Logo FRANKFURT.de

02.10.2019

So wild ist unsere Stadt Teil I/II

Von wegen Tiere haben keinen Platz im urbanen Raum – Welche Arten fühlen sich in Frankfurt heimisch? Und was wird getan, um sie in der dichtbesiedelten Stadt zu erhalten? Zum Welttierschutztag am 4. Oktober werfen wir einen Blick auf Frankfurts tierische Vielfalt.

Teil I: Zu Land, zu Wasser und in der Luft: Die wilden Tiere sind zurück in der Stadt!

(ffm) Die Beute ist erspäht, der richtige Zeitpunkt abgepasst, dann geht es im Sturzflug senkrecht in die Tiefe – und zwar mit bis zu 320 Stundenkilometern! Einen Wanderfalken bei der Jagd zu beobachten bleibt nur wenigen vergönnt. Seit einigen Jahren hat man, mit etwas Glück, nicht nur weit draußen in der Wildnis, sondern auch mitten in Frankfurt eine Chance, das seltene Naturschauspiel zu erleben. In luftiger Höhe, auf den Wolkenkratzern der Mainmetropole, haben die majestätischen Vögel ihre Brutplätze bezogen und finden dort optimale Bedingungen vor: „Sie nehmen die Skyline als Felsenlandschaft wahr. Beispielsweise bieten die kleinen kiesigen Dachflächen auf dem Commerzbank-Turm ideale Brutnischen. Vereinzelt stehen Mäuse oder kleine Säugetiere, bevorzugt aber Tauben auf der Speisekarte – und davon gibt es in Frankfurt wirklich mehr als genug“, erklärt Volker Rothenburger, Leiter der Unteren Naturschutzbehörde der Stadt Frankfurt.

Wanderfalken-Jungvogel auf der Commerzbank, im Hintergrund der Messeturm, © Foto: Michael Sauer
Dieses Bild vergrößern.

In den 1970er Jahren waren die Jäger der Lüfte beinahe ausgestorben. Für Rothenburger ist der wachsende Bestand von Wanderfalken, aktuell sind es zwischen 12 und 14 Brutpaare im Raum Frankfurt, ein Riesenerfolg und ein Aushängeschild für den Artenschutz. „Das Schöne ist: Inzwischen hat Frankfurt durchaus eine Verantwortung für den bundesweiten Bestand des Greifvogels“, hebt der 58-Jährige stolz hervor. In Zeiten des Klimawandels und des Artensterbens ist die Sensibilität für die Vielfalt von Tieren und Pflanzen eine andere – auch in der Großstadt.

„In den letzten Jahren hatten wir einige großartige Naturschutzerfolge“, sagt Umweltdezernentin Rosemarie Heilig. „Biber und Storch sind zurück, in den Streuobstwiesen lebt eine der größeren Steinkauzpopulationen Deutschlands, zu Füßen der EZB wuseln Eidechsen, in der Dämmerung gehen in den Parks Fledermäuse auf die Jagd. Frankfurt hat eine ausgesprochen vielfältige Stadtnatur. Die Wildnis erobert die Stadt.“

Wer eingreift, muss auch ausgleichen

Das funktioniert natürlich nur, weil vielerorts die passenden Rahmenbedingungen geschaffen werden. Kein Tier soll leichtfertig übersehen werden. Eine riesige Herausforderung in einer Stadt, die ständig wächst, bestätigt Rothenburger. „Bis zu einem gewissen Grad ist es möglich, die bauliche Weiterentwicklung der Stadt mit der biologischen Vielfalt unter einen Hut zu bringen. Wenn man allerdings wirklich Arten in der Landschaft erhalten will, ist das mit der Neuanlage von Biotopen und oft mit einem dauerhaften Pflegeaufwand verbunden.“ Häufig ist das Prinzip „Eingriff-Ausgleich“, 1981 gesetzlich eingeführt, der Ausgangspunkt: Diese Regelung besagt, dass jedes Bauprojekt, jeder Eingriff in die Natur, an anderer Stelle wieder mit einer ökologischen Gegenmaßnahme ausgeglichen werden muss.

„Es hat lange gedauert, dieses Prinzip mit Leben zu füllen“, erinnert sich Rothenburger. „Die Sensibilität bei Architekten, bei Investoren ist immens gestiegen. Es ist überhaupt nicht mehr strittig, dass der Natur- und Artenschutz bei neuen Projekten eine Rolle spielen muss. Die Generation ist eine andere, die Sorge um die Natur größer“. Doch eine ökologisch wertvolle Planung ist dabei nur der erste Schritt: „Tolle Pläne sind nur dann etwas wert, wenn die Pflege im Anschluss gewährleistet ist“, versichert der Landschaftsplaner.

Mauereidechse nahe dem Hafenpark, September 2017, © Foto: KuS/Stefan Maurer
Dieses Bild vergrößern.

So sollten etwa beim Umzug der EZB vom Willy Brandt-Platz ins Ostend damals nicht nur die Bankangestellten, sondern auch die Mauereidechsen, die im Schotterbett an der früheren Großmarkthalle Unterschlupf gefunden hatten, ein neues Zuhause bekommen. Dank des warmen Weinbauklimas fühlt sich das eigentlich im Mittelmeerraum verwurzelte Reptil auch im Rhein-Main-Gebiet pudelwohl. Umso wichtiger, dass das neu eroberte Domizil nicht arglos zerstört, stattdessen an anderer Stelle neu, ja sogar mit besseren Lebensbedingungen wieder aufgebaut wurde. Mehrere hundert Exemplare wurden von einem beauftragten Spezialisten vor dem Bau des neuen Bankenturms eingefangen, ausgesiedelt und später im Ostend wieder in die Freiheit entlassen. Die Planungen der EZB sahen von Beginn an vor, das Außengelände so artgerecht zu gestalten, dass die Tiere ihre neue Heimat selbstständig erkennen und auswählen konnten. Heute leben wieder hunderte Mauereidechsen rund um den Bankenturm.

Die Erfolgsgeschichte des Bibers

Sogar der Biber ist zurück in Frankfurt. Sowohl am Main als auch an der Nidda hat er sich häuslich eingerichtet. Für den Nager ist es üblich, dass der Nachwuchs aus der Obhut der Eltern vertrieben wird. Aus diesem Umstand heraus sind Jungtiere eines Tages aus dem Spessart entflohen und den Flusslauf des Mains entlang gewandert.

Heute findet der Biber beispielsweise in der neu entstehenden Auenlandschaft am Mainbogen in Fechenheim einen Lebensraum ganz nach seinem Geschmack. Beim größten Naturschutzprojekt seit dem „Alten Flugplatz“ erhält der Main zwei Altarme und mehrere Tümpel als Rückzugsraum für Fische, Amphibien und Vögel. Hier kann der Biber seine Burgen bauen. „Der Biber ist eine Art, die das ganze Potenzial einer Großstadt zeigt. Er ist dämmerungsaktiv und relativ störungsunempfindlich. Mit Hunden oder Spaziergängern kann er sich also wunderbar arrangieren. Was er braucht ist ein naturnahes Flussufer“, erläutert der städtische Naturschützer. Besonders die Renaturierungen an Main und Nidda haben die erfolgreiche Rückkehr des Bibers beeinflusst.

Ein tierisches Frankfurt ist ein besseres Frankfurt – Ein Blick in die Zukunft

„Ein riesiger Schritt für die nächsten zehn, zwanzig Jahre, um das Thema biologische Vielfalt noch fundierter in die Planungsprozesse der Stadt einzubringen, wird das Arten- und Biotopschutzkonzept sein“, erklärt Rothenburger. Auch wenn noch kleine Änderungen ausstehen, hat die riesige Bewertungskarte bereits einen festen Platz in seinem Büro. Darauf sind alle Flächen nach verschiedenen Kriterien eingestuft und, gemessen am Wert für den Natur- und Artenschutz, mit einer bestimmten Farbe markiert. Eine Biotopvernetzungskarte und ein konkreter Maßnahmenplan sind derzeit noch in Arbeit. Wenn das Konzept in einem Jahr vorliegt, können Planungen die Auswirkungen für Flora und Fauna gezielter miteinbeziehen. Mit diesem Maßnahmenplan ist die Stadt Frankfurt in der Lage, die Pflanzen- und Tierpopulationen langfristig stabil zu halten oder sogar zu verbessern.

Bis Tier und Mensch in der Stadt noch besser im harmonischen Zusammenspiel miteinander leben können, braucht es weiterhin den leidenschaftlichen Einsatz von Volker Rothenburger und seinem Team: „Bei all unseren Tätigkeiten haben wir die Absicht, die Lebensqualität der Bevölkerung in Frankfurt langfristig zu verbessern. Denn wer durch eine grüne Umgebung gehen kann, dem geht es erwiesenermaßen einfach besser“, unterstreicht er. Wer das Glück hat, demnächst einen Biber durch den Main paddeln oder eine Fledermaus durch den Nachthimmel schwirren zu sehen, wird dem sicher zustimmen.

Text: Jan Hassenpflug