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16.12.2014

Das berühmteste Rondell der Region

Luftbild des Kaiserlei-Kreisels und der Kaiserlei-Brücke, © Stadt Offenbach
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Kaiserlei-Kreisel und –Brücke werden 50 Jahre alt

Helena Malsy ist Grenzgängerin. Jeden Tag wechselt sie die Seiten: von Frankfurt nach Offenbach und zurück. Ihr Büro hat Malsy an der Nahtstelle zwischen den beiden Nachbarstädten eingerichtet – am Kaiserlei. Hin und zurück nutzt die Frankfurterin ein Bauwerk, das am 18. Dezember 50 Jahre jung wird: die Kaiserlei-Brücke mit dem angebundenen Kaiserlei-Kreisel.

Frankfurt am Main (pia) Bereits vor der Eröffnung des Verkehrskreisels ging es rund – medial gesehen. Das zu Füßen der Kaiserlei-Brücke gelegene riesige Rondell jagte, glaubt man Zeitungsberichten aus dem Spätherbst 1964, den Autofahrern Angst ein „Das Fahrzeug schleudert, und es wird immer schleudern“, schrieb ein erschrockener Reporter der „Frankfurter Rundschau“ nach einer Umrundung. Inständig hoffte der Testfahrer, das Provisorium werde bald verschwinden. Es blieb. Fast unverändert. 50 Jahre lang.

Lieblingskinder der Straßenplaner

Kreisel gehörten bis in die in die 1960iger Jahre hinein zu den Lieblingskindern der Straßenplaner. Die um eine Mittelinsel gruppierten Fahrbahnen sollten die erwarteten Verkehrsströme zügig und sicher in die richtige Richtung lenken. Erste Kreisverkehre datieren auf den Anfang des 20. Jahrhunderts. 1904 entstand der Columbus Circle in New York, 1907 folgte mit dem Kreisel um den Arc de Triomphe das wohl berühmteste Rondell der Welt. Dem Rund am Kaiserlei verpassten Chronisten anlässlich der Inbetriebnahme ein eigenes Superlativ: Mit einem Durchmesser von rund 250 Metern sei es das größte Europas, heißt es in zeitgenössischen Zeitungsberichten.

Bauarbeiten an einer Zufahrt zum Kaiserlei-Kreisel, im Hintergrund die Kaiserlei-Brücke, September 1968, © Foto: Philipp Kerner, Institut für Stadtgeschichte
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Schrecken der Autofahrer

Der Ruf als Schrecken der Autofahrer haftet dem Kreisel an. Weniger aufgrund der Unfälle, sondern wegen der vielen Staus, die entstehen, wenn sich zehntausende Autos auf dem Weg von und zur Kaiserlei-Brücke, zur Autobahn sowie in Richtung Frankfurt und Offenbach in die Kreisbahn einordnen müssen. Was 1964 fast überdimensioniert wirkte, scheint heute viel zu klein. Die Zu- und Abfahrten können die Wagen kaum bewältigen, die täglich die Drehscheibe passieren. Für Fußgänger und Radfahrer ist der Kreisel unpassierbar. Nun ist das Ende der Kreisbahn in Sicht. 2015 soll der nicht unumstrittene Umbau zur Kreuzung beginnen. In Zukunft könnte der Verkehr wieder fließen – und der von den beiden Nachbarstädten angestrebte Ausbau des Kaiserleiareals zu einem attraktiven Gewerbestandort vorangehen.

Der Kaiserlei – ein Grenzfall

Das rund 40 Hektar große, zwischen dem Main und der Autobahn 661 liegende Gelände ist ein Grenzfall: Sowohl Frankfurt als auch Offenbach haben Anteile. Die gemeinsame Entwicklung ist ein Langzeitprojekt auf Basis eines städtebaulichen Vertrags. Den Standortvorteil an der Verkehrsdrehscheibe von Ost nach West und von Süd nach Nord wollen die Kommunen nutzen, um Unternehmen anzulocken. Die Nähe zur EZB auf der gegenüberliegenden Mainseite wird ein weiterer Pluspunkt sein. Helena Malsy, Geschäftsführerin von „Das Ei Medienproduktion“ hat sich aufgrund der zentralen Lage und wegen des Raumangebots für den Kaiserlei entschieden. „Autobahn und S-Bahn liegen vor der Tür, der Flughafen ist schnell erreicht. Das zählt für unsere internationalen Kunden“, sagt sie. Die Designerin blickt aus ihrem Hochhaus-Büro in Richtung Stadtgrenze und auf Gelände, auf dem eine Multifunktionshalle entstehen könnte. Aus einem anderem Fenster sieht sie Main und Kaiserlei-Brücke.

Einweihung der Kaiserlei-Brücke, Dezember 1964, © Foto: Philipp Kerner, Institut für Stadtgeschichte
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Symbol für Kooperation

Die vor einem halben Jahrhundert eröffnete Mainquerung wurde damals als Symbol für eine Kooperation zwischen den Nachbarkommunen gesehen, deren Animositäten ansonsten sprichwörtlich sind. Beide Stadtverordnetenversammlungen hatten dem Bau zugestimmt, es gab eine Einigung zur Trassenführung – die Brücke sollte auf Frankfurter Seite in Höhe des Ratswegs (Ratswegkreisel) von der Hanauer Landstraße abzweigen und auf Offenbacher Gebiet etwa nahe des Mains. Den Beton für die Stützpfeiler auf Frankfurter Seite wurde in Silos auf der anderen Mainseite produziert. An der offiziellen Freigabe für den Verkehr nahmen die Oberbürgermeister gemeinsam teil. Er hoffe, „dass die neue Brücke Frankfurt und Offenbach in Zukunft näher zueinander rücken wird“, sagte Frankfurts OB Willi Brundert.

Kühner Brückenbogen

Ähnlich wie der Kreisel war die Brücke in den Augen der Zeitgenossen ein Superlativ. „Eine der kühnsten Bogenbrücken Europas“ sei mit 220 Meter Stützweite nur wenig kürzer als die Fehmarnsund-Brücke, dafür aber mit 36,70 etwas breiter als die Osteseequerung, schrieb eine Tageszeitung. Auch die technischen Daten beeindruckten: 86.000 Schrauben verbanden die Einzelteile, 4.000 Tonnen Stahl wurden verbaut und 35 Kilometer Schweißnähte gefertigt. Die Planungszeit schien ebenfalls rekordverdächtig. Angeblich waren es 50 Jahre; der Erste Weltkrieg machte den ersten, auf Frankfurter Seite geplanten Anlauf zunichte. Gekostet hatte die 1964 gefeierte Konstruktion etwa 15 Millionen Mark (ca. 7,5 Millionen Euro). Der bevorstehende Rückbau des Kaiserlei-Kreisels wird fast viermal so viel kosten und vom Bund sowie der Stadt Frankfurt und von Offenbach getragen.

Der Name Kaiserlei leitet sich aus der Geschichte ab, „lay“ oder „lei“ bezeichnete im Mittelalter einen Felsen. Das Wort „Kaiser“ geht auf die Zeit der Frankenkaiser zurück, als Flüsse und Straßen zum unmittelbaren Besitz des Herrschers gehörten. Der Kalkfelsen „Kaiserlay“ ragte bis 1852 in das Flussbett des Mains hinein. Er wurde gesprengt, um die Fahrrinne für die beginnende Dampfschifffahrt zu begradigen.

Margarete Lausberg