Die sogenannte Catrina, eine herausstaffierte Skelettfrau, mit üppigem Gewand und mondänem Hut, ist zur Symbolfigur des Nationalfeiertages geworden. Kinder kaufen sie sich als Süßigkeit, Frauen verkleiden sich zu Tausenden als Catrina und schminken sich Totenköpfe in ihre Gesichter. Marc Remus hat sich davon inspirieren lassen und eigene Catrinas gemalt. Ganz so wie die Mexikaner auch, hat er keinen Halt vor Prominenz gemacht und sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel auf diese Weise dargestellt. Das Bild hätte er gerne in der Mexikanischen Botschaft in Berlin ausgestellt, aber das „hat man leider abgelehnt“. Dafür „war das Bild innerhalb von drei Tagen verkauft“.

Seine Catrinas haben Witz, erzählen dabei aber auch kleine Geschichten. Da ist zum Beispiel das Portrait von Nina Hagen. Der Punk-Ikone zu Füßen steht ein kleiner Gorbatschow. Er winkt mit einer Sowjetflagge, in der anderen Hand hält er eine Kamera. Eine Anspielung auf Hagens Hit „Du hast den Farbfilm vergessen, mein Michael“.

Triptychon 'Türme Frankfurts' (Innenseite) des Künstlers Marc Remus, © Marc Remus
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Hände hoch Goethe!

Die Gebäude und Plätze in Remus „Fun-Cities“ tanzen, fliegen, biegen sich so als ob ein starker Wind sie in Bewegung versetzt. Sie erinnern dabei an Feuerwerkskörper, die gerade dabei sind, mit all ihrer Farbpracht am dunklen Himmel aufzugehen. Er habe die Lebendigkeit der Städte zeigen wollen, sagt Remus, der überzeugt ist: „Wenn sich eine Stadt nicht bewegt, dann stirbt sie!“ In anderen komplexeren Städte-Bildern erzählt Remus ganze Geschichten, verweist über Bildelemente auf mal ernste mal heitere Episoden einer Stadtgeschichte. Wenn Remus eine kleine Goethestatue auf die Leinwand bringt und mit einer Pistole auf sie zielen lässt, dann hat das einen persönlichen Bezug: „Ich wurde als Junge mit den 'Leiden des jungen Werther' traktiert erzählt er und lacht. Einem Gerippten - das typische Frankfurter Apfelweinglas - hat Remus zwei Eheringe an die Seite gestellt: „Meine Eltern lernten sich in einer Frankfurter Apfelweinkneipe kennen!“.

Als im Salzhaus noch Schuldner ihre Haft verbüßten

Eine größere inhaltliche Tiefe ist seinen vier Frankfurt-Triptychen eigen. Von der Konstruktion her erinnern sie an menschengroße, traditionelle Altarbilder zum Aufklappen. Die inneren Darstellungen korrespondieren dabei mit den äußeren. Historische Frankfurter Gebäude, die bei den Luftangriffen des Zweiten Weltkrieges komplett zerstört wurden, hat Remus in einem seiner Triptychen zum Thema gemacht. Das Salzhaus am Römer etwa, das mit seinen reichen Zierschnitzereien an der Giebelseite zu den schönsten Renaissancegebäuden Deutschlands zählt. Auf dem Dach steht ein Salzstreuer, den untersten Teil des Gebäudes hat Remus mit Gittern zu einem Käfig gemacht, dem Schornstein eine Socke übergezogen. Anspielungen auf die Geschichte des Hauses, in dem einst Salzhandel getrieben, später dann ein privates Schuldengefängnis eingerichtet wurde. Schließlich führte Friedrich Freyer im Erdgeschoss ein über die Stadtgrenzen hinaus bekanntes Strumpfgeschäft. Schließt man die Flügeltüren des Triptychons, sieht man die Bomber über Frankfurt fliegen und die zerstörte Stadt.

Werk 'Berlin Ost West' des Künstlers Marc Remus, © Marc Remus
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Einer, der sich fortentwickeln möchte

Marc Remus könnte, wüsste man es nicht besser, auch US-Amerikaner sein. Einer der kernigen Art. Jeans, Karohemd, ein muskulöser Körper, über die Oberarme ziehen sich Tattoos, ein Schatten von Bart umrahmt den Mund. Seine Art zu sprechen ist stets wohl bedacht, seine Stimme leise und voller Wärme. Er lässt sich in keine Schublade stecken, entdeckt gerne Neues, experimentiert mit Malstilen. Festlegen will er sich nicht, will sich fortentwickeln. Mehr als ein Dutzend abstrakte Bilder, inspiriert vom Gefieder der Papageien, hat Marc Remus mit seiner Serie „Plumage“ gemalt, sie bisher aber noch nirgends ausgestellt. Die Farben des schillernden Gefieders bilden den Ausgangspunkt seiner großen Querformatbilder im Stil des abstrakten Expressionismus, denen nahezu etwas Psychodelisches eigen ist. Auch sie zeichnet wie alle Bilder des Frankfurters, so unterschiedlich diese auch sind, Bewegung aus.

Marc Remus hat Phoenix/Arizona zu seinem zweiten Wohnsitz gemacht. Eine ganze Reihe von US-amerikanischen Galerien richteten mit seinen Arbeiten Ausstellungen ein, bis auch sie die Wirtschaftskrise erfasste. Der Künstler schätzt die „viel größere Zugänglichkeit und Leichtigkeit“ der Amerikaner und „das viel größere Interesse an Kunst“ und von den vielen Kunstmessen und Festivals, die fast zu jeder größeren Stadt dazugehören. Wenn es die Zwänge des Marktes, den Überlebenskampf als Künstler nicht gäbe, würde er gerne Kinder- und Jugendbücher schreiben und illustrieren. Schon 17 Jahre schreibt er an einer Fantasy-Serie für Kinder, die Manuskripte liegen noch in der Schublade. Gerne würde er aber auch als Maler Neues wagen, Länder wie Rumänien malen, so wie er auch schon Impressionen von Honduras gemalt hat. Doch er weiß, Bilder wie sie „wären Ladenhüter“. Marc Remus wird nachdenklich, „Begeisterung ist unglaublich wichtig beim Malen, aber eben auch der Absatzmarkt“.

Annette Wollenhaupt