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16.02.2016

Das blutige Ende eines Lebkuchenbäckers

Hinrichtung des Rädelsführers der Stürmung der Judengasse, Vinzenz Fettmilch, am 28. Februar 1616, zeitgenössische Darstellung aus der Flugschrift 'Kurzer Abriß und Bericht der Keyserlichen Execution und Verfahrung mit den Aechtern', © Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main
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Vor 400 Jahren wurde der Rebell Vinzenz Fettmilch gevierteilt

Anfang des 17. Jahrhunderts herrschte in Frankfurt große Unzufriedenheit unter den Bürgern. Eine Gruppe, angeführt vom Lebküchler Vinzenz Fettmilch, stürmte den Römer und plünderte die Judengasse. Am 28. Februar 1616 wurden Fettmilch und drei seiner Gefährten auf dem Roßmarkt hingerichtet.

Frankfurt am Main (pia) Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) war ganz verrückt nach Frankfurter Brenten. Der berühmteste Zuckerbäcker seiner Heimatstadt, Anton Bernoully aus der Töngesgasse, schickte dem Dichter die verführerische Marzipanleckerei stets zur Weihnachtszeit per Postkutsche ins ferne Weimar. Etwa zwei Jahrhunderte früher ist ein anderer Konditor aus der Töngesgasse nicht wegen seiner exzellenten Backwaren in die Geschichte eingegangen, sondern als Anführer eines Aufstands gegen den Rat der Reichs-, Messe-, Wahl- und Krönungsstadt Frankfurt am Main: der Lebküchler Vinzenz Fettmilch. Er wurde vor 400 Jahren, am 28. Februar 1616, gemeinsam mit sechs Kumpanen auf dem Roßmarkt vom Scharfrichter mit dem Schwert enthauptet.

Zur Abschreckung aufgespießt

Nach der spektakulären Hinrichtung wurden die Köpfe von Fettmilch und seiner engsten Gefährten – des Schneiders Konrad Schopp, des Schreiners Konrad Gerngroß und des Seidenfärbers Georg Ebel – zur Abschreckung auf den Spitzen einer Eisenstange neben dem Brückenturm der heutigen Alten Brücke aufgespießt. Noch etwa 150 Jahre später hat der junge Goethe einen der ausgebleichten Schock-Schädel bei seinen Spaziergängen nach Sachsenhausen gesehen. In der Autobiografie „Dichtung und Wahrheit“ (Erster Teil, 4. Buch) schreibt er: „Unter den altertümlichen Resten war mir, von Kindheit an, der auf dem Brückenturm aufgesteckte Schädel eines Staatsverbrechers merkwürdig gewesen, der von dreien oder vieren, wie die leeren eisernen Spitzen auswiesen, seit 1616 sich durch alle Unbilden der Zeit und Witterung erhalten hatte.“

Kaiser Matthias (1557-1619), zeitgenössische Darstellung, © historisches museum frankfurt (hmf)
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Im Römer eingesperrt

Der als „Fettmilch-Aufstand“ bekannt gewordene Bürgerprotest gegen Willkür, Machtmissbrauch und Misswirtschaft begann im Juni 1612 während der Krönungsfeierlichkeiten für Kaiser Matthias von Habsburg in Frankfurt. Die allgemeine Unzufriedenheit der Bürger mit dem von Patriziern dominierten Rat hatte weitere Gründe in Korruption, Vetternwirtschaft und dem riesigen Schuldenberg der Stadt, der auf neuneinhalb Tonnen Goldgulden angewachsen war. Der Historiker Michael Matthäus vom Institut für Stadtgeschichte Frankfurt sagt: „Die Bürger, hauptsächlich Handwerker, forderten vom Rat die Offenlegung der städtischen Privilegien, einen Kornmarkt für die Armen, die Reduzierung der Anzahl der Juden und die Senkung des Zinses für Geldverleih.“ Da der Rat aber nicht auf die Forderungen reagierte, baten die Bürger den neuen Kaiser um Hilfe. Dieser setzte den Mainzer Erzbischof und den Landgrafen von Hessen-Darmstadt als Schlichtungskommissare ein, die tatsächlich erfolgreich verhandelten: Rat und Bürger stimmten im Dezember 1612 dem vorgeschlagenen Vergleich, dem sogenannten Bürgervertrag, zu. Doch als sich auch diesmal nichts tat, stürmten die Bürger am 5. Mai 1614 den Römer und sperrten die Rastherren dort ein, bis diese nach vier Tagen ihren Rücktritt verkündeten.

Für spektakuläre Auftritte bekannt

Als radikaler Wortführer des Zunfthandwerks tat sich der Lebküchler Vinzenz Fettmilch mit spektakulären Auftritten hervor. Er liebte die Selbstinszenierung, trat den Ratsherren mitunter „im grünen Samtwams und weißen Atlasmantel, an der Seite einen wertvollen Degen, entgegen“ (ein Zeitzeuge). Fettmilch wurde zwischen 1565 und 1570 im Dorf Büdesheim in der Wetterau geboren. Sein Vater Reinhard war auf der Burg Friedberg als „reisiger Diener“, ein berittener Soldat, tätig. Sohn Vinzenz verdiente sein Geld zunächst als Unteroffizier beim Militär. Danach war er als Schreiber tätig und verfasste Eingaben für andere Bürger. Am 11. Juni 1593 heiratete Fettmilch die Frankfurter Bürgertochter Katharina Schirlentz und wurde dadurch selbst zum Bürger der Stadt. Das Paar zog ins Haus des Brautvaters in der Töngesgasse. Beruflich hatte der junge Ehemann weniger Glück, denn seine Bewerbungen als Schreiber wurden abgelehnt, so auch im Jahr 1595 vom Hospital zum Heiligen Geist. Deshalb arbeitete er seit 1597 in der Bäckerei seines Schwiegervaters, eines Lebkuchenbäckers. Vinzenz Fettmilch und seine Frau Katharina hatten zehn Kinder – zwei Jungen und acht Mädchen.

Die Rädelsführer der Stürmung der Judengasse, Vinzenz Fettmilch (oben l), Konrad Gerngroß (M) und Konrad Schopp (r), werden am 27. November 1614 am Gutleuthof an kurmainzische Beamte ausgeliefert, zeitgenössische Darstellung, © Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main
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Mit Mörsern verschanzt

In seiner Zunft, den Fettkrämern, machte Fettmilch sich schnell einen Namen und war Verhandlungsführer, als die Frankfurter Zünfte die Gespräche mit dem Rat begannen. Doch mit der Absetzung der Ratsherren wurde aus dem friedlichen Bürgerprotest schon bald eine offene Rebellion. Der Aufstand geriet völlig aus dem Ruder, als die Rebellen am 22. August 1614 die Judengasse stürmten und plünderten. Wegen der Unruhen hatte bereits etwa die Hälfte der Juden Frankfurt verlassen. Die 1380 in den 195 Häusern der Gasse verbliebenen Bewohner wurden von den Aufständischen aus der Stadt gejagt. Die Rebellen warfen den Juden vor, Wucherzinsen zu verlangen und hofften, durch diese Vertreibung die Zahlung ihrer Schulden und Zinsen verhindern zu können.

Wenige Wochen später, am 28. September, verhängte Kaiser Matthias die Reichsacht über Vinzenz Fettmilch, Konrad Gerngroß und Konrad Schopp wegen Missachtung kaiserlicher Befehle.

Im Morgengrauen hingerichtet

Fettmilch wurde im November 1614 vom Schöffen Hans Martin Baur festgenommen. Der Rebell saß gerade beim Mittagessen in seinem Stammlokal „Zum großen Christophel“, als Baur von hinten an ihn herantrat und zupackte, noch ehe der stets mit Dolchen und Pistolen bewaffnete Fettmilch reagieren konnte. Er wurde in den Bornheimer Turm gebracht, dort aber von seinen Anhängern befreit und im Triumphzug zu seinem Haus in der Töngesgasse geleitet. Fettmilch verschanzte sich mit Mörsern und schwer bewaffneten Anhängern in dem Gebäude. Er gab erst auf, als die Belagerer drohten, das Haus mit Kanonen zusammenzuschießen.

Rückkehr der Juden in die Judengasse nach der Hinrichtung des Rebellen Vinzenz Fettmilch am 28. Februar 1616, zeitgenössische Darstellung, © historisches museum frankfurt (hmf)
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An vier Landstraßen zur Schau gestellt

Der Prozess gegen die Rebellen dauerte fast das ganze Jahr 1615, ehe die Todesurteile gegen Fettmilch und die anderen Rädelsführer verkündet wurden. Die Hinrichtung wurde für den 28. Februar 1616 angesetzt. An diesem Tag - es regnete in Strömen – sicherten sich bereits gegen drei Uhr morgens die ersten Schaulustigen auf dem Roßmarkt die besten Plätze. In der Chronik des Frankfurter Patriziers Achilles Augustus von Lersner aus dem Jahr 1706 ist zu lesen: „Gegen fünf Uhr erschienen bei Fackelschein die Ratsherrn mit vielen ihrer Beamten, die Zunftmeister und die Vorsteher der Gesellschaften auf den ihnen angewiesenen Plätzen.“ Gegen sieben Uhr wurden schließlich die Gefangenen gebracht, „welche an Händen und Füßen gefesselt auf vier offenen Bauernwagen saßen“ (Lersner).
Die Hinrichtung zog sich wegen der Urteilsverlesung etwa sieben Stunden hin. Den Aufständischen wurden zunächst die beiden Schwurfinger abgehackt, dann wurden sie enthauptet. Fettmilchs Leichnam wurde außerdem gevierteilt und vor der Stadt an den vier Landstraßen aufgehängt.

Am Tag der Hinrichtung standen die vertriebenen Juden auf Anordnung des Kaisers schon vor dem Bockenheimer Tor bereit. Mit Fahnen und Musik wurden sie von Soldaten in einer Prozession zu ihren Häusern gebracht. An den drei Toren wurde der Reichsadler befestigt als Zeichen des kaiserlichen Schutzes.

Vinzenz Fettmilch, Rädelsführer der Stürmung der Judengasse ('Fettmilch-Aufstand') 1614, hingerichtet 1616, zeitgenössische Darstellung, © Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main
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Von Zimmerleuten verjagt

Kaum waren die Todesurteile vollzogen, stürmten Zimmerleute zu Fettmilchs Haus in der Töngesgasse und rissen das dreistöckige Bauwerk nieder. Die Frau des Rebellen und seine Kinder mussten innerhalb von einer Woche die Stadt für immer verlassen. Auf dem Grundstück wurde am 22. August 1617 eine Schandsäule aufgestellt, die auf dem „großen Vogelschauplan“ des Kupferstechers Matthias Merian von 1628 zu sehen ist. Die Inschrift an der Säule begann mit dem Satz: „Daß dieser Platz bleibt od und wust, dran Vincenz Fettmilch schuldig ist.“ Der Obelisk wurde bei einem Brand 1719 durch herabstürzende Balken zertrümmert. Hier wurde später ein Brunnen errichtet, erst um Jahr 1870 wurde das Grundstück wieder bebaut.

„Ich ließ mir als Knabe schon gern die Geschichte dieser Aufrührer, des Fettmilch und seiner Genossen, erzählen“, schreibt Goethe in „Dichtung und Wahrheit“. Später beschäftigte er sich intensiver mit dem Aufstand und kommt zur Einschätzung: „Da ich nun die näheren Umstände vernahm, wie alles hergegangen, so bedauerte ich die unglücklichen Menschen, welche man wohl als Opfer, die einer künftigen bessern Verfassung gebracht worden, ansehen dürfe.“

Jürgen Walburg