Logo FRANKFURT.de

09.04.2014

Alles im Fluss

Die Frankfurter lieben ihren Main - gestern genauso wie heute

Stätte des Volksvergnügens und der Volkshygiene, Badewanne für Bürger, Wasserstraße und nun wieder entdeckter Lieblingsort vieler Frankfurter. Wie sich der Main und seine Ufer im vergangenen Jahrhundert verändert haben, zeigt die neue Ausstellung „Baden unter Palmen“ im Institut für Stadtgeschichte.

Mainufer vor Skyline/Urlaubsstimmung © Tourismus und Congress GmbH
Dieses Bild vergrößern.

Frankfurt am Main (pia) Noch sind die Sonnenschirme zugeklappt. Aber mit dem ersten lauen Lüftchen kehrt in jedem Frühjahr das Leben an die Ufer des Mains zurück, nimmt die Zahl der Jogger, Fahrradfahrer und Spaziergänger auf den kilometerlangen Promenaden zwischen dem Luft- und Lichtbad Niederrad und dem Offenbacher Hafengebiet rapide zu. Die Frankfurter haben ihren Fluss wieder entdeckt: Galt er lange Zeit vor allem als eine Wasserstraße, die die Stadt in zwei Hälften zerschnitt und auf der das Aufregendste vorbeigleitende Lastschiffe und Schwäne waren, hat sich der Main mittlerweile zu einer Flaniermeile mit Kinderspielplätzen und etlichen Cafés am Wegesrand entwickelt, in denen man sich niederlassen kann, um über glitzernde Flusswellen auf die Skyline zu blicken. Wer es sich leisten kann, wohnt am besten gleich an den Gestaden des Mains. Und nachts mutiert diese Idylle zu einer aufregenden Clubmeile.

Baden unter Palmen

Wenn sich der Frankfurter entspannen will, zieht es ihn also an seinen Fluss. Aber nicht ins Wasser hinein, so wie früher: Vorbei sind die Zeiten der Mainbäder und Badeanstalten, die 150 Jahre lang, zwischen 1800 und 1950 „eine Stätte des Volksvergnügens und der Volkshygiene“ waren, wie der Autor und langjährige Stadtkonservator Volker Rödel in seiner detailreichen Dokumentation „Baden unter Palmen“ schreibt. Seine Recherchen gingen auch in die gleichnamige Ausstellung des Instituts für Stadtgeschichte ein, die bis zum 28. September im Dormitorium des Karmeliterklosters Frankfurts Bädergeschichte von den Römerbädern in Nida bis zu den Titus Thermen nachzeichnet.

Badeanstalt Mosler (1937), Foto: Reeck
Dieses Bild vergrößern.

Deutschlands größte Flussbadeanstalt

In seinem Buch schildert Rödel die wechselvolle Geschichte der Frankfurter Badekultur, die mit zwei so genannten „Badeschiffen“, wuchtigen Holzkähnen mit Wannen an Bord und Säulen am Bug begann und ihren Höhepunkt in den 20er und 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts erlebte, als am „Nizza“ genannten Teil des Untermainkais „Deutschlands größte schwimmende Flußbadeanstalt“ entstand, wie es in einer Eigenwerbung dieses legendären „Familienbads“ hieß. Dessen Betreiber, die Gebrüder Mosler, ließen es sich nicht nehmen, sogar Tennisplätze und eine Rollschuhbahn auf dem Gelände anzulegen; es gab außerdem einen Bootsverleih, ein Café, ein Restaurant und eine Eisdiele, einen Frisiersalon und „für die moderne körperliche Ausbildung“ Kursangebote in Boxen, Turnen, Heilgymnastik samt hauseigenem Masseur. Ein fast ganzheitliches Vergnügen also. Und über allem prangte das Motto: „Wo wir uns der Sonne freuen, sind wir alle Sorgen los!“.

Zweifelhaftes Schwimmvergnügen

Dabei ging es von Beginn an nicht immer nur ums reine Planschvergnügen. Vielmehr sollte das Eintauchen ins Wasser vor allem der Hygiene und körperlichen Ertüchtigung dienen, weshalb Schwimmen an etlichen Schulen zum Pflichtfach wurde. Mehrfach in der Geschichte der Frankfurter Flußbäder stellte der Magistrat der Stadt Gelder zur Verfügung, damit Schulklassen kostenlosen Schwimmunterricht erhalten konnten. Das galt als wichtige Maßnahme zur Förderung der Volksgesundheit. Aber war das Baden im Fluss wirklich eine solche Wohltat? Mitnichten. „Hätte es im 19. Jahrhundert die hygienischen Richtlinien des 21. Jahrhunderts gegeben, hätten entlang der Mainufer tausende Beamte das Baden verhindern müssen. Noch zur Zeit der ersten Badeanstalt ergoss sich eine Mischung aus Fäkalien, Küchenabfällen und Schlachthofresten in den Main“, schreibt Volker Rödel in seinem Buch. Das Wasser war, um das Mindeste zu sagen, trübe – und viel dreckiger als heute. Dennoch rät Ursel Heudorf, Leiterin der Abteilung Medizinische Dienste und Hygiene im Frankfurter Amt für Gesundheit, weiterhin davon ab, sich in die sanften Fluten des Mains zu stürzen. In Höchst, so wird berichtet, soll es jedoch Unverzagte geben, die an jener idyllischen Stelle, wo Main und Nidda zusammenfließen, regelmäßig baden gehen. Die übrigen, weniger verwegenen Frankfurter werden sich lieber genüsslich im Liegestuhl zurücklehnen. Dieses bequeme Sitzmöbel gehört mittlerweile zur Ausstattung fast jeden Kiosks und Cafés am Wasserrand.

Sommergarten 'Alte Schiffsmeldestelle' am Mainufer in Frankfurt-Höchst, Juli 2013, © Foto: PIA/Stefan Maurer
Dieses Bild vergrößern.

Strand am Stadtrand

Flussaufwärts, Richtung Offenbach, hat erst vor kurzem hat das beliebte Kulturzentrum Hafen 2 sein neugebautes Domizil bezogen. Möglich war das nur, weil Freunde und Fans dieser Institution insgesamt 230.000 Euro als Zuschuss spendeten. Dort finden nicht nur viele Konzerte und ein Filmfestival statt, Gänse und Schafe auf dem sanft zum Wasser hin abfallenden Gelände vermitteln ländliche Idylle. Schräg gegenüber, auf einer vorgelagerten Insel, residiert der King Kamehameha Beach Club. 5.000 Tonnen Sand wurden hier zu einer südlichen Strandlandschaft aufgeschüttet. Die Palmen wachsen allerdings in Kübeln. Bei wem diese künstliche Küste Fernweh weckt, der kann auch mit dem clubeigenen Partyboot MS Catwalk zu neuen Ufern aufbrechen. „Wenn die Sonne langsam verglüht, zieht der Sound der DJs an“, heißt es auf der Homepage des Beach Clubs.

Anknüpfen an alte Traditionen

Und vielleicht werden sich die erhitzt Tanzenden irgendwann wieder im Mainwasser abkühlen können. Laut der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie soll bis 2025 jedes Oberflächenwasser Badequalität aufweisen. Der Frankfurter Projekt-Entwickler Eckart von Schwanenflug hat für diesen Fall schon einmal vorgesorgt: Er entwarf eine schwimmende Plattform, die am Ufer befestigt werden kann und sogar Platz für ein 50 Meter langes Wettkampfschwimmbecken bieten soll. Bisher nur eine Idee, die gerade geprüft wird. Mit ihr möchte Eckart von Schwanenflug bewusst an die Tradition der alten Badeschiffe anknüpfen.

Barbara Goldberg