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23.09.2014

Der Motorrad-Künstler

Erik Pogorzelec auf einem von ihm umgebauten Motorrad bei Freestyle Custom in Kalbach, September 2014, © Foto: Salome Roessler
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Erik Pogorzelec baut in einer alten Fabrikhalle preisgekrönte Liebhaber-Maschinen

Wer von einem Bike-Unikat träumt, der lässt sich von einem Custombike-Profi eines fertigen. Bis auf das Innenleben wird das handeslübliche Motorrad mitunter ausgezogen, um es danach mit viel Liebe zum Detail und großer Fingerfertigkeit individuell nach Maß herzurichten. In Frankfurt lebt und arbeitet mit Erik Pogorzelec ein vielfach ausgezeichneter Star der internationalen Custombike-Szene.

Frankfurt am Main (pia) Leise ist seine Stimme, nachdenklich was er sagt. Gewiss, da sind die großen Tattoos an beiden durchtrainierten Armen, eines zeigt zwei Kolben und einen Motor. Da sind die Gel glänzenden, streng zur Seite gescheitelten Haare, die Vintage-Hosenträger über dem T-Shirt. Doch Erik Pogorzelec entspricht so gar nicht dem gängigen Klischee eines markig-männlichen Easy Rider. Eher introvertiert, ein aufmerksamer Beobachter scheint er zu sein. Und so passt es auch, dass der Frankfurter sich und die anderen Custombike-Aktiven als „Künstler“ beschreibt, als „sensible Personen, keine Hardcore-Rocker“.

Erik Pogorzelec arbeitet an einem seiner Motorräder bei Freestyle Custom in Kalbach, September 2014, © Foto: Salome Roessler
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Mit sechs baute er sich sein erstes Bike

Erik Pogorzelecs Liebe zum Motorrad wuchs früh in ihm heran. Schon mit sechs Jahren wollte er eine eigene Maschine haben. Sein Vater hatte Bedenken, dachte, der Sohn könnte sich verletzen. Und so gab es zum Geburtstag statt der ersehnten Honda Monkey nur ein Fahrrad mit 16-Zoll-Rädern. Erik jedoch nahm sich eine Säge, entfernte das Heck, dengelte eigenhändig neue Fenderteile, baute die Gabel eines alten Mofas – eine Schrottplatz-Entdeckung – ein. Zur Strafe gab es Hausarrest und ein halbes Jahr Werkzeugverbot. Seinen Traum aber gab er niemals auf. Heute ist er ein gefeierter, wenn auch eher scheuer Star der Szene. Bereits fünf Auszeichnungen erhielt er seit 2011. Am wichtigsten ist ihm selbst sein doppelter Erfolg bei der Scandinavian Motor Show in Kopenhagen. Pogorzelec gewann mit seinen Custombikes voriges Jahr in den Kategorien „Best Classic Custom“ und „Best Street Fighter“.

Zur Probefahrt in die Dolomiten

„Ich ärgerte mich immer, dass Ingenieure so hässliche Motorräder machen“, sagt Pogorzelec. Jedes Motorrad, das in seine Werkstatt kommt, entblößt er bis auf dessen Innenleben. Nur der Kern, das Herz der Maschine, bleibt original erhalten, sämtliche äußeren Elemente werden nach Absprache mit dem Kunden neu entworfen und gefertigt. Wenn Erik Pogorzelec von seiner Beziehung zu den Motorrädern erzählt, fallen Sätze wie: „Es ist Wahnsinn und ich bin darin gefangen.“ Alles muss perfekt sein. Ein rundes Ganzes. Das umgestylte Motorrad einfach an den Besitzer zurückzugeben, würde den Frankfurter Kreativen unzufrieden zurücklassen. Nach dem Umbau startet er daher selbst zu Probefahrten. Die finden nicht um die Ecke statt. Eine Kulisse, die Pogorzelec ganz besonders mag, sind die italienischen Dolomiten. Der Landschaft wegen, aber vor allem, weil er einfach wissen muss, „wie sich das Motorrad nach der Umgestaltung auf mehreren Tausend Metern Höhe fahren lässt“.

Erik Pogorzelec beim schweißen der angefertigten Teile für eines seiner Motorräder, September 2014, © Foto: Salome Roessler
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Seine Kunden sind Auserwählte

Der Umbau eines Motorrades kann bis zu einem halben Jahr dauern. Klar, dass so etwas seinen Preis hat. Ein Motorrad aus seiner Werkstatt kann den Besitzer schon einmal bis zu 40.000 Euro kosten. Wer also zählt zum Kundenstamm? Nur die mit viel Geld auf dem Konto? Nein, sagt Pogorzelec, es gebe auch jene, die bereit seien, für die Verwirklichung ihres Traumes lange zu sparen. Seine Kunden kommen aus Neuseeland, Italien, Schweden, Dänemark und Frankreich. Erik Pogorzelec sieht sie sich ganz genau an. Versucht in mitunter langen Gesprächen herauszufinden, welchen Menschen er da vor sich hat. Wie seine Träume aussehen, was er vom Leben erwartet. „Es sind Auserwählte, auch wenn sie das nicht wissen“, sagt er. Sie müssen eines mit ihm teilen: die wahre, echte Liebe zum Motorrad. Coole Typen mit coolen Sprüchen, „Poser“, die einfach nur mit einem ungewöhnlichen Motorradunikat vor Freunden protzen wollen, mag er nicht. Denen erteilt Erik Pogorzelec kategorisch eine Absage.

Bikes die glänzen wie ein Klavier

Auch wenn er selbst keinem Vorbild nacheifert: In Schweden hat er schon „wunderschöne Maschinen“ gesehen. Umgestaltet von Fischern oder Büromenschen. Auch in Skandinavien gebe es eine lebendige Szene, „die haben eben viel Zeit und Ruhe, leben in ihrer eigenen Welt“. Die Skandinavier, weiß er, gravieren ihre Motorräder, verwenden Blattgold und lackieren sie mit bis zu zehn Schichten. „Die glänzen dann wie ein Klavier“, sagt Pogorzelec. Außerdem seien dem Fantasiereichtum im hohen Norden keine Grenzen durch TÜV-Verordnungen wie in Deutschland gesetzt. Einen Schiffsmotor, Baujahr 1924, beim Gestalten des Motorrades einzusetzen, sei hier niemals möglich. An den Italienern gefällt ihm vor allem deren Verspieltheit und Experimentierfreude mit der sie beispielsweise aus einem Kerzenständer eine Motorradlampe machten.

Ein von Erik Pogorzelec mit Leder verziertes Motorrad mit Namen 'Falconetti', September 2014, © Foto: Salome Roessler
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Auch Erik Pogorzelec gestaltet mit viel Fantasie. Sattel, Satteltasche und Tank seiner Falconetti etwa hat er aus altem Leder gefertigt. Um an das Vintage-Material zu kommen, musste er einen Sportlehrer dazu überreden, ihm das Leder eines alten Turnholzkastens zu überlassen. Auf einer Oldtimer-Internetauktion entdeckte er einen alten Tacho, den er zum Schalthebel machte. Anregen lässt sich Erik Pogorzelec dabei von alten Geräten, die ihm bei seinen Ausflügen auf Schiffswerften und in alten Fabriken begegnen.

Der inspirierende Hauch alter Fabrikarbeit

Pogorzelec verbringt täglich 14 bis 16 Stunden in seiner Werkstatt. Er hat sie in der zweiten Etage eines alten Backsteinindustriegebäudes eingerichtet. Ursprünglich beherbergte der Komplex im Kalbacher Industriegebiet eine Gerberei, später eine Carbonproduktion. Durch die geschichtsträchtige Werkshalle zu gehen, inspiriert Pogorzelec immer wieder. „Ich spüre dann noch den Hauch alter Fabrikarbeit, denke darüber nach, mit welchen Maschinen und Werkzeugen gearbeitet wurde.“ Mit Stolz schreitet er entlang seiner zahlreichen wuchtigen Werksmaschinen. Es sind wahre Schönheiten, jedes Detail aus Gusseisen gefertigt. Die Blechschere zum Zuschneiden der Aluminiumteile. Die Bohrmaschine, die Pogorzelec in einem Waffenwerk fand. Die alte Adler-Schuhnähmaschine. Eine imposante Blechbiegemaschine. Die Metallbandsäge Baujahr 1948 – ein Scheunenfund aus dem tiefsten Bayern. Auf einer alten Drehbank kräuseln sich Metallspäne.

Erik Pogorzelec mit einem von ihm umgebauten Motorrad bei Freestyle Custom in Kalbach, September 2014, © Foto: Salome Roessler
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Am 29. September startet Erik Pogorzelec Richtung Köln zur Weltmeisterschaft im Customizing. Mit dabei dieses Mal: eine Ducati Monster. Bis an die Grenzen stößt der Frankfurter mit seiner neuesten Arbeit. Nur Rahmen und Motor wurden belassen wie sie waren. Sitz, Tank und Heck hat Erik Pogorzelec aus Aluminium neu gestaltet. Wieder einmal empfindet Pogorzelec die Tatsache, von Frankfurt aus agieren zu können, als großen Vorteil. „In der Mitte Europas ist Frankfurt ein optimaler Verbindungspunkt.“ Bleibt bei aller Arbeit noch Zeit, liebt er es „um Frankfurt herum zu cruisen, die Gerüche der Felder und Wälder einzuatmen“. Sonntags fährt er oft am Main entlang, über Frankfurts Brücken, betrachtet den Sonnenuntergang und die Skyline jener Stadt, der er „eine reiche Seele“ zuschreibt.

Annette Wollenhaupt