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20.08.2013

Turngemeinde Bornheim: immer in Bewegung

Wie ein Verein es schafft, mehr und mehr Mitglieder zu begeistern und dabei seinen Werten treu zu bleiben

153 Jahre alt und kein bisschen aus der Mode: Die Turngemeinde Bornheim erwartet ihr 25.000. Mitglied. Das Erfolgsrezept von Hessens größtem Sportverein ist die Kombination aus Tradition, Miteinander und einem Gespür für sportliche Trends.

TG Bornheim, Vorsitzender Peter Völker (r) und Sportlicher Leiter Boris Zielinski (l) am Crosstrainer, August 2013, © Foto: Astrid Biesemeier
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Frankfurt am Main (pia) Sportcenter der Turngemeinde Bornheim 1860 (TGB), Inheidener Straße, Mittwochvormittag zwischen 11 und 12 Uhr. In einer Halle im Eingangsbereich läuft ein Step-Kurs. Dahinter drängeln sich im Erdgeschoss des Sportcenters an einer Wand Kinderwagen, im Raum daneben finden sich die dazugehörigen Mütter mit ihren Kindern beim PEKiP – ein spezielles Spiel-, Bewegungsprogramm für Eltern und ihre kleinen Kinder. Zwei Räume weiter stemmen hinter den Glasfenstern des Fitnessstudios Sportler zwischen 25 und 75 Jahren Gewichte. Im Stockwerk darüber trainieren dieselben Altersklassen unter anderem auf Crosstrainern, Fahrrädern oder Rudergeräten. Im zweiten Stock schließlich suchen Yoga-Fans die perfekte Mischung aus Anspannung und Entspannung.

Was man hier im Sportcenter nicht sieht, aber ein Blick auf die riesigen Pläne oder die Website des Vereins verrät: Es steht noch viel mehr auf dem Programm. Line Dance in der Gymnastikhalle in der Berger Straße beispielsweise oder Tischtennis für Senioren im Bürgerhaus Bornheim. Ein ziemlich großes Angebot also innerhalb von nur einer Stunde an einem x-beliebigen Vormittag. Im Laufe einer ganzen Woche dürfte es wohl wenig geben, was man bei der TGB nicht machen kann: von Golf bis Inline-Skating, von AquaSport über Eislaufen oder Klettern bis zu diversen Ballsport- oder Tanzarten. „Täglich nutzen rund 2.000 Menschen unser Angebot“, weiß ihr Vorsitzender Peter Völker. Ein Angebot, das alle einbezieht: von den Kleinsten bis zu den Ältesten. Und das 1860 mit Reck- und Barrenübungen, werfen, heben und ringen begann.

TG Bornheim, Kletterwand, © Turngemeinde Bornheim 1860 e.V.
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Sie bewegen Frankfurt

Der Begriff Turngemeinde klingt ein wenig altmodisch. Googeln würde man den Begriff Turngemeinde vermutlich nicht, wenn man sich heute mit Zumba, Pilates, Klettern, Tennis oder Volleyball sportlich betätigen möchte. Ein Fehler. Denn neben dem riesigen Angebot zu einem unschlagbaren Preis-Leistungs-Verhältnis bietet die TGB als einer der größten Sportvereine Deutschlands nämlich auch noch etwas, was Frankfurt wichtig ist: Die Turngemeinde, die sich auf die Fahnen schreibt „Wir bewegen Frankfurt“ ist in der bewegten Stadt, in der ein reges Kommen und Gehen herrscht, für viele ein Stück Heimat, ein Stück Ankommen. Denn nicht nur die Bewegung hier ist gut für Körper und Seele. Auch das Klima das hier herrscht. Macht man Sport bei der TGB fühlt es sich an, als spiele man in einem Team – sogar bei Sportarten die eher die Konzentration auf sich und den eigenen Körper fördern, wie Yoga oder Pilates: „Hallo“ und „Tschüss“ sagt man sich hier noch sportlich selbstverständlich, Volleyballgruppen planen gemeinsame Skifahrten oder sitzt nach dem Tanzkurs mit dem Trainer noch bei einem Schwätzchen zusammen. Einmal im Jahr wird seit 1982 der Lerchenherbst gefeiert. Der Name geht auf die Zeit des Weinbaus in Bornheim zurück, als im Herbst die Lerchen einfielen und den Speiseplan der Bornheimer bereicherten.

Jeder kann, keiner muss

Außerdem gibt es Tage der offenen Tür, die TGB ist auf Straßenfesten dabei oder beim Museumsuferfest. Man hat das Gefühl dazuzugehören ohne sich in lästigem Vereins-Kleinklein verstricken zu müssen. „Die Türen stehen allen offen. Jeder kann, aber keiner muss“, bringt Völker einen Teil der Vereinsphilosophie auf den Punkt. Kein Wunder also, dass auch ältere Menschen immer wieder sagen, sie wüssten gar nicht, was sie ohne die TGB machen würden. „Der soziale Aspekt ist hier auch sehr wichtig. Am Valentinstag verteilen wir Rosen, an Ostern Osterhasen und an Nikolaus gibt’s Nikoläuse. Singles finden hier ebenso Anschluss wie Neu-Frankfurter.“ In den abwechslungsreichen, unkomplizierten Plänen sollten denn auch all die, denen die Arbeitswelt zunehmend mehr Flexibilität abverlangt genauso Kurse für jedes Bedürfnis finden, wie die Allerkleinsten und ihre Eltern oder auch die Ältesten. Zurzeit beginnt fast jeder Wochentag in der TGB morgens um 9 und endet um 22 Uhr – nur ein paar Wassersportkurse starten sogar noch früher.

TG Bornheim, Wasser-Gymnastik, © Turngemeinde Bornheim 1860 e.V.
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Nur ein Hamburger Verein ist größer

Kein Wunder, dass ungefähr jeder 28. Frankfurter Mitglied bei der TGB ist. Zurzeit wartet die Turngemeinde Bornheim auf ihr 25.000. Mitglied. Mit dieser Zahl steht die TGB aktuell auf Platz 12 der mitgliederstärksten Sportvereine Deutschlands. Bis auf einen sind alle anderen zehn Vereine Fußballvereine, die ihre Mitgliederzahlen durch zahlreiche passive Fußballfans gewinnen. Nur der Hamburger Verein Sportspaß, der laut eigenen Angaben 73.000 aktive Mitglieder hat, sich anders als die TGB allerdings über das gesamte Stadtgebiet verteilt, ist größer.

Bis zu 40 neue Angebote pro Jahr

Ein Blick in die Geschichte der TGB zeigt, dass sie vor allem in den letzten Jahren eine tolle Erfolgsgeschichte geschrieben hat: 1980 beispielsweise zählte sie nur 587 Mitglieder, dabei waren es 1955 immerhin noch 767 gewesen. 2000 allerdings waren es schon 7007 Mitglieder, 2005 11.345, 2010 17.779. Geholfen hat den Frankfurt-Bewegern, dass sie sich selbst immer am Puls der Zeit bewegten. Als Anfang der 90er Jahre allerorts Fitnessstudios aus dem Boden schossen und zur Konkurrenz für Sportvereine wurden, richtete die TGB 1992 selbst ein Fitnessstudio ein. 1992 war auch das Jahr, in dem sich der Verein entschloss, den Schritt vom reinen Ehrenamt in die Professionalisierung zu wagen und erste hauptamtliche Mitarbeiter einstellte.

TG Bornheim, Innenansicht Fitnessstudio, © Turngemeinde Bornheim 1860 e.V.
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Und mit dem sportlichen Angebot bleibt die TGB auch weiterhin immer am Puls der Zeit. Boris Zielinski, gewissermaßen der Trendscout für sportliche Aktivitäten der TGB, erzählt: „Pro Jahr geben wir mehr als 15.000 Euro für die Fortbildung unserer Mitarbeiter aus. So schaffen wir es, dass wir pro Jahr 30 bis 40 neue Angebote aufnehmen können – auch wenn nicht immer alles funktioniert und auch mal wieder aus dem Programm genommen wird.“ Neuester Schrei ist wie er weiß derzeit Bokwa. Ein Fitness-Tanz durch das ABC aus den USA, der Boxbewegungen und Schritte, die Buchstaben auf den Boden schreiben, kombiniert.

Dienstleister für seine Mitglieder

Mit zum Erfolg trägt bei, dass sich der Verein als Dienstleister für seine Mitglieder versteht und immer wieder prüft, was, wann und warum ankommt. Die „Abstimmung mit den Füßen“ also, wie Peter Völker das nennt. „Dahinter steht natürlich eine riesige Koordinationsleistung“, sagt Völker und verweist auf Ordner in denen Angebote, Zeiten und Besucherzahlen erfasst sind. Auch mit dem 25.000. Mitglied stößt der Verein noch nicht an seine Grenzen. Bei dem derzeitigen Raumangebot könnten bei der TGB 30.000 Mitglieder Sport treiben.

Astrid Biesemeier