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13.11.2019

30 Jahre städtisches Frauenreferat und kein bisschen leise

Stadträtin Rosemarie Heilig, © Stadt Frankfurt am Main, Foto: Sandra Mann
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(ffm) „Seit seiner Gründung vor 30 Jahren steht das Frauenreferat für eine innovative, hochprofessionelle und vor allem den Menschen zugewandte Arbeit, um das Lebensumfeld von Frauen und Mädchen in unserer Stadt in allen Belangen entscheidend zu verbessern. 30 Jahre Frauenreferat erzählen im Rückblick eine Erfolgsgeschichte und lassen mich zugleich hoffnungsvoll in die Zukunft blicken. Wir brauchen die Leidenschaft und die Power, mit der das Frauenreferat bislang frauenpolitische Themen aufgegriffen und vorangebracht hat. Es gibt leider noch immer viel zu tun“, betont Frauendezernentin Rosemarie Heilig.

Was hat das Frauenreferat in den vergangenen drei Jahrzehnten nicht alles erreicht: Aufgezeigt, was es heißt, als Frau in Frankfurt zu leben. Benachteiligungen und Diskriminierungen von Frauen und Mädchen sichtbar gemacht. Gender Mainstreaming und die Europäische Charta für die Gleichstellung mit Aktionsplänen städtisch umgesetzt. Unzählige Frauennetzwerke ins Leben gerufen und am Leben erhalten.

Bis heute organisiert das Frauenreferat mit vielen Kooperationspartnerinnen zu den etablierten Schwerpunkten Existenzsicherung, Mädchenpolitik, Arbeitsmarkt und Gewaltschutz sowie Migration Infrastrukturprojekte für Frauen und Mädchen: in verschiedenen Facetten, zu unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlichen Bereichen. Mit sehr unterschiedlichen Trägern, Vereinen, Stiftungen und Institutionen arbeitet das Frauenreferat dabei zusammen. Es leitet Arbeitsgruppen, ist Teil von Gremien. Dabei geht es immer darum, mit Gender-Expertise zu beraten und wichtige Themen ein- sowie voranzubringen.

Eine Frage hört Gabriele Wenner, Leiterin des Frauenreferats, immer wieder: Braucht es denn noch immer ein Frauenreferat? Ihre Antwort lautet: „Natürlich! Weltweit ist die Gleichberechtigung nicht erreicht – auch in Deutschland nicht!“ Die Fachfrau führt aus: „Wir haben ganz maßgebliche Themen auf unserer Agenda, die noch nicht gelöst sind. Gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit etwa. Da steht Deutschland europaweit ganz weit unten auf der Skala und leider diskutieren wir hier immer über Statistiken. Ich würde gerne in Bezug auf Lösungen weiterkommen.“ Natürlich gebe es Gründe für den Gehaltsunterschied zwischen Frauen und Männern. Diese lägen aber wiederum in der ungleichen Aufteilung von Erwerbsarbeit und Care-Arbeit. Frauen reduzieren oft ihre Arbeitszeit, wenn ein Paar Kinder bekommt. „Das ist zwischen den Geschlechtern nicht gleich aufgeteilt. Im Gegenteil: Nach dem zweiten Kind schnappt dann für viele Frauen die Falle zu. Ich sage ganz bewusst Falle, weil sich das am Ende in der Rente niederschlägt“, sagt Wenner.

Die Durchschnitts-Rente eines Frankfurters liegt bei rund 1100 Euro, die einer Frankfurterin bei etwa 770 Euro. „Da wird das Missverhältnis sehr deutlich. Das sind Auswirkungen von persönlichen Entscheidungen, die aber auch vom Staat befördert werden, etwa mit dem Ehegattensplitting. Auch wenn wir Teilzeit-Arbeit, schlechter bezahlte Berufe und weniger Frauen in Führungspositionen außer Acht lassen, gibt es immer noch einen Anteil von sechs bis acht Prozent, die nicht zu erklären sind. Außer mit Diskriminierung.“ Das sei ein Grund, warum es Frauenreferate, Frauenbüros oder Gleichstellungsstellen noch brauche. „Und das ist allein nur zum Thema Equal-Pay zu sagen“, betont die Frauenreferatsleiterin. Die strukturelle Diskriminierung der Frau im Alltag und in der Berufswelt hat das Frauenreferat 2012 mit der vielbeachteten Kampagne „Armut ist eine Frau“ treffend thematisiert.

Gabriele Wenner, Leiterin des Frauenreferats. © Stadt Frankfurt am Main, Foto: Frauenreferat
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Erfolgreiche Frauenarbeit braucht Profession und Struktur

Gabriele Wenner leitet das Frauenreferat seit 2002 und schätzt ihre Arbeit: „Es ist eine spannende Aufgabe. Ich bereue nicht, dass ich nach Frankfurt gekommen bin“, sagt sie. Rückblickend weiß sie, dass die Anfangsjahre seit 1989 davon geprägt waren, das Frauenreferat zu etablieren und als Fachstelle anerkannt zu werden: „Es ging darum, deutlich zu machen: Hier wird professionell gearbeitet. Mit Kampagnen und provokativen Aktionen ist das gut gelungen.“

Immer wieder würde gefordert, das Frauenreferat abzuschaffen. Doch die Vielfalt der Themen, an denen gearbeitet wird, verdeutliche, dass das Referat weder überflüssig noch unnötig sei. „Die Mehrheit der Stadtverordneten erkennen unsere Arbeit an und sehen, was an wichtigen Themen bewegt wird. Das ist eine erfreuliche Entwicklung. Es war 1989 ein politischer Beschluss, ein Frauenreferat einzurichten. Heute sind wir angekommen in der Mitte der Stadtverwaltung und in der Mitte der Gesellschaft – das merkt man an den vielen Rückmeldungen, Kooperationsanfragen und Auszeichnungen“, sagt Gabriele Wenner.

Wenn Projekte entwickelt werden, frage man sich immer wieder: „Haben wir an alle Zielgruppen wie zum Beispiel Migrant*innen oder Frauen gedacht?“ Wenner sieht das kritisch: „Als wären Frauen eine Teilgruppe, dabei sind wir die Mehrheit der Gesellschaft. Mir geht es darum, zielgruppendifferenzierte Maßnahmen zu entwickeln – so haben wir auch Gender-Mainstreaming aufgefasst. Es geht nicht nur um die statistische Zahl. Wenn Maßnahmen in der Stadtverwaltung entwickelt werden, gilt es genau zu schauen, welche Zielgruppen erreicht werden sollen und wie diese sich zusammensetzen: nach Alter, Geschlecht, nach Migrationshintergrund, möglicherweise nach sexueller Orientierung, Behinderung, also nach den sogenannten Diskriminierungsmerkmalen. Solange wir bei städtischen Projektplanungen nicht durchgängig entlang der Diversity-Merkmale verfahren, braucht es auch noch ein Frauenreferat, ein Amka oder eine Behindertenbeauftragte“, betont sie.

Eines der wichtigen Anliegen des Referats bestand in den 90er Jahren darin, Frankfurt sicherer für Frauen zu machen. Dabei ging es vor allem darum, die Belange von Frauen und Mädchen in der Bau- und Stadtplanung zu berücksichtigen. „Wie fühlen sich Frauen im Stadtraum? Wo bestehen Unsicherheits- und Bedrohungsgefühle? Wie kann eine Stadtplanung das verändern und verbessern? Mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen wie zum Beispiel „Frauen nehmen sich die Stadt“ landeten der Wunsch nach Sicherheit und Bewegungsfreiheit für Frauen im öffentlichen Raum erstmals auf der politischen Agenda. Nicht zuletzt daraus entstanden 1996 die Leitlinien zur frauengerechten Bauleitplanung, die beim deutschen Städtetag, in deutschen Planungsämtern aber auch im Ausland große Beachtung fanden.

„Damals ist zwar viel Neues in die strukturellen Planungen eingeflossen, aber eben nicht genug“, sagt Gabriele Wenner. Zu aktuellen Themen wie „Safe Citys“ wird es deshalb auch eine Kampagne geben. „Stadtplanung ist immer eine Herausforderung. Wir im Frauenreferat sind keine Architektinnen und Stadtplanerinnen. Deshalb ist es wichtig, das Gender-Know-how in alle Ämter und Bereiche der Stadtverwaltung einzubringen.“

Für ein gewaltfreies und selbstbestimmtes Leben

Gewalt gegen Frauen sei ein weiteres grundlegendes Thema weltweit, das auch das Frankfurter Referat beschäftigt. Einer repräsentativen Studie von 2004 zufolge hat jede dritte Frau Gewalt erlebt. Kampagnen wie „#MeToo“ machen deutlich, wie viele Frauen in ihrem Lebens- und Berufsalltag betroffen sind. „Es ist nicht nur der Film-Mogul, der seine Machtposition ausnutzt, es ist auch der Chef, der Ehemann, der Vater, der Bruder, Onkel, der Nachbar, die ihre Positionen ausnutzen und übergriffig werden. Und das zieht sich durch alle Schichten. Gewalt gegen Frauen und Mädchen ist leider nach wie vor ein ungelöstes Problem.“

„Femizide sind aktuell ein Thema von besonders hoher Aufmerksamkeit in Europa und weltweit“, sagt Wenner. Oft werde über „Beziehungsstreitigkeiten“ berichtet, die eskaliert sind. Das sei eine verharmlosende Darstellung, weil es sich um Morde an Frauen handele. „Es fängt an bei missachtenden Bemerkungen, über den Klaps und die Ohrfeige bis hin zum Mord. Es gibt viele Formen von Gewalt. Wenn man sich umhört, dann kann jede Frau von der einen oder anderen Form berichten.“

In Frankfurt sei Gewalt gegen Frauen genauso verbreitet wie in anderen Regionen: „Oft werde ich gefragt, ob es für Frauen in Frankfurt nicht gefährlicher als in einer ländlichen Region ist, weil viele Leute denken: ‚Auf dem Land ist die Welt noch in Ordnung und da passiert nicht viel‘. Gewalt gegen Frauen und Mädchen gibt es jedoch überall gleichermaßen“, sagt Wenner. 2016 organisierte das Frauenreferat unter dem Motto „Mein Nein meint Nein“ Aktionswochen im Rahmen der Kampagne „Respekt. Stoppt Sexismus“.

Mit regelmäßigen Aktionen anlässlich des jährlichen Internationalen Tages gegen Gewalt an Frauen und Mädchen möchte das Frauenreferat deutliche Zeichen setzen und zugleich auf Hilfsangebote bei sexueller, häuslicher und auch digitaler Gewalt hinweisen. „Gewalt gegen Frauen hat mit mangelndem Respekt zu tun, der die Gesellschaft durchzieht. Dieser Sexismus, der immer wieder spürbar ist, oft auch unterschwellig: in der Werbung, im Alltag, durch Geschlechterrollen und Stereotype.“ Letztere wird das Frauenreferat mit seiner nächsten Kampagne in 2020 angehen. „Wir wollen vor allem Vorurteile und Diskriminierung bekämpfen, die aus den Stereotypen resultieren.“ Die Kampagne soll für Bewusstseinsbildung – Awareness sorgen.

Auch die Stadtverwaltung müsse darauf achten, wie divers Menschen dargestellt und angesprochen werden. Das Frauenreferat kommuniziert Wissen und Expertise verwaltungsintern, um den Blick nach außen zu schärfen. So beispielsweise auch in der gendergerechten Sprache. „Das ist wichtig, denn wir wollen niemanden ausschließen. Inklusive Sprache zu verwenden bedeutet alle anzusprechen, die wir als Stadtverwaltung mit unseren Angeboten erreichen wollen.“

Die halbe Stadtbevölkerung sind Frauen

Frankfurt ist eine Stadt der Frauen, hat zwei Mal das bundesweite Genderranking gewonnen und hält sich konstant im oberen Drittel. 2018 hat die Stadt den zweiten Platz beim Gender-Award belegt.

Daran hat auch das Frauenreferat seinen Anteil und ist daher auch Vorbild für andere kommunale Frauenbüros. Deutschlandweit gibt es 1800 kommunale Frauenbüros, die in Landes- und Bundesarbeitsgemeinschaften zusammenarbeiten. Frankfurt beteiligt sich aktiv daran.

Die Mainmetropole bietet ideale Bedingungen für Selbständige, ein tragfähiges Netzwerk fördert Existenzgründerinnen und in Genderfragen hat Frankfurt eine bundesweite Vorreiterrolle. Entsprechend viel unternimmt die Verwaltung für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie die Steigerung des Frauenanteils in leitender Position.

Um den Wandel der Führungskultur zu gestalten, den Anteil von Frauen in Führungspositionen sowie die Akzeptanz für Gleichstellungsfragen und gemischte Teams zu erhöhen, wurde von Frankfurter Expertinnen die Akademie Mixed Leadership entwickelt, die aktuell im Fachbereich 3: Wirtschaft und Recht der Frankfurt University of Applied Sciences an den Start gegangen ist. Die Idee zum Aufbau einer Akademie für mehr Frauen in Führung ist entstanden durch einen partizipativen Prozess des Frankfurter Frauenreferats im Rahmen des ersten Aktionsplans zur Europäischen Gleichstellungscharta.

Mit 40 Prozent Frauenanteil in Führungspositionen ist Frankfurt gut aufgestellt – der bundesweite Durchschnitt liegt jedoch darunter. Der Anteil von Frauen im Magistrat ist leider zurückgegangen, weshalb Frankfurt auch das Ranking im vergangenen Jahr nicht gewonnen hat. „Da waren wir auch bei 40 Prozent, aber das ist rückläufig. Auch das hat natürlich Ursachen: In der Politik sind die Sitzungen am Nachmittag und gehen bis in den späten Abend – diese Zeiten muss man sich nehmen können. Da passen dann die Strukturen der politischen Arbeit oft nicht in das Leben der Frauen. Eine Möglichkeit wäre, die Sitzungszeiten zu ändern“, rät Wenner. Sodass alle mehr Zeit hätten. In Skandinavien funktioniere das.

Netzwerke sind für das Frauenreferat unverzichtbar

Das Frauenreferat steht allen offen, die eine fachliche Expertise brauchen oder hilfreiche Unterstützung in einer Problemlage suchen. „Wir sind eine Anlaufstelle für alle Fragen rund um geschlechtsspezifische Diskriminierung. Wer uns anruft, erfährt, welche Anlaufstellen es zu welchen Themen gibt. Wir finanzieren auch zum Teil diese Angebote. Wir sind keine Beratungsstelle und machen keine Rechtsberatung. Aber wir können sagen, welche Gesetze greifen und wo gezielt Unterstützung zu bekommen ist“, erklärt die Referatsleiterin.

Um Frauen aus allen sozialen Schichten zu erreichen seien Multiplikatoren sehr wichtig. Dennoch könne Frauen der erste Schritt aus einer problematischen Lage nicht abgenommen werden. „Den ersten Schritt müssen sie selbst machen. Es gibt beispielsweise Anlaufstellen für Migrantinnen, da erreichen wir die Frauen über Sprach- und Integrationskurse. Dort werden auch andere Themen angesprochen, Ratsuchende erhalten Informationen und Zugänge zu hilfreichen Programmen. Ein Beispiel: Viele neu zugezogene Migrantinnen können nicht schwimmen oder Radfahren. Sie möchten jedoch ihre Kinder beim Schwimmen oder Radfahren unterstützen. Der Lernwunsch der Eltern muss gefördert werden: „Dafür haben wir mit Trägern zusammen Schwimm- und Fahrradfahrkurse entwickelt. Die Durchführung läuft über die Vereine, die wir bezuschussen.“ Auch das Sportamt zieht mit. Aber der Bedarf ist bislang noch nicht gedeckt.

Die Arbeit des Frauenreferats ist und bleibt notwendig, denn eine gerechte Geschlechterpolitik bedarf einer Querschnittfunktion für die Stadt und die Gesellschaft. Vor allem ist es heute wichtiger denn je die Stadt mit den Augen aller Geschlechter und dann noch themenübergreifend zu betrachten. Eine am individuellen Bedarf von Frauen und Mädchen ausgerichtete und an unterschiedliche Zielgruppen adressierte Frauenpolitik braucht angemessene Formate: Der Business Women’s Day, die Kampagne „Frauen.Macht.Politik.“ oder die Salongespräche zur Mädchenarbeit sind Maßnahmen, mit denen das Frauenreferat kontinuierlich Gendergerechtigkeit vorangetrieben hat.

Wenner und ihr Team haben sich auch in Zukunft viel vorgenommen. Und was wünscht sie dem Frauenreferat zum Geburtstag? „Dass das Frauenreferat so innovativ wie in den vergangenen drei Jahrzehnten bleibt und weiterhin mit viel Team-Power, finanzieller und politischer Unterstützung arbeiten kann.“

Trotz des Jubiläums bleibt wenig Zeit für eine Verschnaufpause: Ende November wird – wie alle zwei Jahre – der Tony-Sender-Preis verliehen. Und Anfang Dezember steht bereits der Business Women‘s Day an, organisiert, um mehr Frauen in Führung und Verantwortung zu bringen. Gabriele Wenner weiß, dass Ausruhen keine Option ist für die, die verändern und gestalten wollen. Auf der Hut sein und notfalls kämpferisch vorangehen ist hier die Losung: „Die Gesellschaftspolitik kennzeichnet ein stetes Auf und Ab – man muss immer wieder das Erreichte sowie die Schwachstellen deutlich machen und verteidigen.“

Weitere Informationen gibt es unter https://www.frankfurt.de/sixcms/detail.php?id=2900&_ffmpar%5b_id_inhalt%5d=102285 im Internet.