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26.09.2019

Der Eiserne Steg – ein Frankfurter Wahrzeichen im Wandel der Zeit

(ffm) Er war immer mehr als nur eine Brücke: Wahrzeichen, Künstlermodell und Abbild bürgerschaftlicher Initiative. Vor 150 Jahren wurde der Eiserne Steg für den Verkehr freigegeben.

Ergebnis bürgerschaftlichen Engagements

Mehr als einmal in ihrer Geschichte waren Wirtschaft und Bevölkerung Frankfurts schneller gewachsen als seine Verkehrsinfrastruktur. Lebten 1810 noch knapp 40.000 Menschen in der Stadt, hatte sich diese Zahl Mitte der 1860er Jahre beinahe verdoppelt. Die Alte Brücke war dem anschwellenden Verkehr über den Main schon seit der Jahrhundertmitte nicht mehr gewachsen, eine erste Eisenbahnbrücke lag zu weit außerhalb des Stadtgebietes, und so verlangte die Stadtgesellschaft immer drängender eine weitere Mainquerung. Der Magistrat scheute indes vor den Kosten zurück, und so nahmen Frankfurts Bürger die Sache einmal mehr in die eigenen Hände. Am 30. Juni 1867 wurde eine „Actiengesellschaft zur Errichtung einer Eisernen Brücke am Fahrtor“ gegründet. Diese verkaufte Anteilscheine im Wert von jeweils 100 Gulden, verzinst mit fünf Prozent. Wie so oft, wenn Privatleute eine Sache in die Hand nahmen, ging es mit dem Bau flott voran, und auch die Rechnung stimmte am Ende. Binnen weniger Monate waren weit mehr als die zum Baubeginn veranschlagten 120.000 Gulden, heute ungefähr 1,94 Millionen Euro, beisammen. Auch die nötigen Genehmigungen, einschließlich der des Preußenkönigs Wilhelm I. wurden im August 1868 erteilt, so dass im selben Monat noch mit dem Bau begonnen, und das fertige Bauwerk bereits im Jahr darauf am 29. September 1869 eingeweiht werden konnte. Ausgeführt hatte den Bau das bis in die 1970er Jahre in Seckbach ansässige Stahlbauunternehmen J.S. Fries Sohn.

Der Eiserne Steg, 1895, © Institut für Stadtgeschichte S7A 1998-17.408
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Refinanziert wurden die Kosten aus der Brückenmaut von einem Kreuzer – das billigste Ticket für die von Pferden gezogene Straßenbahn kostete deren vier – für alle Nutzer außer Beamte und Militär im Dienst. Bereits im ersten Vierteljahr zählte man 260.788 Nutzer bei nur 78.000 Frankfurter Einwohnern. So konnte der Eiserne Steg, wie in den Statuten der Gesellschaft vorgesehen, nach Tilgung von Bausumme und Verzinsung früher als die veranschlagten 20 Jahre der Stadt übertragen werden. Vom Neujahrstag 1886 an war die Überquerung gratis.

Seinem Konstrukteur Peter Wilhelm Schmick trug der erstmalige Bau einer derartigen aus Schmiedeeisen gefertigten, versteiften Hängebrücke auf der Weltausstellung 1873 in Wien einen Fortschrittspreis ein. Politisch war dieses Projekt ein Signal, dass der Frankfurter Bürgersinn in der demütigenden Eingliederung der vormals freien Stadt in das Königreich Preußen nicht untergegangen war, was Oberbürgermeister Daniel Heinrich Mumm von Schwarzenstein in seiner Eröffnungsrede anklingen ließ. Er verlieh darin der Hoffnung Ausdruck, „dass diesem Baue noch manches öffentliche Werk folgen werde, hervorgehend aus dem Schoße des Bürgerthums, dem allgemeinen Besten gewidmet, unserer Stadt zur Zierde und zur Ehre.”

Repariert, restauriert, modernisiert

Frankfurts Verkehrsprobleme vermochte der Eiserne Steg allein indes auch nicht zu bewältigen, und so wurde Tiefbauingenieur Schmick in den 1870er Jahren auch mit dem Bau der Ober- und Untermainbrücken beauftragt; „Kaa Brick ohne Schmick“ spöttelte man damals. Es gab daher Anfang des 20. Jahrhunderts auch Bestrebungen, den Eisernen Steg durch eine weitere Straßenbrücke zu ersetzen. Die wurden zwar nicht umgesetzt, aber die für die größeren Flussschiffe zu geringe Durchfahrtshöhe machte eine Anhebung notwendig, bei der auch zugleich eine Verbreiterung vorgenommen wurde. Bei diesen 1912 abgeschlossenen Arbeiten blieb zwar das vertraute Erscheinungsbild der Brücke weitgehend erhalten, da die Bürger selbst kleinere Veränderungen lautstark beklagt hatten. Technisch war aber letztlich ein ganz neues Bauwerk entstanden, indem das statische Prinzip einer Hängebrücke durch das einer Auslegerberücke ersetzt wurde.

Blick vom Schaumainkai (Tiefkai) nach Nordosten auf den zerstörten Eisernen Steg, ca. März 1945, © Landesbildstelle/Institut für Stadtgeschichte S7B 1998-335
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Am 25. März 1945 wurde der Eiserne Steg zusammen mit den übrigen Frankfurter Brücken von der deutschen Wehrmacht gesprengt, um den Vormarsch der US-Truppen aufzuhalten. In den ersten Nachkriegstagen konnte der Verkehr nur mit Fähren aufrechterhalten werden, später errichteten die Amerikaner eine Holzsteg ungefähr auf Höhe des Kaiserdoms. Zwar lagen die herausgesprengten Metallkomponenten des Eisernen Stegs im Fluss, wo sie auch die Schifffahrt behinderten, waren aber soweit intakt geblieben, dass sie nach Bergung und Überholung, abermals unter Beteiligung der Erbauerfirma Fries, wieder eingesetzt werden konnten. So konnte Oberbürgermeister Walter Kolb am 2. November 1946 die offizielle Wiedereröffnung vornehmen. Im Jahr 1969 musste die Höhe abermals um 40 Zentimeter auf nunmehr acht Meter aufgestockt werden. Nach und nach hatte die zunehmende Korrosion besonders den Nieten der Stahlkonstruktion so zugesetzt, dass 1993 eine grundlegende Erneuerung für über 16 Millionen Mark notwendig wurde. Um während der Bauzeit die Verbindung zwischen „Hibbedebach“ und „Dribbdebach“ aufrecht zu erhalten, ließ die Stadt den Holbeinsteg errichten.

Für einige Jahrzehnte hatte der Eiserne Steg sogar einen eigenen Bahnanschluss, als man mit einer Verbindungsbahn die verschiedenen Frankfurter Kopfbahnhöfe miteinander verknüpfte. Der Not gehorchend wurde der kurz vor dem Ersten Weltkrieg eingestellte Personenverkehr nach dem Zweiten seiner Art für einige Zeit noch einmal mit Schienenbussen wiederaufgenommen, bis die Gleise dann wieder dem Güterverkehr der Hafenbahn übergeben wurden.

Künstlermodell und Kunstobjekt

Wie wenige andere Bauwerke wurde der Eiserne Steg zu einem Wahrzeichen der Mainmetropole, das keineswegs nur der eiligen Überquerung des Flusses diente. Frankfurter wie Gäste schätzen den Blick über Main und Skyline, und beim Großen Stadtgeläut und den Feuerwerken ist er der beste Platz zum Zuhören und Zuschauen.

Stadtansicht mit Eisernem Steg von Max Beckmann, Radierung, 1923, © VG Bild-Kunst, Bonn / Repro: Martin Joppen /Sammlung Jürgen und Antje Conzelmann
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Auch die große Kunst hat sich von der gelungenen Verbindung technischer Modernität und eleganter Form zu Zeichnungen und Gemälden inspirieren lassen; Maler wie Ernst Ludwig Kirchner und, gleich mehrfach, Max Beckmann haben ihn in ihren Werken porträtiert. Eine von Beckmanns Darstellungen findet sich auch in dem soeben erschienen Jubiläumssatz von Sondermarken der Deutschen Post. In der erfolgreichen Filmkomödie „What a Man“ hat Matthias Schweighöfer ihm 2011 eine tragende Rolle zugewiesen, der Songwriter Philipp Poisel steuerte für die Filmmusik eine ebenso erfolgreiche Ballade bei, und ein Theaterstück des Dramatikers Ernst-Jürgen Dreyer führt ihn im Titel. Auch wurde der Steg selbst zum Kunstobjekt, als ihm der Künstler Hagen Bonifer zum Goethejahr 1999 das griechische Zitat aus der Odyssee zwischen die Pfeiler setzte, dessen Übersetzung „Segelnd auf weindunklem Meer hin zu Menschen anderer Sprache“ lautet.

In den vergangenen Jahre sorgte ein aus Italien und Frankreich stammender Brauch neben unzähligen Hochzeitsfotos und Selfies für neue, farbenfrohe Gestaltungselemente: Einige Tausend Liebesschlösser hängen an den Geländern, ihre Schlüssel liegen für immer tief unten im Fluss. Sorgen muss man sich wegen deren Gewicht keine machen. Als der Brauch aufkam, hat das städtische Verkehrsdezernat vorsichtshalber nachmessen lassen und Entwarnung gegeben: Der Eiserne Steg wird auch das überstehen.

Text: Thomas Scheben