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17.12.2013

Die Glöckner von Frankfurt/Main

Die Glockenmonteure Günter Musholt (r) und Christian Kerkhoff (l) stehen in der Paulskirche mit ihrem Werkzeug unter einer Glocke, Dezember 2013, © Foto: PIA/Stefan Maurer
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Ohne sie kein Stadtgeläut: Ein Arbeitsbesuch bei den Glockenmonteuren der Innenstadtkirchen

Die Kirchtürme der Stadt sind ihr Arbeitsplatz, das Schlagen der Klöppel die Musik ihrer Montagefahrten: Günter Musholt und Christian Kerkhoff prüfen und steuern die Glocken, die sich viermal im Jahr zum Großen Stadtgeläut vereinen. Am Heiligen Abend um 17 Uhr wird das einzigartige Konzert wieder erklingen.

Frankfurt am Main (pia) Ein Knopfdruck und sie setzt sich in Bewegung – schwingt sachte hin und her und her und hin. Gut ein Dutzendmal, dann erst schlägt der Klöppel an. Ein tiefer Basston erfüllt den Turm der Paulskirche. Dann ein zweiter und ein dritter. Günter Musholt und Christian Kerkhoff stehen daneben und beobachten das Hin und Her der acht Tonnen schweren Bürgerglocke. Zufrieden sehen die beiden Männer aus. Fast so, als wäre es ihre eigene Glocke, die hier oben im Kirchturm läutet.

Paulskirche, © Foto: PIA/Stefan Maurer
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Alle Jahre wieder

Ein bisschen ist sie es auch. Alle Jahre wieder vereinen sich in Frankfurt die Glocken der zehn Innenstadtkirchen zum Großen Stadtgeläut. An Ostern, zu Pfingsten, am ersten Advent und am Heiligen Abend. Alle Jahre wieder zur Weihnachtszeit reisen Günter Musholt und Christian Kerkhoff aus dem rund 300 Kilometer entfernten Gescher in Westfalen an, um in den Kirchtürmen der Stadt nach dem Rechten zu sehen. Glockenmonteure bei Petit & Gebrüder Edelbrock sind die beiden, eine Glockengießerei mit über 300-jähriger Tradition. Seit über 40 Jahren lässt die Stadt ihre Kirchenglocken von den Spezialisten aus Westfalen prüfen. Schlägt der Klöppel richtig an? Falls nicht, kann die Glocke keinen reinen Ton produzieren. Sitzen alle Schrauben fest? Was ist mit den Lagern, der Mechanik, den Antriebsmotoren?

Ohne Angst, mit starken Armen

Um die Geläute zu inspizieren, braucht es gute Nerven und Ausdauer. In der Paulskirche steigen Musholt und Kerkhoff sieben Stockwerke über ein aus Holz gezimmertes Treppenhaus in den Kirchturm empor. „Harmlos“, sagt Musholt. „Im Dom geht es über eine Spindeltreppe nach oben und jede Stufe ist anders.“ „Ein Fitnessstudio brauchen wir nicht“, meint Kerkhoff und grinst. Im Gepäck haben sie lichtstarke Lampen, Werkzeug, eine neue Klöppelkappe für eine der sechs Glocken der Paulskirche. Bei der letzten Inspektion stellten die Monteure fest, dass eine der Kappen – sie verbindet den Klöppel mit der Glocke – gerissen war. Die wollen sie nun austauschen. Um an den Klöppel zu gelangen, müssen sie eine Holzplanke über die Balken des Treppenhauses legen. Darunter: nichts als Luft. Meterweit. Kerkhoff lacht: „Höhenangst dürfen wir nicht haben.“ Schwache Arme auch nicht. Manche Schrauben, die sie bei ihrer Arbeit nachziehen oder lösen müssen, sind dick wie Schiffstaue. „60er Schlüssel braucht man da“, sagt Musholt. Und Kerkhoff setzt noch einen drauf: „95er. Wir haben hier auch einen 95er“. Allein der Klöppel einer Glocke kann mehrere hundert Kilo wiegen. Musholt: „Natürlich heben wir den nicht von Hand an.“ Sie haben Geräte oder benutzen spezielle Vorrichtungen, die ihnen die Arbeit erleichtern. Trotz aller technischer Hilfsmittel: Der Bau einer Glocke und ihre Wartung sind uraltes Handwerk. „Gegossen wird auch heute noch wie von Schiller in seinem Gedicht beschrieben“, erklärt Musholt.

Glockenmonteur Günter Musholt an einem Steuerungsgerät für die Glocken der Paulskirche, Dezember 2013, © Foto: PIA/Stefan Maurer
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Unruhe am ersten Advent

Geläutet wird heute allerdings nicht mehr von Hand. Computer, kleine, unscheinbare Kästen in den Treppenhäusern der Kirchtürme, sind die Dirigenten des Großen Stadtgeläuts, nur in der Nikolaikirche wird der Startschalter von Hand gedrückt. „Wir programmieren die Computer jedes Jahr wenn wir die Glocken warten. Sie regeln das Geläut dann das ganze Jahr über.“ Am ersten Advent saß Günter Musholt zu Hause in Westfalen und dachte „hoffentlich klappt alles“. Hat alles geklappt: Alle Glocken haben wie geplant geschlagen. „Und wenn nicht, würden wir das sofort erfahren“, meint Musholt. Die Frankfurter lieben ihr Stadtgeläut, einige sind echte Spezialisten, die sich bei einem Missklang sofort beschweren. Gut eine halbe Stunde dauert das Konzert: Den Auftakt bildet fünf Minuten vor seinem eigentlichen Beginn die Bürgerglocke der Paulskirche. Es folgen die Katharinenkirche, die Liebfrauenkirche, die Peterskirche und die Heiliggeistkirche am Dominikanerkloster. Auch die Leonhardskirche, die Kirche am Karmeliterkloster, die Alte Nikolaikirche am Römerberg und die Sachsenhäuser Dreikönigskirche fügen sich in den Chor ein. Bis sich, als Höhepunkt des Klangspektakels, das Geläut des Doms erhebt.

Einmalige Sinfonie

Die Monteure aus Westfalen warten Glocken in ganz Deutschland – von den Nordseeinseln bis ins Allgäu, Musholt seit beinahe 50 Jahren, Kerkhoff seit knapp 30. Der Auftrag in Frankfurt ist dennoch etwas Besonderes für die beiden Männer. „Die Glocken hier sind Prestigeobjekte“, meint Musholt. Ein Stadtgeläut wie das hiesige hört man auf der ganzen Welt nicht noch einmal. Als Vater des Glockenkonzerts gilt der Mainzer Professor Paul Smets. Offenbar mit feinstem musikalischem Gehör gesegnet, begann er mit der Planung bereits 1954. Als staatlicher Sachverständiger für Orgelbau und Glockenwesen hatte er nach Kriegsende im Auftrag der Stadt den noch verbliebenen Bestand an Glocken zu prüfen. Viele von ihnen waren zuvor zu Kriegszwecken eingeschmolzen worden, um Kupfer und Zinn zu gewinnen. Ausgerechnet das Geläut des Doms mit seinen neun Glocken blieb verschont. Durch Zufall – eine Bombe hatte den Ofen zerstört, in dem sie eingeschmolzen werden sollten. So konnten sie 1947 in den Domturm zurückkehren. Smets ersann bei seiner Prüfungsarbeit das Konzept, alle Einzelglocken der zehn Innenstadtkirchen aufeinander abzustimmen, um so eine große Harmonie zu schaffen. Das Ergebnis dieser Arbeit halten Fachleute für einmalig.

Glocken im Turm der Paulskirche, Dezember 2013, © Foto: PIA/Stefan Maurer
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Glockensturz und Kirchturmwanken

Doch nicht immer konnten alle Glocken erklingen. Nach dem Krieg dauerte es Jahre, bis alle Geläute wieder vollständig waren. Die Gloriosa, die 11.950 Kilogramm schwere Glocke des Doms und die zweitgrößte Deutschlands, musste Anfang der 1990er Jahre wegen eines Risses geschweißt werden. Zwei Wochen Planung braucht es, um die Glocke aus dem Domturm zu hieven, erinnert sich Musholt. Die Bürgerglocke in der Paulskirche kam vor ein paar Jahren derart in Schwung, dass sie die darüber hängende Christusglocke aus ihrem Lager hob, sie zu Boden stürzen ließ. „Das kann nicht mehr passieren.“ Musholt und Kerkhoff deuten mit ihren Zollstöcken auf eine Nase am riesigen Stahlring, über den die Bürgerglocke bewegt wird. Sollte sie nochmal zu heftig schwingen, würde die Nase an eine Feder stoßen und damit das Signal zum Anhalten geben.

Beim Geläut der Katharinenkirche meldete das Hochbauamt vor einiger Zeit Bedenken an: Wenn die Glocken läuteten, kam der Kirchturm bedenklich ins Wanken. Auch dieses Problem konnten die Monteure regeln. „Wir haben die Glocken neu eingestellt“, sagen sie. Genauer: Sie haben die Joche, an denen die tonnenschweren Klangkörper befestigt sind, ausgetauscht. Ihr Schwingungsgrad wurde von 60 bis 70 auf 35 reduziert, die mechanische Läutemaschine durch eine elektrische ersetzt. Kerkhoff: „Jetzt wackelt nichts mehr.“ Nur im Karmeliterkloster können Musholt, Kerkhoff und Kollegen nichts machen: Hier gibt es Probleme mit der Statik, deswegen bleibt das Geläut vorerst stumm.

Die Glockenmonteure Günter Musholt (l) und Christian Kerkhoff (r) stehen auf dem Glockenturm der Paulskirche vor der Skyline, Dezember 2013, © Foto: PIA/Stefan Maurer
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Traditionstreff am Heiligen Abend

Manche Fans werden das Fehlen des Klostergeläuts heraushören. Doch der Großteil der Frankfurter wird sich daran nicht stören. Fest steht: Wenn am Heiligen Abend um kurz vor 17 Uhr der Klöppel der Bürgerglocke in der Paulskirche zum ersten Mal anschlägt, werden sich Hunderte auf dem Römerberg und in den umliegenden Gassen versammeln, um dem Großen Stadtgeläut zu lauschen. „Der beste Platz ist auf dem Eisernen Steg“, weiß Günter Musholt. Dabei hat er das Glockenkonzert noch nie live gehört. Nur auf CD. Aber seiner Frau hat er versprochen: „Wenn ich in Rente bin, fahren wir nach Frankfurt und hören uns das Große Stadtgeläut an.“

Anja Prechel