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04.12.2019

Stellvertretende Stadtverordnetenvorsteherin Wolter-Brandecker feiert 70. Geburtstag

(ffm) Gleich zwei Jubiläen begeht die stellvertretende Stadtverordnetenvorsteherin Renate Wolter-Brandecker in diesem Jahr. Am Donnerstag, 5. Dezember, steht ihr 70. Geburtstag an und zugleich gehört sie seit 1989 dem Frankfurter Kommunalparlament an. In der aktuellen Wahlperiode amtiert sie zusätzlich als stellvertretende Vorsitzende sowie kultur- und jugendpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion. Dem Präsidium der Stadtverordnetenversammlung gehört sie als stellvertretende Vorsteherin des Parlamentes seit 2004 an. Zusätzlich war sie viele Jahre Vorsitzende des Frauenausschusses und frauenpolitische Sprecherin ihrer Fraktion. Grund genug für eine gemeinsame Rückschau mit der promovierten Pädagogin.

In der Gesundheitspolitik gehört die Drogenpolitik zu ihren Schwerpunkten. Hier erlebte sie eigenen Angaben zufolge „sehr einschneidende“ Veränderungen. Hierzu gehörte einerseits die Etablierung des „Frankfurter Weges“ einer akzeptierenden Drogenpolitik, die niedrigschwellig in Fixerstuben und anderen Einrichtungen Hilfe anbietet, gleichzeitig auf eine konsequente Verdrängung aus Parkanlagen und anderen öffentlichen Räumen setzt. Gleichzeitig galt es, mit Widerständen aus der Bevölkerung zu kämpfen.

„Das war schon sehr, sehr heftig“, erinnert Wolter-Brandecker sich an die Diskussionen um die Heroin-Ambulanz für Schwerstabhängige im Ostend. Aufgebrachte Anwohner wollten unbedingt die Einrichtung verhindern, die 2003 als bundesweit eines der ersten Angebote seiner Art den Betrieb aufnahm. Wolter-Brandecker lebte damals selbst im Ostend und versuchte in vielen Sitzungen, den Bewohnern ihre Ängste zu nehmen. Die Emotionen kochten hoch. „Die Polizei bat mich, nachts beim Gang über den unbeleuchteten Hof vorsichtig zu sein“, berichtet die Drogenpolitikerin. Den Nutzern der Ambulanz wurde Prügel angedroht. Doch alle Befürchtungen vor Kriminalität und Gesundheitsbedrohungen etwa durch weggeworfene Spritzen hätten sich nicht verwirklicht. „Das Projekt hat sich perfekt weiterentwickelt“, sagt Wolter-Brandecker. Ein Grund hierfür sieht sie darin, dass der „Frankfurter Weg“ in der Stadt parteiübergreifend getragen werde.

Durchhaltevermögen - allerdings eher in der Form von Langzeitausdauer - war auch an anderer Stelle nötig. „Man wundert sich schon manchmal, wie lange Sachen brauchen“, berichtet die Gesundheitspolitikerin und meint das Klinikum Höchst. „Es ist sicher einer der größten Erfolge, dass es nach 20 Jahren Diskussion dort einen Neubau gibt“, sagt sie. Um das gerade entstehende Projekt ökonomisch stemmen zu können, fusionierte das Krankenhaus mit den Kliniken des benachbarten Main-Taunus-Kreises. Ein Projekt, das ihre Fraktion kritisch sah, erinnert sich Wolter-Brandecker.

Auch in ihrem zweiten Arbeitsschwerpunkt, der Kulturpolitik, ist ein langer Atem gefragt. Hier fallen ihr gleich zwei Beispiele dazu ein: der Zoo sowie das Kinder- und Jugendtheater. Aus- und Umbaupläne für den Tiergarten begleiten Wolter-Brandecker praktisch seit ihrer Zugehörigkeit zum Römer-Parlament. „Doch damals bremste das Land und wollte ein gemeinsames wirtschaftliches Konzept mit den Umlandgemeinden. Die hatten allerding kein Interesse, Geld für Frankfurt auszugeben“, erinnert sich die Stadtverordnete. Daher ist man aktuell wieder bei den rein kommunalen Umbauplänen, die neulich Zoodirektor Miguel Casares vorgestellt hat. Wechselnde Rahmenbedingungen begleiteten auch das Kinder- und Jugendtheater. Tatsächlich gab es diese Einrichtung bereits für eine Spielzeit Anfang der neunziger Jahre, ehe sie dem städtischen Rotstift zum Opfer fiel. Jetzt soll es nach einem Grundsatzbeschluss der Stadtverordnetenversammlung wieder entstehen und seinen Sitz im Zoo-Gesellschaftshaus haben. „Ich bin sehr froh, dass wir das auf den Weg gebracht haben. Aber die Bau- und Finanzierungsvorlage stehen noch aus“, sagt Wolter-Brandecker mit dem Blick der routinierten Römerparlamentarierin.

Als solche registriert sie auch die Veränderungen in der Arbeit der Stadtverordneten. Zur Erfahrung kommt die durch den Wechsel ins Präsidium erweiterte Perspektive. „Das Klima ist rauer geworden“, sagt sie. Die stellvertretende Vorsteherin beobachtet zunehmend aggressive Zwischenrufe. Immer wieder stünden sie und die anderen Kollegen, welche gerade die Sitzung leiten, vor der Frage, ob ein verbaler Ausfall mit einer Rüge sanktioniert gehöre. Allerdings könne eine solche Maßnahme dem übergriffigen Zwischenrufer nutzen, indem er noch mehr Aufmerksamkeit bekäme. Ein manchmal schwieriger Abwägungsprozess. Denn „die Aggressionen sind gestiegen, aber auch die Empfindlichkeiten“, wie sie berichtet. Dann sind Lebens- und Parlamentserfahrung gefordert, wie bei der Jubilarin. Persönlich wünscht sie sich, in dem neuen Lebensjahrzehnt mehr Zeit zum Reisen und für die Familie zu haben. Abzuwarten bleibt, ob ihr kommunalpolitisches Engagement das zulassen wird.

Text: Ulf Baier