Logo FRANKFURT.de

06.11.2018

‚Nein, die Stadt hat ihre jüdischen Bürgerinnen und Bürger nicht geschützt, sie hat sie verraten und ist an ihnen schuldig geworden‘

Bürgermeister Uwe Becker, © Stadt Frankfurt am Main, Foto: Stefanie Kösling
Dieses Bild vergrößern.

Bürgermeister Uwe Becker warnt vor Gleichgültigkeit gegenüber erstarkender Judenfeindlichkeit

(ffm) Im Vorfeld des Gedenkens an die Verbrechen der Reichspogromnacht vor 80 Jahren erinnert Bürgermeister und Kirchendezernent Uwe Becker an die Schrecken des 9. November 1938 und warnt vor einer gesellschaftlichen Gleichgültigkeit gegenüber einer stärker werdenden Judenfeindlichkeit.

„Die gesellschaftlichen Narben auch und gerade in unserer Stadt Frankfurt am Main sind bis heute sichtbar. Der 9. November sollte uns immer Erinnerung und Mahnung zugleich sein. Dieser Tag war nicht der Beginn des nationalsozialistischen Terrors gegen Juden, sondern markierte den Übergang von der Entrechtung, Enteignung und Unterdrückung zum industriell organisierten Massenmord. Der Nationalsozialismus ist nicht plötzlich über Deutschland und Frankfurt hereingebrochen. Es war ein schrecklicher Prozess von einer entmenschlichten Gesellschaft in die absolute Unmenschlichkeit, denn mit den brennenden Synagogen verbrannte auch der Rest an Menschlichkeit in unserer Stadt und unserem Land. Umso wichtiger ist es, dass wir auch heute aufmerksam sind und modernen Formen des Antisemitismus entschlossen entgegentreten.“

Gewalt gegen Juden gab es schon vor dem 9. November 1938. Bis dahin haben Boykotts, Berufsverbote, Nürnberger Rassegesetze und andere Schikanen Juden das Hierbleiben bereits unerträglich gemacht. Mit dem 9. November 1938 begann die systematische Arisierung Deutschlands, auch in Frankfurt. Neben den Synagogen wurden gezielt die Geschäfte und Wohnungen jüdischer Bürgerinnen und Bürger nicht nur von SA-Leuten öffentlich geplündert und zerstört. Frankfurts Polizeipräsident setzte am 9. November von München aus telefonisch SA und HJ in Bewegung. Frankfurter Juden aller Schichten und jeden Alters wurden zur Sammelstelle an der Festhalle transportiert, gequält, misshandelt, deportiert und ermordet.

„Im Jahr 1930 lebten in Frankfurt mehr als 30.000 Juden. Der Holocaust wurde auch hier in unserer Stadt von Menschen an Menschen verbrochen, von Nachbarn an Nachbarn, von Frankfurtern an Frankfurtern. Auch die Stadt Frankfurt, die städtische Verwaltung ist als willfähriger Apparat des nationalsozialistischen Terrors mitschuldig geworden an den Verbrechen gegenüber ihren jüdischen Bürgerinnen und Bürgern. Nein, die Stadt hat ihre Bürgerinnen und Bürger nicht geschützt, sie hat sie verraten und ist an ihnen schuldig geworden. Frankfurt am Main wurde von der jüdischsten Stadt in Deutschland zur gefühllosen Speerspitze der Judenverfolgung im Land. Umso mehr erwächst daraus die Verantwortung, für die Zukunft jüdischen Lebens in unserer Stadt und in unserem Land einzutreten, es zu fördern und zu stärken“, betont Becker.

„Leider beobachten wir 80 Jahre nach der Schreckensnacht von 1938 jedoch, dass Judenfeindlichkeit in unserem Land, wie überall in Europa, wieder am Erstarken ist und leider findet wieder eine viel zu schnelle Gewöhnung der Gesellschaft an antisemitisches Verhalten, an Judenfeindlichkeit in der Öffentlichkeit, an Schmierereien und damit an die Bedrohung jüdischen Lebens bei uns statt. Dagegen müssen wir als Gesellschaft aufstehen, uns für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus einsetzen und dabei ist jede und jeder einzelne gefordert“, sagt Becker.