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12.10.2018

Frankfurt-Thema: ‚Unsere Bäume nehmen alles mit!‘

Baumkontrolleur Andreas Schleich sägt auf der Arbeitsplattform des Hubsteigers, September 2018, © Stadt Frankfurt am Main, Foto: Stefan Maurer
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Unterwegs mit den Baumkontrolleuren des Grünflächenamts

(ffm) Die Kirsche mit der Nummer 46 auf dem Bruchfeldplatz in Niederrad passt rein optisch gar nicht zu ihren Artgenossen. Tragen diese noch Blätter in sommerlichem Grün und herbstlichem Gelb, fehlt dem Baum jedes Laub. Die 46 steht irgendwie traurig da. Baumkontrolleur Peter Kistinger hebt vorsichtig mit einem Messer die ausgetrocknete Rinde an. Er diagnostiziert: „Der Baum ist tot, da können wir leider nichts mehr machen!“ Deswegen wird ihn das Grünflächenamt fällen müssen, damit das morsche Gehölz – etwa bei einem Sturm – niemanden verletzt oder Sachen beschädigt. Denn darum geht es bei der Arbeit der Baumkontrolleure immer. Im elektronischen Baumkataster der Stadt Frankfurt sind derzeit rund 235.000 Bäume auf öffentlichen Flächen erfasst. Je nach Gesundheitszustand wird jeder dieser Bäume in der Regel ein- oder zweimal pro Jahr kontrolliert, problematische Exemplare häufiger.

Fachleute aus den Bezirken Ost, Mitte, Nord und West untersuchen die Gehölze auf ihren regelmäßigen Gängen. Dabei lernen sie ihr Revier ziemlich genau kennen. „Bei der letzten Kontrolle hast du ihn nicht gehabt?“, fragt Kistingers Vorgesetzer Tim Weber mit Blick auf die Ergebnisse die bisherige Baumkontrolle im zurückliegenden Frühjahr und Sommer. Kistinger - beide arbeiten im Bezirk Mitte - schaut in sein Tablet-PC und verneint. Über das Gerät greifen die Kontrolleure auf das städtische Baumkataster zu. Auf einem Stadtplan erscheinen die Standorte der Gewächse. Klickt man auf das entsprechende Symbol, erscheint ein Datenblatt mit dem gesamten gesundheitlichen Lebenslauf des Baumes einschließlich Pflanzjahr. Die Kontrolleure haben somit mobilen Zugriff auf sämtliche Patientendaten aller 42.000 Bäume alleine im Bezirk Mitte.

Absperrung für Sägearbeiten eines Baumkontrolleurs auf der Arbeitsplattform des Hubsteigers, September 2018, © Stadt Frankfurt am Main, Foto: Stefan Maurer
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Auswirkungen des heißen Sommers lassen sich erst später absehen

Was exakt Kirsche 46 - erkennbar an dem kleinen Schild am Stamm - zugesetzt hat, können Weber und Kistinger nicht im Detail sagen. Häufig befallen Pilze die Bäume und schädigen diese. Allerdings muss dafür das Immunsystem des Gehölzes schon angegriffen sein, erläutert Weber. „Unsere Bäume stehen immer mehr unter Stress“, sagt der Baumkontrolleur. Der zunehmende Verkehr und andere Einflüsse schwächen die Gewächse in den letzten Jahren zunehmend. Hierzu gehören etwa die Klimaveränderung und der heiße Sommer 2018. Allerdings lassen sich dessen Effekte aktuell noch nicht genau bestimmen. „Die Auswirkungen der Trockenheit kennen wir exakt erst in zwei Jahren“, sagt Weber.

Auch das stete Treiben auf den Baustellen im Stadtgebiet trägt nach Erfahrung der Baumkontrolleure nicht zum Wohl ihrer Schützlinge bei. Mal reißt ein Kran einen großen Ast ab, dann durchtrennt eine Baggerschaufel eine Wurzel. Was eigentlich nicht sein dürfte. Denn im Wurzelbereich dürfen Gräben nur mit Hand ausgehoben werden – eigentlich! Passiert ein Wurzelabriss, kann im schlimmsten Fall die Standsicherheit des Baumes so stark beeinträchtigt sein, dass er auf Fußgänger oder den Straßenverkehr zu kippen droht. Damit so etwas nicht passiert, haben das Grünflächenamt und das Amt für Straßenbau und Erschließung ein „Merkblatt für den Baumschutz im öffentlichen Raum“ heraus gegeben.

Baumkontrolleur Peter Kistinger untersucht einen Baum, September 2018, © Stadt Frankfurt am Main, Foto: Stefan Maurer
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Nicht alle Schäden sind für den Laien zu erkennen. Robinie Nummer 160 an der Ecke Bockenheimer Land-/Mendelssohnstraße trägt grüne Blätter und scheint auch sonst ganz ordentlich im Saft zu stehen. Aber der Eindruck trügt. Baumkontrolleur Kistinger kniet sich vor den Stamm und holt einen dünnen, etwa 30 Zentimeter langen Metallstab hervor. Zuvor hat er mit einem Spatel die Rinde freigelegt. Mit seinem Kontrollstab dringt er in das Innere des Baums vor. Pilze haben Teile des Stammes zersetzt. Daher hatten die städtischen Baumkontrolleure einen externen Gutachter beauftragt. Dieser kam zu dem Schluss, dass der Baum nicht standsicher sei und daher gefällt werden müsse. Aber was hat der Robinie zugesetzt? Möglicherweise waren es die Bauarbeiten für die U-Bahn in den 80er Jahren. Oder das winterliche Streusalz? Der Straßenstaub oder die Abgase? Wahrscheinlich war es von allem etwas. Denn: „Unsere Bäume nehmen alles mit“, sagt Weber. Als besonders empfindlich gelten inzwischen Robinien. Diese müssten häufig gefällt werden. Pflanzt das Grünflächenamt neu an, greift es immer mehr auf Gattungen aus wärmeren Regionen zurück, wo es im Sommer sehr warm und trocken und im Winter immer noch sehr kalt ist. Hierzu gehören etwa der Amberbaum, die Hopfen-Buche, die Säulen-Gleditschie, der Ginkgo, die Blasenesche, der Japanische Schnurbaum sowie aber auch der Feldahorn oder andere einheimische Gehölze, deren Sorte sich bewährt hat.

Die Arbeitsplattform des Hubsteigers transportiert den Baumkontrolleur in maximal 22 Meter Höhe, September 2018, © Stadt Frankfurt am Main, Foto: Stefan Maurer
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Die Bürger interessieren sich für für „ihre“ Bäume

Andere Auswirkungen setzen den Bäumen kurz und schnell zu. „Da müssen wir schnell was machen“, sagt Kistinger zu seinem Kollegen Weber und zeigt nach oben. Bei einer Robinie im Oeder Weg hat der Sturm zwei Tage zuvor einen Ast in zehn Meter Höhe abgerissen. Er liegt auf den anderen Zweigen.

Ein Telefonat und etwa 15 Minuten später rangieren Andreas Schleich und Felix Bitterer ihren Hubsteiger – ein Lastwagen mit ausfahrbarer Arbeitsplattform – in den Weg auf dem Parkareal. Während Schleich mit dem Gelenkarm nach oben fährt, sperrt Bitterer das Gebiet unter dem Baum weiträumig ab. Die beiden Männer stehen über Headsets an ihren orangenen Helmen miteinander in Kontakt. Schleich sagt seinem Kollegen kurz, was er sieht und dass er jetzt mit der Arbeit beginnt. Das typische Geräusch der Kettensäge ist zu hören, dann fallen die Teile des Astes in das abgesperrte Areal. Immer wieder bleiben einige Passanten stehen und verfolgen das Schauspiel. Eine Nonne im Habit erkundigt sich bei den Männern in ihrer orangenen Arbeitskleidung intensiv, was denn mit dem Baum los ist.

Auch das gehört zu den Erfahrungen der Baumkontrolleure. Die Bürger der Stadt interessieren sich für „ihre“ Bäume, ebenso wie die insgesamt rund 250 Mitarbeiter der Abteilung Grünflächenunterhaltung im Grünflächenamt. Die Baumkontrolle und die Baumpflege hat die Stadt Frankfurt im Haushaltsjahr 2017 insgesamt rund 3 Millionen Euro gekostet.

Einen kleinen Film zur Arbeit der Baumkontrolleure gibt es unter frankfurt.de auf Facebook.

Text: Ulf Baier