Logo FRANKFURT.de

Bei Milchsack

Einst wurden hier Druckfarben produziert. Heute zählen zu den Mietern der ehemaligen Druckfarbenfabrik Dr. Carl Milchsack im Frankfurter Gutleutviertel eine Bildhauerwerkstatt für Jugendliche, Künstlerateliers, ein Theater und das "Tanzhaus West", das am Wochenende Techno- und Ravefans anzieht. "Es ist einfach nie langweilig", sagt Peter Peters, der das Gelände für die Erbengemeinschaft betreut.

Druckfarbenfabrik Dr. Carl Milchsack
Dieses Bild vergrößern.

Von der Farben- zur Kulturfabrik

Mehr als 70 Jahre lang, bis 1999, produzierte die Firma Dr. Carl Milchsack im Frankfurter Gutleutviertel brillante Druckfarben. Doch die Erbengemeinschaft unter Führung des Journalisten Peter Peters (57) machte das Beste aus der Situation, steckte viel Geld in die Sanierung des Geländes und erklärte die einstige Farbenproduktionsstätte zur "Kulturfabrik". Zu den ersten Mietern zählte die bis heute hier ansässige Bildhauerwerkstatt Gallus, ein Resozialisierungsprojekt der Stadt Frankfurt. Straffällig gewordene Jugendliche arbeiten hier unter Anleitung mit Holz, Stein und Eisen. Den umzäunten Platz vor dem Eingang zur Werkstatt bevölkern fantastische Gebilde aus verrostetem Eisen, "Bildhauer aller Länder vereinigt Euch" ist eingefräst in Eisen an der Eingangstür zu lesen.

Bunte Künstlermischung

Das einstige Labor- und Verwaltungsgebäude der Dr. Milchsack Farbenfabrik teilen sich heute junge Künstler. Am Eingang erinnert allein der alte, große, in die Wand eingelassene Messingbriefkasten mit dem Emblem der Milchsackfabrik – einem großen "M", vor dessen blauem Grund sich ein gelber Löwe abhebt – an frühere Firmenzeiten. Als Peter Peters anfing mit den Künstlerateliers, war er skeptisch: "Das waren schließlich doch nur stinknormale Büroräume". Die bunte Künstlermischung jedenfalls scheint sich hier wohlzufühlen. Es mag auch an den günstigen Raummieten, die die Dr. Milchsack-Erbengemeinschaft ansetzt, liegen. Die Seitenfassade des Gebäudes ist wie viele weitere mit Graffiti besprayt. Seltsame futuristische Szenen und Landschaften, Fantasiewesen, Mischkreaturen. Irgendwo zwischen Engel, gewindeltem Säugling und – Donald Duck.

Große Waage, © PIA Stadt Frankfurt am Main, Foto: Rainer Rüffer
Dieses Bild vergrößern.

Eine große Waage erinnert an früher

Im benachbarten Gebäudekomplex, der eigentlichen Fabrik, steht das frühere Farblabor leer. Tageslicht fällt durch die schrägen, großen Oberlichter. Der rauhe abgenutzte Steinboden könnte vermutlich viele Geschichten erzählen, ebenso die alten wuchtigen Industrieleuchten, deren Eisenverstrebungen um das Lampenglas herum dieses vor Explosionen schützen sollte. Schließlich wurden Farben damals noch bei enorm hohen Hitzegraden gekocht. "Ich habe selber als Schüler hier in den Ferien gearbeitet", erzählt Peter Peters. Eine große, aus dem Boden aufragende Waage erinnert an früher. Die Arbeiter der Milchsackfabrik stellten einst riesige Eimer mit 50 oder 100 Kilo Farbansatz auf sie, Granulate oder Harze wurden hier eingewogen, bis schließlich die gewünschte Farbe erzielt war. Hinter der Waage, an der Wand angebracht, konnten die Mitarbeiter "wie an einer Art Tankstelle verschiedene Lösungsmittel abzapfen und in die Eimer füllen". Das ehemalige Labor war bereits mehrfach Schauplatz von Ausstellungen, doch Peters bedauert, dass sich bis dato noch niemand gefunden hat, der die Räume dauerhaft nutzt und ihm damit ein ganzes Stück Verantwortung und Last abnehmen würde. "Ein etablierter Künstler, der die ganze Fabrik mieten würde, das wäre toll". Erst vor zwei Jahren ließ er neue Heizkörper installieren, wo einst ein Dampfkessel heiße Luft durch die Rohre presste.

Theater und Tanzhaus

In der größten Halle der einstigen Farbenfabrik hängen schwarze, große Tücher von der hohen Decke herab. Seit fast sechs Jahren ist hier das "Theater Landungsbrücken" zuhause. Vier weiß gestrichene wuchtige Baumstämme ziehen im Dunkel der Halle die Blicke auf sich - Überbleibsel der "Endless Summer"- Ladenlandschaft, denn einige Jahre lang konnte man in einem verrückt-flippigen Ambiente originelle Second-Hand-Klamotten und internationales Kunstgewerbe erstehen. Direkt nebenan, in einer früheren Lagerhalle, liegt das "Tanzhaus West", das an den Wochenenden Techno- und Ravefans anzieht. Im einstigen Blechkannenlager hat Dora Brilliant ihr Domizil und lädt zu langen DJ-Nächten ein. "Es ist einfach nie langweilig", sagt Peters, der selber Kabarett "rund um die deutsche Sprache" macht und an jedem ersten Sonntag im Monat zum "Salon Babylon", einer "offenen Bühne für Kleinkunst und Literatur" einlädt. Peters mag "den offenen Prozess", seiner Kulturfabrik, denn der sei "schön und spannend". Schon als junger Mann, er studierte in Berlin und Freiburg, hatte er Kontakt zu verschiedenen, ähnlich ausgerichteten Kulturinitiativen. "Wenn einstige Industrieräume kulturell umgenutzt wurden", erzählt er, "hatte das schon immer meine Sympathie". Seine Überzeugung: "Eine Stadt braucht so etwas".

Privatwohnung, © PIA Stadt Frankfurt am Main, Foto: Rainer Rüffer
Dieses Bild vergrößern.

Die Betriebstreue bei Dr. Milchsack war groß

Gelenkt wurden die Geschicke der Dr. Milchsack Fabrik vom Büro aus, das sich im großen, unmittelbar an der Gutleutstraße gelegenen Klinkerbau befand. Heute dient das Gebäude als Wohnhaus. Auch Fabian W. Neuner, der Peter Peters zur Seite steht, lebt hier. Auf einem Werkstatttisch in seiner Wohnung liegen ausgebreitet große Schwarzweißabzüge historischer Fotos aus dem Alltag der einstigen Dr. Milchsack-Farbenfabrik. Sie sind im Rahmen einer Ausstellung anlässlich der "Tage der Industriekultur" zu sehen. "Das da", sagt Peters und zeigt auf einen Mann im Arbeitskittel, "das ist Herbert Krause, er hat fast 45 Jahre für die Firma gearbeitet". Die Betriebstreue sei, sagt Peters, groß gewesen. Und so wundert es nicht, dass im kleinen Fachwerkbau gleich neben dem einstigen Milchsack-Bürogebäude bis heute Frau Schneider wohnt. Sie hat die 80 überschritten, arbeitete für Carl Milchsack in der Buchhaltung. Und ist gerade mal wieder mit ihrem Auto unterwegs.

Annette Wollenhaupt

Am Samstag, 6. August, findet von 16 bis 18 Uhr eine Führung mit Peter Peters von der Erbengemeinschaft Dr. Milchsack statt. Der Rundgang führt durch die ehemaligen Fabrikhallen und einige der Ateliers. Es werden Zeitdokumente der ehemaligen Druckfarbenfabrik präsentiert. Eine Fotoausstellung zeigt Impressionen der alten Farbenfertigungsstätte.

Die Führung ist kostenlos. Treffpunkt: Gutleutstr. 294, stadtauswärts rechts zweiter Komplex nach Camberger Brücke / RMV: Buslinie 37 bis Johanna Kirchner-Altenhilfezentrum.