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10.07.2007

Er zerbrach an der Gewalt preußischer Militärs

Victor Fellner war der letzte Bürgermeister der Freien Stadt Frankfurt

An der Ausplünderung seiner Stadt und ihrer Bürger wollte er nicht mitwirken. Als er keinen Ausweg mehr sah, setzte er seinem Leben ein Ende: Vor zweihundert Jahren, am 24. Juli 1807, wurde Carl Constanz Victor Fellner, der letzte Ältere Bürgermeister der Freien Stadt Frankfurt, als Sohn eines Bankiers geboren.

Frankfurt am Main (pia) Wie viele erfolgreiche Frankfurter Geschäftsleute engagierte sich auch Fellner in Politik und Gesellschaft seiner Heimatstadt. Der Geschäftsführer einer Wollfirma im Familienbesitz war seit 1852 zusätzlich noch Direktor der chemischen Fabrik Griesheim. Bereits in der Handelskammer tätig, wurde er im selben Jahr als Regierungsmitglied in den Senat der Freien Stadt gewählt. Fellner, ein Anhänger der liberalen "Gothaischen Partei", engagierte er sich für die Aufhebung von noch bestehenden Zunftbeschränkungen, bis in Frankfurt 1864 die volle Gewerbefreiheit eingeführt wurde, und für den Ausbau der Mainschifffahrt und des Hafens. Seit 11. Dezember 1865 stand er als Älterer Bürgermeister an der Spitze der Freien Stadt.

Tragische Berühmtheit erlangte Fellner durch seinen Tod bei der Besetzung und Annexion Frankfurts durch Preußen. Nach dem Ausbruch des Preußisch-Österreichischen Krieges, wurde Frankfurt, obwohl es strikte Neutralität wahrte, am 16. Juli 1866 von preußischen Truppen besetzt. Tags darauf übernahm Preußen die Regierungsgewalt. Während Teile des Senats das ablehnten, willigten Fellner und sein Kollege Müller ein, ihre Amtstätigkeit als preußische Regierungsbevollmächtigte fortzusetzen.

Bis zum 20. Juli brachte Frankfurt ohne Widerstreben eine Kriegs-Kontribution von 5,75 Millionen Gulden in barem Silber auf, welche in acht Eisenbahnwaggons nach Berlin abtransportiert wurden. Der preußische Oberbefehlshaber, General Vogel von Falckenstein, hatte sein Ehrenwort gegeben, keine weiteren Kontributionen zu verlangen. Sein Nachfolger Generalfeldmarschall von Manteuffel indes fühlte sich daran nicht gebunden und forderte auf Befehl Bismarcks die Aufbringung weiterer 25 Millionen Gulden. Fellner versuchte nun, zwischen dem preußischen Militär und den Frankfurter politischen Gremien zu vermitteln und eine Zahlung in Raten zu erwirken. Die Gesetzgebende Versammlung und die Ständige Bürgerrepräsentation lehnten jedoch am 23. Juli jede weitere Zahlung ab. Dies wurde von der preußischen Seite als offene Rebellion gegen die Besatzungsmacht eingestuft. Der Senat, die Ständige Bürger-Repräsentation und die Gesetzgebende Versammlung wurden deshalb aufgelöst.

Generalfeldmarschall von Manteuffel richtete am 23. Juli an Fellner ein Ultimatum: "Euer Hochwohlgeboren werden hierdurch aufgefordert, zu veranlassen, dass eine Kriegs-Contribution von Fünf und Zwanzig Millionen Gulden binnen 24 Stunden an die Feld-Kriegskasse der Main-Armee hier eingezahlt wird." Er deutete an, dass im Weigerungsfall mit Bombardierung, Brand und Plünderung zu rechnen sei. Auf dem Mühlberg wurden Kanonen in Stellung gebracht. Nachdem Fellner Einwendungen erhoben hatte, dass die Stadt eine solche Summe nicht aufbringen könne, drohten die Preußen, das Geld von den politisch Verantwortlichen persönlich einzutreiben: "Ich ersuche Sie hiermit, dafür Sorge zu tragen, dass ich morgen vormittags spätestens im Besitze einer Liste der Namen sämtlicher Mitglieder des Frankfurter Senats und der Bürger-Repräsentation bin unter genauer Angabe derer Wohnungen sowie einer Mitteilung, wer von ihnen Hausbesitzer ist." Fellner erhielt dieses Schreiben gegen acht Uhr abends in seiner Wohnung in der Seilerstraße 8, als er äußerst ermüdet vom Römer zurückgekehrt war. Der zweite Vertreter der Stadt Frankfurt, Senator Müller, meldete sich krank und konnte ihm somit nicht zur Seite stehen. Verzweifelt darüber, dass er so viel Leid nicht von seiner Vaterstadt abwenden konnte, setzte Victor Fellner noch in derselben Nacht seinem Leben ein Ende. Er hinterließ eine Frau und sechs Kinder.

Fellner war ein Mann, der als Teilhaber eines Handelsunternehmens auch schwere Rückschläge zu meistern verstand. Als Vertreter der Freien Städte im Zollverein war er - Gipfel der Ironie - für den freiwilligen Anschluss seiner Vaterstadt an das aufstrebende Preußen eingetreten. Verlassen von seinen Mitbürgern zerbrach er in schwerster Stunde an der Gewaltandrohung preußischer Militärs. Von Geschichtsschreibern wurde er als eine "weiche, liebenswürdige Natur", charakterisiert, "allgemein geachtet wegen der Offenheit und Redlichkeit seiner Gesinnung und seines Wesens".
Die Stadt Frankfurt und ihre Bevölkerung haben ihren letzten Älteren Bürgermeister keineswegs vergessen. Zwar mussten sein Wohnhaus in der Seilerstraße 8 im Jahre 1961 einem Hochhaus weichen und der Kastanienbaum in der Friedberger Anlage, an dem er sein Leben beendete, 1977 gefällt werden, weil er eine Gefahr für die benachbarte Kindertagesstätte darstellte. Aber bis heute erinnern eine Gedenktafel auf dem ehemaligen Fellnerschen Gartengrundstück in der Friedberger Anlage, die Fellnerstraße im Westend und eine Büste von Heinrich Petry auf seinem Grab auf dem Hauptfriedhof an den letzten Älteren Bürgermeister der Freien Stadt Frankfurt.

Roman Fischer



Weitere Informationen sowie Fotos und andere Bildmaterialien hat der Autor des Beitrages im Institut für Stadtgeschichte, Tel.: 069 / 212 33373.