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03.08.2018

Nachtcafé bietet Auszeit von Beschaffung und Konsum

Mit dem Nachtcafé Moselstraße 47 hat die Stadt Frankfurt am Main eine weitere Möglichkeit geschaffen, schwer suchtkranke Menschen gezielt zu erreichen und sie zumindest für eine Weile aus dem fatalen Kreislauf von Beschaffung und Konsum zu holen. Durch das spezielle Angebot in den Nachtstunden sollen auch die Anwohnerinnen und Anwohner im Bahnhofsviertel entlastet und noch mehr Drogenabhängige dazu bewogen werden, das Bahnhofsviertel nachts zu verlassen – oder sich zumindest weniger im Freien aufhalten zu müssen. Gesundheitsdezernent Stefan Majer nennt das Nachtcafé eine gute Ergänzung im Zusammenwirken der niedrigschwelligen Hilfe im Bahnhofsviertel: „Der Nachtaufenthalt wird seit Beginn an gut angenommen und intensiv genutzt.“

Seit Anfang Mai steht das Nachtcafé Moselstraße 47 unter Trägerschaft des Frankfurter Vereins für drogenabhängige Menschen offen. Pro Nacht kommen im Schnitt um die 60 Personen zwischen 22.30 und 6 Uhr morgens. Nicht selten sind es sogar mehr als 100 Menschen, die in die niedrigschwellige Anlaufstelle kommen, um sich auszuruhen und etwas zu essen. Im Nachtcafé werden sie als Gäste aufgenommen und auch so behandelt.

„Bis auf sehr wenige Ausnahmen sind die Besucherinnen und Besucher der Zielgruppe zuzuordnen“, sagt Christine Heinrichs, die zuständige Bereichsleiterin im Frankfurter Verein. Alle bewegten sich in der Drogenszene, die meisten seien in sehr schlechter körperlicher Verfassung, abgemagert und völlig übermüdet: „Viele Gäste sagen, dass sie seit Tagen nichts gegessen hätten.“

Nach den Erhebungen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Nachtcafés haben 47 Prozent der suchtkranken Menschen, die die Einrichtung aufsuchen, keinen festen Wohnsitz. Sie halten sich fast rund um die Uhr im Bahnhofsviertel auf und leben in äußerst prekären Verhältnissen. Knapp die Hälfte von ihnen sind deutsche Staatsangehörige, die Übrigen verteilen sich auf 37 Nationalitäten. Mit 81,2 Prozent sind Männer deutlich in der Überzahl.

Am Empfang klären die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im kurzen Gespräch, ob die Person zur Zielgruppe gehört und ob eine besondere Problemlage vorliegt, die eine sofortige Intervention erfordert. Dabei werden Kontaktdaten abgefragt, und alle Gäste erhalten einen Nutzer-Ausweis, den sie von nun an bei jedem Besuch des Nachtcafés vorzeigen. Wie in jedem Cafébetrieb nehmen sie dann an Tischen oder auf den Sesseln im Ruheraum Platz oder gehen an die Ausgabetheke der Küche und bestellen, was sie gerne essen und trinken wollen. Alle werden persönlich bedient und können von der kostenlosen Verpflegung – von Suppe, Brot, Würstchen bis zur Milchschnitte – bestellen, was sie wollen. „Die Gäste nehmen die Einrichtung sehr dankbar an und unsere Mitarbeiter berichten täglich von einer angenehmen und ruhigen Arbeitsatmosphäre“, sagt Christine Heinrichs.

Der zugewandte, sehr persönliche Kontakt zu den suchtkranken Menschen ist für Stadtrat Majer extrem wichtig: „Je genauer wir hinschauen, dabei die große Zahl an Wohnsitzlosen sehen, Menschen, die regelrecht verelenden oder die schwer psychisch erkrankt sind, desto deutlicher wird, wie komplex die Problemlagen sind, auf die wir sehr individuell reagieren müssen.“ Die Drogenhilfe leiste einen großen Teil, könne aber nicht alles alleine leisten. Majer sieht das Nachtcafé deshalb auch nicht nur als Projekt, um Drogenabhängige nachts von der Straße zu holen, wie er es gemeinsam mit dem Frankfurter Polizeipräsidenten Gerhard Bereswill verabredet hat. „Das Nachtcafé hat eine Brückenfunktion, um die Hilfesysteme weiter zu verzahnen und Suchtkranke aus der Szene im Bahnhofsviertel zu holen – diesen Kampf um die Menschen führen wir nun auch dort jede Nacht.“

Einsatzkräfte der Polizei können Drogenabhängige, die sich nachts vor den Drogenhilfeeinrichtungen versammeln, nun verstärkt ins Nachtcafé verweisen. Die Einrichtung ist seit Beginn auch eine weitere routinemäßige Anlaufstelle für die „Offene Sozialarbeit Nacht“ (OS Nacht), um die Menschen zu bewegen, sich mit dem Shuttlebus zu den Nachtschlafplätzen ins Eastside in der Schielestraße oder in die Übernachtungsstätte im Ostpark fahren zu lassen. „Im ersten Monat konnten über das Nachtcafé bereits 85 Klientinnen und Klienten dafür gewonnen werden, das Bahnhofsviertel zum Schlafen zu verlassen“, zieht Gabi Becker, Geschäftsführerin der integrativen Drogenhilfe (IDH), ihrerseits Bilanz. „Die Zusammenarbeit klappt prima und das Nachtcafé ist eine hilfreiche Ergänzung zur individuellen Betreuung und Versorgung der Menschen während der Nachtstunden.“

Auch die Beamten von Polizei und Stadtpolizei schauen regelmäßig und nach Bedarf im Nachtcafé vorbei, laut Statistik des ersten Monats etwa zwei bis vier Mal pro Nacht. Auch wenn sich in den warmen Sommernächten immer Menschen im Freien und vor den Einrichtungen aufhalten, zeigt sich Stadtrat Majer optimistisch: „Die Arbeit im Nachtcafé und die Kooperation mit den anderen Partnern hat erst begonnen. Alle gemeinsam bilden ein sehr flexibles System, um auf weitere Entwicklungen zu reagieren“.