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Mode kaufen!

Sie heißen „Charlotte am Main“, „Ich war ein Dirndl“ oder „Frauenkluft“: Das Areal rund um die Sachsenhäuser Brückenstraße mit seinen vielen jungen Designerlabels ist inzwischen nicht mehr nur ein Insidertipp. Den besonderen Charme des Viertels macht die ungewöhnliche Mischung von Traditionsgeschäften, Modeläden und Kulturtreffs aus.

Frankfurt am Main (pia) Das Apfelweinviertel ist gleich um die Ecke. Aber rund um die Brückenstraße in Sachsenhausen weht ein ganz anderer Wind. Mit Myriam Beltz und ihrem Designladen „Lieblingsstücke“ hat vor Jahren alles begonnen. Ihr folgten weitere Designer, ein Ping-Pong-Effekt trat ein, bis das Quartier heute zu einem der trendigen Mode- und Szenetreffs in Frankfurt geworden ist. Auch der russlandstämmige Modedesigner Leonid Sladkevich fand Gefallen am Viertel. Eine comicgefütterte Herrenhose, eine ehemalige Militärjacke, an der statt Orden putziger Modeschmuck gleich im Dutzend hängt – Sladkevichs Mode fällt aus dem Rahmen. Seine Stammkunden kommen aus der ganzen Welt, aus Saudi-Arabien, Asien, Russland. Im Schaufenster des Ladens hängt ein riesiger genähter Fisch als Markenzeichen, und viele kleine Fische liegen unter Vitrinenglas aus: Kettenanhänger. Der Modemacher hat industrielle Massenware - in Sushi-Restaurants reicht man Gästen Sojasauce in den kleinen Plastikfischtuben - zu Modeschmuck gemacht. „Ich mag Ironie in der Mode“, sagt er, „und ich glaube, die Frankfurter haben Sinn für Humor.“

Tüll, viel Farbe und „Transshopping“

Die Spezialität von Charlotte am Main in der benachbarten Wallstraße sind Minikleider im 20er Jahre oder Sixty-Stil; ihr Compagnon Frank Harling kreiert vor allem Röcke: voluminös, mit Tüll und Organza, angelehnt an die 30er bis 50er Jahre. Im Schaufenster liegen Fotografien von Marilyn Monroe und Marlene Dietrich aus. Direkt nebenan betreibt Diane Terodde ihren „Frauenkluft“-Modeladen. „Frauen brauchen Abenteuer“, ist sie überzeugt und bietet vor allem eins: viel Farbe. Man kann auf fertige Modelle zurückgreifen, auf Etuikleider etwa oder Röcke aus Retro-Look-Stoffen, oder sich ein liebgewonnenes eigenes Kleidungsstück unter dem Stichwort „Transshopping“ von der jungen Designerin umgestalten lassen. Jutta Heegs „Ich war ein Dirndl“-Laden in der Brückenstraße ist liebevoll mit altem 50er- und 60er-Jahre-Mobiliar eingerichtet. Die studierte Politologin macht aus Alt Neu, kauft Stoffe vergangener Jahrzehnte von aufgelösten Schneidereien auf, versieht sie mit Schriftzügen, mal frech, mal poetisch, mit Borten und Applikationen. Auf T-Shirts und kleine Wandbilder hat sie Frankfurt-Motive wie den Eisernen Steg, den Henninger-Turm oder die alte Großmarkthalle gedruckt.

Die Mischung macht den Charme

Den besonderen Charme des Brückenstraßenviertels macht die ungewöhnliche Mischung aus. Inmitten einer immer größer werdenden Anzahl junger Modedesignläden trifft man unverhofft auf Kulturstätten wie die „Ausstellungshalle Schulstraße 1A“, eine ehemalige Waschhalle, die man hinter einem nahezu abbruchreifen Vorderhaus erst entdecken muss und in der Frankfurter Künstler ihre Arbeiten zeigen. Man trifft aber auch immer noch auf Traditionsgeschäfte. Am längsten in der Brückenstraße beheimatet ist die Bäckerei Hanss, die im vergangenen Jahr das 75-jährige Bestehen feierte. Zu denen, die der Brückenstraße bis heute die Treue gehalten haben, gehört auch Renate Krause. Ihr kleines Blumengeschäft ist auf sympathische Weise unmodern. Über dem Schaufenster hängt immer noch das schlicht gehaltene Ladenschild, das die heute 77 Jahre alte Floristin vor 35 Jahren aufgehängt hat. „Blumen“ steht da, in grasgrünen Buchstaben, eingerahmt von zwei roten Rosen. Nicht ganz so lange gibt es die Krimibuchhandlung „Die Wendeltreppe“. Vor 22 Jahren eröffneten Jutta Wilkesmann und Hildegard Ganßmüller das kleine Paradies für Freunde des guten Kriminalromans, das heute rund 3.000 Titel vorrätig hat. Zur Tradition geworden sind Krimilesungen. Sogar die große Patricia Highsmith war hier zu Gast, zwei Jahre vor ihrem Tod.

Das Designgeschäft Colekt in der Brückenstraße © PIA Stadt Frankfurt am Main
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Eine Apotheke ist zum Treff für Kreative geworden

Vis à vis schlagen Architektin Petra Wagner und Grafikdesignerin Stephanie Keidel mit ihrem Design-Geschäft „Colekt“ die Brücke zwischen Tradition und Moderne. Ungewöhnliche Designprodukte aus aller Welt präsentieren sie im liebevoll hergerichteten Ladenraum. Dort wo früher Apothekerinnen Medikamente über die Theke reichten, steht heute eine große Cafébar. Man versteht sich als Treffpunkt für Kreative und Kulturinteressierte, lud schon zu Lesungen, Theater und einem „Heimatabend mit Apfelweinausschank“ ein. Das Besondere an Colekt: Ursprüngliche Elemente des früheren Apothekenraumes blieben erhalten und wurden in die neue Gestaltung einbezogen. Aus einzelnen Neonröhrenbuchstaben des alten „Carolus-Apotheke“-Namenszuges haben die Design-Shop-Betreiberinnen den Namen „Colekt“ zusammengesetzt. Die alte, elegant geschwungene Galerie mit ihren beleuchteten Vitrinen ist ein Hingucker wie auch die originalen hölzernen Schubladen und Vitrinen.

Annette Wollenhaupt