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05.04.2011

Frankfurt, seit bald 30 Jahren Teil einer Jugendbewegung namens Techno

(pia) Vor 30 Jahren machte ein 18-jähriger Nachwuchs-DJ mit expressiven Tanzeinlagen und bizarren Verkleidungen in der Flughafendisco Dorian Gray auf sich aufmerksam. Sein Name: Sven Väth. Ungefähr zur gleichen Zeit sortierte ein 19-Jähriger in einem Plattenladen in der B-Ebene des Frankfurter Hauptbahnhofs eine Anzahl nicht kategorisierbarer Scheiben von Kraftwerk bis Depeche Mode neu und versah sie mit dem Schlagwort „Techno“. Sein Name Andreas Tomalla, später bekannt als Talla 2xlc.

Zugegeben – es waren bescheidene Anfänge, die heute als Geburtsstunde des Techno in Frankfurt bemüht werden müssen. Aber welche Bewegung hat je groß angefangen? Denn eine Bewegung war es (und nicht etwa nur ein Musikstil!), die im Laufe der späten 1980er und dann vor allem in den 1990ern ihre volle Stärke entfaltete: Techno, die Jugendkultur der vergangenen Jahrzehnte. Raver mit schrillen Klamotten, blondierten Haaren, neongelben Anzügen – und das alles in Frankfurt, der Stadt Goethes und der kleinsten Metropole der Welt.

Hier gab es mit dem Dorian Gray, dem Omen, das zunächst Vogue hieß, die Clubs, in denen DJs sich ausprobieren und austoben konnten. Noch wichtiger war, dass zu dieser Zeit in Frankfurt eine ganze Reihe von Persönlichkeiten zusammen wirkte. Neben Väth und Tomalla waren das Michael Münzing (später Produzent von Snap), Torsten Fenzlau (Gründer von Culture-Beat), Ulli Brenner (Produzent von La Bouche), Mark Spoon (bürgerlicher Name: Markus Löffel) und DJ Dag (Dag Lerner). Namen, die bis heute weltweit einen Klang haben.

Nomen est Omen

Mitte der 1990er war das Omen in der Junghofstraße 14 „the Place to be“. Wer als DJ etwas auf sich hielt, musste dort spielen. Höchstens der Tresor in Berlin war vom Renommee her in Deutschland mit dem Omen vergleichbar. Während andere Clubs nachts um zwei oder drei Uhr zumachten, ging es im Omen erst los. Alle kamen, vom Banker bis zum Zuhälter. Dieser Laden schluckte einfach alles. Und vor sieben, acht Uhr fiel auch kaum einem ein, wieder zu gehen. „Der letzte macht das Omen zu“, wurde in dieser Zeit zum geflügelten Wort unter Ravern.

Die Gäste kamen beileibe nicht nur aus Frankfurt. Der Techno profitierte seinerzeit sehr stark auch vom Frankfurter Umland. Und das war gewaltig: Es soll Leute gegeben haben, die jedes Wochenende aus dem Allgäu anfuhren, um ins Omen zu gehen. Viele dehnten ihren Tanzrausch über das Wochenende aus. Ein paar kurze Pausen nur, bevor es weiterging. Montags zurück auf der Arbeit fühlten sich die Marathontänzer körperlich natürlich ausgepowert. Aber das Rauscherlebnis nächtelangen Tanzens wirkte nach. Jeder konnte aus dem Erlebten für sich Kraft ziehen. Man fühlte sich „happy“.

Natürlich ging das nicht nur mit rechten Dingen zu. In den 1990ern waren verstärkt synthetische Drogen aufgekommen. Die Raver konsumierten auch neuartige Energy-Drinks, um sich wach zu halten. Auch das Omen musste zwischendurch nach einer Polizei-Razzia für einige Wochen schließen. Die Geschichte des Techno in Frankfurt – das ist auch eine Geschichte von Drogen.

Der „Babba“ wird verehrt

Maßstäbe setzte damals Sven Väth. Er überstrahlte alles und alle. Wenn er den Raum betrat, richteten sich die Blicke aller auf ihn, den eine Art Aura umgab. Abende mit Sven Väth dauerten besonders lang. Denn während andere nur auflegten, erzählte er mit seinen Tracks eine Geschichte. Erst empfing er die Leute mit Ambient- und House-Sachen ab, legte teilweise sogar ganz ohne Beat auf. Es folgten „housigere“ Stücke, bevor es irgendwann packender wurde.

Was wie ein einfach zu kopierendes Rezept klingt, machte Sven Väth zu seinen besten Zeiten kaum jemand nach. Er fühlte die Menge, er fühlte die Musik, und brachte beide zusammen. Das gelang ihm derart subtil, dass irgendwann, ohne das man besonders darauf geachtet hätte, „der ganze Laden brannte“.

Sven Väth wurde und wird von vielen seiner Anhänger liebevoll „Babba“ genannt. Das war schon keine Zuneigung mehr. Das war Verehrung.

Traumberuf Discjockey

Es war eine Zeit, in der Discjockey für tausende zum Traumberuf wurde. Plattenspieler und Mischpult gehörten zum heimischen Pflichtinventar. Man besuchte sich, um Musik zu machen.

Der ursprünglich anarchische Techno wurde wohnzimmertauglich – auch dank einer weiteren Frankfurter Institution: der „hr3-Clubnight“, die 1990 als eines der ersten DJ-Radio-Formate etabliert wurde. Die Sendung wurde schnell Kult. Immer samstags von 21 bis 24 Uhr bot sie vor allem DJs aus Rhein-Main ein Forum. Wer wollte, konnte sich ein paar Tage später die Playlist im Videotext abrufen. Internet steckte Ende der 1990er noch in den Kinderschuhen. Man notierte sich einfach die Namen und ging mit dem Zettel in einen der vielen Plattenläden, um den neuen Sound zu besitzen.

Das System funktionierte. In Frankfurt entstand eine ganz neue Industrie rund um Techno. Plattenläden, DJ-Booking-Agenturen, Magazine. 1989 wurde in Frankfurt das Magazin Groove gegründet, das erste für elektronische Musik überhaupt in Deutschland. Raver schrieben für Raver. Zunächst kostenlos. Zeitweise lag die Auflage deutschlandweit bei 100.000. Gleich mehrere Plattenläden konzentrierten sich ausschließlich auf Techno. Das Delirium in der Töngesgasse und Boyrecords in der Klingerstraße waren nur die wichtigsten. Diese Läden waren weit mehr als Geschäfte. Es waren soziale Orte. Hier traf man sich, pflegte Kontakte, tauschte sich über neue Musik, DJs oder Partys aus. Veranstaltungen wurden noch mehr als heute mit Flyern beworben. Wer informiert sein wollte, musste Flyer sammeln. Und dafür wiederum musste er in den Plattenladen.

Frankfurt atmete damals förmlich internationales Flair durch seine DJs. Booking-Agenturen vermittelten sie weltweit ins Ausland. Sven Väth geht heute noch auf Welttournee. Talla 2xlc bekam 2010 von Kulturdezernent Felix Semmelroth die Ehrenmedaille der Stadt verliehen – weil dieser den Namen und das kulturelle Ansehen der Stadt Frankfurt in der Welt gefördert hatte.

Die Agenturen brachten zudem die Stars von anderswo nach Frankfurt: DJs aus den USA, England, Schweden, Italien, Belgien, Holland oder Frankreich – sie alle legten in Frankfurt auf. Woche für Woche ein anderer. Und am liebsten im Omen. Mitte bis Ende der 1990er war Frankfurt wirklich die Technohauptstadt, deren Bedeutung weit über Deutschland hinaus ragte.

Ist Techno schon Geschichte?

Mit der Schließung des Omens 1998 ging eine Ära zu Ende. Bis heute gibt es Leute, die diesen alten Zeiten nachtrauern. Viele ältere Raver gingen erstmal gar nicht mehr weg und hörten mit dem Feiern auf. Die Speerspitze der Bewegung war damit abgebrochen.

Ins kurz darauf eröffnete U60311, einen Club unterhalb des Roßmarktes, kam schon eine andere Generation. Es waren Leute, die mit Techno groß geworden waren, für die das nichts Neues mehr war. Techno war in der Gesellschaft angekommen. Es gab keinen Grund mehr, sich schrill anzuziehen. Es war auch nicht mehr so viel dabei, lange wegzugehen und erst mittags wieder zu Hause zu sein.

Langsam aber sicher ging der Graswurzelcharakter verloren. In den Nullerjahren setzte die Professionalisierung ein. Bei den DJs trennte sich die Spreu vom Weizen. Nur ein erlesener Kreis kann heute noch vom Auflegen leben. Das Cocoon, der Vorzeige-Technotempel Frankfurts, ist bestimmt doppelt so groß wie das Omen damals. Nicht wenige kritisieren Väths Laden an der Hanauer Landstraße als Commerz-Tempel.

Das Magazin Groove wurde 2005 an einen Verlag in Berlin verkauft. Die hr-Clubnight gibt es zwar noch. Sie wurde 2001 aber auf die Jugendwelle YouFM verlegt. Ihren Kultstatus aus den 1990ern hat sie eingebüßt.

Der Plattenindustrie machte auch der technologische Fortschritt zu schaffen. Mit Aufkommen des digitalen MP3-Formates wurde viel weniger Vinyl gekauft als früher. Playlists gab es online. Viele Läden gingen pleite. Der soziale Zusammenhalt innerhalb der Szene schwächte sich merklich ab.

Heute ist die Club-Landschaft in Frankfurt sehr weit verzweigt: Tanzhaus West, Cocoon, Monza, Homeclub sowie Robert Johnson und Hafen2 in Offenbach spielen alle elektronische Musik. Doch der alles mitreißende Boom von damals ist vorbei. Andererseits sind in Frankfurt Strukturen entstanden, die bis heute existieren und womöglich auch wieder genützt werden könnten.

Stefan Röttele