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07.05.2019

Erfolgreiches Impfprojekt im Bahnhofsviertel gegen HIV und Hepatitis

Behandlung von Suchtkranken auch ohne Krankenversicherung

Seit Januar 2018 läuft das Impfprojekt im Bahnhofsviertel, das die Malteser Suchthilfe Frankfurt in der Ambulanz in der Niddastraße 49 im Auftrag des Drogenreferats der Stadt Frankfurt am Main anbietet. Gesundheitsdezernent Stefan Majer zieht eine positive Zwischenbilanz: „Erfolgreiche Gesundheitsprävention und Krankenversorgung zeichnet sich dadurch aus, dass sie auch die Schwächsten in unserer Stadt einschließt“. Drogenabhängige ohne Krankenversicherung, Suchtkranke im Bahnhofsviertel, die kaum erreichbar sind für Hilfen oder Substitution, können dennoch aktiv vor Hepatitis und HIV geschützt und bei Bedarf behandelt werden.
Neben der Impfung gegen Hepatitis A und B können Betroffene dank der Unterstützung des Drogenreferats der Stadt Frankfurt erstmals auch in die Behandlung gegen Hepatitis C vermittelt werden und – als absolutes Novum für Suchtkranke in prekären Lebensumständen - die vierwöchige Post-Expositions-Prophylaxe (PEP) erhalten, eine „Nach-Risiko-Vorsorge“, wenn es zum Kontakt mit HIV-Erregern kam. Bis dato war die Behandlung nur für Risikoberufsgruppen über die Unfallkassen gesichert. Für David Lang, Ärztlicher Leiter der Malteser Suchthilfe Frankfurt, ist das umfassende Präventions- und Behandlungsangebot gegen HIV und Hepatitis ein wichtiger und sinnvoller Schritt: „Drogenkonsumierende haben bedingt durch die Art des Drogenkonsums ein hohes Infektionsrisiko, insbesondere das Needlesharing bedeutet ein Hochrisiko für drogenassoziierte Infektionskrankheiten.“ Auch die PEP-Behandlung für Suchtkranke mache Sinn, ist der Suchtmediziner überzeugt: „Man denke nur an einen gut stabilisierten Substitutionspatienten. Schon ein verhängnisvoller Rückfall reicht, bei dem er sich mit HIV infizieren kann.“
Immer freitags von 13 bis 15 Uhr stehen Lang oder seine Kolleginnen und Kollegen in der Ambulanz, Niddastraße 49, zur Verfügung, stellen Diagnosen, ermitteln den Impfstatus, klären über Infektionsrisiken und Prophylaxe auf, vermitteln an niedergelassene Ärzte zur Hepatitis C Therapie oder zum HIV-Zentrum der Uniklinik. Bis Dezember 2018 gab es 162 Kontakte zu Patientinnen und Patienten zwischen 19 und 58 Jahren.
Es ist kein einfaches Geschäft mit den „fragilen Patientinnen und Patienten“, sagt Lang. Um sie überhaupt zu erreichen und Vertrauen aufzubauen, ist das medizinische Team der Malteser Suchthilfe eng mit den Streetworkern von OSSIP (Offensive Sozialarbeit, Sicherheit, Intervention und Prävention) vernetzt und auch selbst in den Straßen des Bahnhofsviertels unterwegs. „Die Patientinnen und Patienten sind oft nur wenig stabil, haben eine geringe Frustrationstoleranz und Compliance, können ernste Diagnosen oft schlecht verkraften“, sagt Lang. „Manchmal kostet es die größte Mühe, die Personen, die man mit viel Geduld für die Impfprophylaxe gewonnen hat, bis zur Applikation des Impfstoffes auf dem Stuhl zu halten. Vor diesem Hintergrund ist es sehr erfreulich, dass mittlerweile bei 54 Patienten eine Labordiagnostik erfolgt ist und bei vier Patienten die Impfzyklen komplett abgeschlossen werden konnten.“ Wichtig sei eine Halt gebende Arzt-Patient-Beziehung: „Man muss die Menschen abholen, wo sie stehen, bei ihrer Reststabilität ansetzen und Brücken bauen.“ Viele niedergelassene Medizinerinnen und Mediziner scheuten sich deshalb davor, Drogenabhängige zu behandeln. Auch aus Angst vor Regressforderungen der Kassen, wenn die, zwölfwöchige Behandlung gegen Hepatitis C nicht durchgehalten und vorzeitig abgebrochen wird.
Das Robert-Koch-Institut hat nach einer umfassenden Studie in mehreren deutschen Städten bereits in den Jahren 2011 bis 2015 auf hohe Infektionsraten bei Hepatitis und HIV hingewiesen – und damit indirekt die Idee für das Frankfurter Impfprojekt mitangestoßen: „Die Ärzteschaft, darunter Haftärzte und substituierende Ärzte, sollten die Hepatitis B-Impfung verstärkt anbieten und umsetzen. Zusätzlich sollten Hepatitis B-Impfungen auch in Beratungsstellen regelmäßig angeboten werden. Personen, die fortgesetzt Infektionsrisiken ausgesetzt sind, sollten regelmäßig auf HIV und Hepatitis C getestet werden…“, heißt es in einer Empfehlung des Robert Koch-Instituts. Nach dessen Erhebung gab es 2017 rund 2700 neue HIV-Infektionen, 11400 Menschen leben unerkannt mit HIV in Deutschland.
In Frankfurt kann der Ärztliche Leiter der Malteser Suchthilfe auf ein gutes Netzwerk zu niedergelassenen Medizinerinnen und Medizinern, aber auch zum Uniklinikum bauen, sagt Lang. Auch Dr. Sarah Fischer vom Infektiologikum Frankfurt lobte bei einem Symposium über das Impfprojekt im Bahnhofsviertel die Kooperation mit der Malteser Ambulanz, die neue Behandlungsoptionen eröffne und mit dem niedrigschwelligen Ansatz Zugänge zu einer Patientengruppe schaffe, die bisher von Versorgungsstrukturen de facto ausgeschlossen bliebe.
Dies gilt nicht nur für die HIV-Prophylaxe und –Frühbehandlung, sondern auch für die Behandlung von Hepatitis C. Bei der Tagung zum Impfprojekt verwies die Frankfurter Hepathologin und Internistin Dr. Gerlinde Teuber auf die hohe Erfolgsrate zwischen 90 und 100 Prozent der zwölfwöchigen Behandlung: „Leberveränderungen bis hin zur Zirrhose sind teilweise reversibel.“ Gleichzeitig seien die Kosten pro Patientin oder Patient von ehemals 120 000 Euro auf inzwischen 35 000 Euro gesunken.

Dass Prophylaxe und Behandlungen von lebensbedrohlichen Infektionen wie HIV oder Hepatitis C oftmals zur Kostenfrage reduziert werden, nennt Gesundheitsdezernent Stefan Majer „unerträglich“. Das Impfprojekt im Bahnhofsviertel sei die richtige Antwort darauf: „Es ist für uns selbstverständlich, dass auch Drogenkonsumierenden ein Behandlungsangebot unterbreitet wird. Und im Sinne des gesundheitlichen Wohls der gesamten Stadtgesellschaft müssen wir uns bemühen, gerade diejenigen zu erreichen, die riskant leben und wenig Bewusstsein für ihre Gesundheit haben.“