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29.08.2008

Festrede: Juli Zeh

Einen wunderschönen guten Abend, meine Damen und Herren, lieber Preisträger, verehrte Anwesende -
ah! Und da hinten sitzt ja auch Sibylle!

ZU SIBYLLE Guten Abend! Freut mich, dass du gekommen bist, obwohl du doch eigentlich Freitagabend gar keine Zeit hast!
ZUM PUBLIKUM Sie müssen wissen, meine Damen und Herren, Freitagabend ist Sibylle eigentlich im Stress. Da muss sie sich vorbereiten. Aufs Party machen am Wochenende. Sie kennen das: einen draufmachen. Spaß haben, Fun, es richtig krachen lassen. Wie die jungen Leute eben so sind! Sibylle ist nämlich erst 41, werktags, und 36 an den Wochenenden. Sie wundern sich vielleicht, dass ich Sibylle trotzdem duze? Keine Sorge, sie will das so. Sibylle duzt auch alle, die noch keine Altersflecken auf der Glatze haben. Sibylle gehört nämlich - wie die meisten Vierzigjährigen - zur Generation der Zwanzig- bis Dreißigjährigen. Also zur jungen Generation, von der Sie in Presse und Medien nicht nur viel gehört haben, meine Damen und Herren, sondern der Sie auch selbst angehören. Und zwar eigentlich alle. Falls Sie Ihr fünfundzwanzigstes Lebensjahr noch nicht erreicht haben sollten, sind Sie Jugendliche. Bis vierzig sind Sie jung, und darüber mindestens jung geblieben. Alle anderen sind praktisch gar nicht vorhanden, unsichtbar - jedenfalls heute nicht hier. Die Jungen und Junggebliebenen hingegen sind gar nicht unsichtbar, im Gegenteil. Ihnen sieht man die Jugend so richtig an.

ZU SIBYLLE Nicht wahr, Sibylle? Unter der Woche läufst du gern in Jeans herum, die aussehen, als hättest du sie von deinem größeren Bruder geerbt. Am Freitagabend, wenn du Party machen gehst, trägst du auch Jeans, allerdings sehen die dann aus, als würden sie deiner kleinen Schwester gehören. Ziemlich eng, mit hübschen Strass-Steinchen an den Nähten. An der Seite quellen so Speckröllchen über den Hosenbund, hinten guckt der String vom Tanga raus, und darüber sieht man das Arschgeweih.

ZUR ERSTEN REIHE Sie gucken so komisch? Haben Sie kein Arschgeweih, oder was? Dann wird's aber Zeit.
ZUM PUBLIKUM Von Sibylle können Sie noch was lernen, meine Damen und Herren, falls Sie noch nicht ganz fit sind für die Unsterblichkeit. Zu Jeans und Arschgeweih trägt man natürlich Turnschuhe, weil die bequem sind und sportlich. Man will sich schließlich frei fühlen und ungebunden, am besten so, als wäre man noch zwölf. Dazu passt auch die Frisur, denn Sibylle bindet sich gern das Haar zu Zöpfen, wie bei einem kleinen Mädchen, ganz süß. Zur Ausgeh-Uniform gehört noch ein T-Shirt mit Aufdruck, da steht dann "Zicke" oder "Girlie" über der Brust, vielleicht ist auch ein Smilie drauf oder Che Guevara. Und schließlich noch ein Handtäschchen, das aussieht wie ein Achselhöhlen-Schweißfänger, farblich passend zum Smart.

ZUR ERSTEN REIHE Sie gucken ja schon wieder so? Haben Sie noch kein Auto, das wie eine Mischung aus Matchboxauto und Kinderwagen aussieht? Oder jedenfalls wie irgendetwas, das man in der Spielwarenabteilung bekommt? Kaufen Sie sich einen. Dann können wir Ihnen vielleicht ausnahmsweise das Arschgeweih erlassen.
ZUM PUBLIKUM Wirklich, meine Damen und Herren, mit einem Smart sind Sie flott und flexibel und parken quer, so ein bisschen gegen den Strom ... Was sagen Sie? Ein Smart ist zu klein? Sie brauchen einen größeren Wagen, weil Sie Kinder haben? - Das stimmt doch gar nicht. Sie haben keine Kinder. Lesen Sie keine Zeitung? Niemand hat Kinder. Sie wollen sich doch nicht das Leben versauen!? Für Kinder sind Sie noch viel zu jung. Sibylle wird Ihnen das erklären: Ein Kind - hat - noch - Zeit. Immerhin bedeuten Kinder eine Menge Verantwortung. Das ist eine Entscheidung, die man nicht so nebenbei trifft. Sibylle hat darüber nachgedacht. Sie hat lange im Schneidersitz am Boden gesessen und mit ihren Freundinnen darüber gesprochen, und sie finden alle: Wer eine Familie gründen will, muss sich erst einmal selbst gegründet haben. Man braucht einen festen Platz im Leben. Sonst kann man sich ein Kind nicht zumuten - die vielen Partys, das Reisen, gern mal ein Kurztrip am Wochenende nach London oder Paris. Solche Dinge sind Ihnen doch wichtig, weil Sie schließlich nichts verpassen wollen. Genau wie Sibylle. Sie hat das Gefühl, sich noch ein paar grundlegende Fragen stellen zu müssen, bevor sie ein Kind bekommt.

ZU SIBYLLE Übrigens, Sibylle, wenn du über diese schwierige Situation sprichst, also darüber, dass du eigentlich schon gern Familie hättest, wenn das nur nicht immer alles gleich so endgültig wäre, dann gebrauchst du Begriffe wie "Selbstverwirklichung", "Sich-Ausprobieren", "Orientierung schaffen", "auf die innere Stimme hören", "den eigenen Weg entdecken", - und so fort. Weißt du, woran mich das erinnert? An Akne und lipgloss-zersetzte Lippen und hastig gerauchte Zigaretten. Schulhof eben. Wenn du über dich selbst nachdenkst, klingt das immer nach einer Pubertät, die inzwischen vom zehnten Lebensjahr bis zu den Wechseljahren reicht. - Da ist es doch ein Glück für dich, dass man heutzutage auch nach den Wechseljahren noch Kinder kriegen kann! Madonna hat es vorgemacht, Sandra Maischberger und Barbara Wussow haben nachgezogen und ganz bewusst mit Mitte vierzig auf das Trendaccessoire Kind gesetzt. Was die können, kannst du schon lange.

ZUM PUBLIKUM Natürlich bräuchte Sibylle dann auch einen festen Partner. Im Moment will sie sich in dieser Hinsicht noch nicht festlegen. Sie muss sich noch ein bisschen austoben, nachdem es mit den festen Beziehungen erst mal nicht so gut geklappt hat.

ZU SIBYLLE Das war dir alles zu eng, nicht wahr, Sibylle? Dieses Gefühl, nicht mehr tun und lassen zu können, was man will … Immer ist da jemand, der Ansprüche stellt! Eine Partnerschaft soll die Freiheit schließlich nicht einschränken, sondern vergrößern. Deshalb hast du deinem letzten Freund eine SMS geschickt, in der stand, dass du erst einmal Zeit für dich selber brauchst.

ZUM PUBLIKUM Das ist jetzt auch schon wieder fünf Jahre her, aber man muss deshalb nicht glauben, dass Sibylle einsam wäre. Schließlich hat sie Freunde. Freunde sind eine wunderbare Erfindung, vor allem in Stückzahlen ab 25 und mehr. Falls ihr, liebe Freunde, es noch nicht ganz auf dem Schirm habt, wie man ein krass abgefahrenes, aber null stressiges, sondern auf coole Weise chilliges Lebensgefühl herstellt, dann schaut euch mal die Werbung von Cabinet oder F6 an. Sibylle hat das längst total intus. Ihre Freunde nennen sie "Bille" oder "Billy", und sie nennt sie "Ulli", "Fritzi", "Claudi" und "Flo". Sie können die witzigsten Sachen zusammen machen, zum Beispiel in Ullis VW-Bus raus ins Grüne fahren und abends alle zusammen einen Riesentopf Spaghetti kochen.

ZU SIBYLLE Das ist schön, was, Billy? Das fühlt sich dann fast wie die WG an, in die du am liebsten wieder einziehen würdest. Es gibt einfach nichts Besseres, als abends zusammen auf der Couch zu sitzen, zwischen den bunten Plüschtieren, die da rumliegen, gemeinsam ein Glas Nutella zu löffeln und sich alte Drei-Fragezeichen-Kassetten anzuhören.

Aber genug davon. Ich wollte eigentlich gar nicht so viel über Sibylle sprechen. Sondern über … Thorsten. Der ist heute auch hier und sitzt da irgendwo in der Mitte, nicht zu weit vorn und nicht zu weit hinten, weil er bei Veranstaltungen immer Angst hat, auf die Bühne gerufen zu werden.
ZU THORSTEN Keine Sorge, Thorsten! Ich weiß doch, dass du schon beim Weihnachtskrippenspiel in der Schule immer das Stroh spielen wolltest.

ZUM PUBLIKUM Heute, genauer: seit seine Mutter ihn unter Androhung einer polizeilichen Räumungsaktion gezwungen hat, aus der elterlichen Wohnung auszuziehen, ist Thorsten allerdings ein gestandener Mann. Seine Schultern sind mächtig breit und die Oberarme dick wie Brotlaibe. Denn Thorsten, liebe Spiel-und-Spaß-Gemeinde, ist eine Sportskanone. Jeden Nachmittag sieht er zu, dass er so früh wie möglich aus der blöden Anwaltskanzlei rauskommt, in der er sich ohnehin nicht besonders wohl fühlt. Nach dem Abitur hatte Thorsten keinen blassen Schimmer, was er mit sich und seinem Leben anfangen soll, aber eins wusste er genau: Der Mensch braucht Sicherheit. Deshalb hat Thorsten Jura studiert. Das Studium fand er dann nicht besonders interessant, und aufs erste Staatsexamen hat er sich so ähnlich vorbereitet wie auf die theoretische Führerscheinprüfung: keine Fragen stellen, alles auswendig lernen.
ZU THORSTEN Was sagst du? Ach so, klar, du hast natürlich gar keinen Führerschein. Es hat ja auch was Unappetitliches, wie die ganzen Macho-Typen in ihren Angeberkarren mit diesem phallischen Schaltknüppel hantieren, stimmt's? Macht ja nichts, Thorsten! So ein Auto ist bloß eine Belastung, das schafft Verpflichtungen, kostet Geld, fast schon so schlimm wie ein Kind.

Dafür hat's bei dir zum Bestehen des juristischen Staatsexamens knapp gereicht, und ein bequemer Job in einer Wald-und-Wiesen-Kanzlei war auch noch übrig.

ZUM PUBLIKUM Sie müssen wissen, Thorsten gehört zu dieser immer größeren, immer sympathischeren Gruppe von Leuten, die nicht unbedingt Karriere machen wollen. Im Grunde genügt es ihm auch im Beruf, das Stroh im Krippenspiel zu sein. Thorsten ist kein Typ für Leistungsdruck. Man muss sich alle Chancen offen halten. Deshalb geht bei Thorsten alles immer nur einfach so weiter, und um über dieses Problem nicht zu viel nachdenken zu müssen, rast Thorsten Montagabend mit dem Mountainbike durch den Wald, Dienstag und Donnerstag geht er erst joggen, dann zum Klettern, mittwochs und freitags trifft er sich mit Freunden zum Fußballspielen, und am Wochenende nimmt er gern an Marathonläufen teil.
Da werden Sie ihn schon gesehen haben, meine Damen und Herren, in einer Masse von zigtausend Leuten, die sich irgendwo in der Republik eine bunte Wurstpelle anziehen, um gemeinsam durch eine große Stadt zu rennen. Nicht so altmodisch wie früher, wo man demonstrieren ging. Nicht, weil mit der Massen-Rennerei irgendetwas gesagt werden soll, sondern einfach nur so.

"Einfach nur so" ist Thorstens Lieblingsparole. Wer länger über das Leben nachdenkt, kommt zu dem Ergebnis, dass der Mensch "einfach nur so" auf die Welt kommt und irgendwann "einfach nur so" wieder geht und deshalb in der dazwischen liegenden Zeitspanne "einfach nur so" versuchen kann, möglichst viel "mitzunehmen". In stillen Momenten könnte man sich vielleicht mal fragen, wohin man eigentlich etwas mitnehmen will, wo der Tod doch ein Fahrzeug ohne Kofferraum ist. Aber Gott sei Dank gibt es nicht so viele stille Momente, denn Spiel, Spaß, Spannung und erst recht Marathonläufe machen eine Menge Lärm. Als Einfach-Nur-So-Typ lebt es sich am leichtesten, da sollten Sie Thorsten nachher noch mal fragen, falls es noch Unklarheiten gibt, und er wird mit seinem jungenhaften Lächeln antworten, dass er dazu gar nicht so viel sagen kann, weil er kein Experte ist und recht eigentlich auch kein politischer Mensch. - Sie finden, die Antwort passt nicht auf die Frage? Weit gefehlt, meine Damen und Herren! Diese Antwort passt auf jede Frage.

Wenn Sie und Thorsten abends vor den Nachrichten sitzen, irgendwie gemeinsam und trotzdem jeder für sich, wie das in der modernen Kommunikationsgesellschaft so ist, dann stellen Sie fest, dass die Welt in letzter Zeit so groß und kompliziert und unübersichtlich geworden ist, dass sich wirklich kein Mensch mehr auskennt. Wenn es um Globalisierung geht, um die asiatische Bedrohung und den islamistischen Terror und die universale Klimakatastrophe, fühlen Sie sich so schwach und klein, als wären Sie eben erst aus dem Ei geschlüpft. Viel zu jung für den ganzen Schlamassel, der in einem Affenzahn Richtung Horizont rast, während Sie noch an Neunziger-Jahre-Bonbons lutschen und sich die Demokratie-Kuscheldecke an die Wange drücken. Das Ganze, denken Sie sich, hat doch gar nichts mehr mit Ihnen zu tun! Da können Sie eh nichts machen, da sind die Wirtschafts- und Klima- und Nahost-Experten zuständig, und nicht mal die kriegen es auf die Reihe!
Deshalb geht Thorsten auch nicht mehr gern zur Wahl, weil er nicht weiß, welche Partei ihm am besten gefallen soll und warum. Es gibt nur einen Punkt, an dem Thorsten ungehalten wird und dann mit seinen Freunden nach dem Fußball auch schon mal über das Weltgeschehen redet. Das passiert, wenn sich Thorsten vom Staat im Stich gelassen fühlt, weil man ihm zum Beispiel die Pendlerpauschale wegnehmen will.

Pendlerpauschale ist doch ein Stück Heimat in diesen unsicheren, chaotischen, ungewissen Zeiten! Wozu heißt es schließlich "Vater Staat"? Thorstens Gerechtigkeitsgefühl ist mindestens so ausgeprägt wie das eines Kindes, welches die kleinere Schokoladentafel bekommen hat. Was Thorsten an Freiheit braucht, erlebt er beim Sport. Ansonsten will er Sicherheit. Er versteht nicht, warum es Menschen gibt, die sich über Maßnahmen der "inneren Sicherheit" aufregen. Wär doch schön, wenn man diese Sicherheit mal hätte, vor allem tief innen drin! Dafür ist Thorsten eigentlich jedes Mittel recht. Als guter Bürger hat er schließlich nichts zu verbergen. Es stört ihn nicht, wenn seine Telephone und E-Mails überwacht werden. Ist doch normal, dass ein Vater wissen will, was die Kinder tun. Außerdem ist bekannt, dass schon die Stasi eine Menge Morde verhindert hat, indem sie einfach nur die Gespräche der Bürger mithörte. Thorsten macht es nichts aus, wenn man seine DNA untersucht, seine Fingerabdrücke nimmt oder den Augenhintergrund photographiert. Es hat ihn ja auch nie sonderlich gestört, wenn seine Mutter auf ein Taschentuch spuckte, um ihm das Vanille-Eis aus dem Gesicht zu reiben.

ZU THORSTEN Du guckst so unglücklich, Thorsten. Soll ich noch mal betonen, dass du wirklich kein politischer Mensch bist? Das mache ich doch gern..

ZUM PUBLIKUM Kehren wir zum eigentlich Wichtigen zurück, nämlich zu der Tatsache, dass Thorsten "einfach nur so" das Leben genießen will. Thorsten mag Spielzeug. Er besitzt ein Laptop, ein Sub-Notebook, ein Handy, einen Organizer, ein PDA, einen Navi, einen DVD-Player und verschiedene Spielekonsolen.

ZU THORSTEN Keine Angst, Thorsten, niemand will dir vorwerfen, dass du dir gern was kaufst! Ist doch auch gut für die Wirtschaft! Und wenn man dir zusieht, wie du bei schlechtem Wetter ganze Nachmittage mit Autorennen und Moorhuhnschießen verbringst, findet man dich richtig süß. Erst recht, wenn man dich in der Straßenbahn trifft, und dir baumelt ein Schnuller um den Hals, während du an einem Nuckelfläschchen saugst. Klar, ich weiß, das ist deine Sportler-Trinkflasche, und der Schnuller ist dein MP3-Player. Aber trotzdem, Thorsten! Kleinteile bitte nicht verschlucken! Du bist der Mann, den seine Kekse davor warnen, dass er die Verpackung nicht mitessen soll! Willst du nicht vielleicht doch noch auf die Bühne kommen und uns deine neue Armbanduhr mit Kompass und Höhenmesser zeigen, die fast so groß ist und fast genauso aussieht wie eine He-Man-Figur? Nein? Keiner hat was gegen dich, Thorsten! Alle wollen dich pampern, hätscheln und beaufsichtigen. Und vielleicht hast du mit deinen 35 Jahren auch irgendwann mal eine Freundin, wenn du eine findest, die genauso gut Fußballspielen und Moorhuhnschießen kann wie du!

Vielleicht könnte ich dich bei Gelegenheit einmal mit Yvonne bekanntmachen. Yvonne ist auch recht sportlich, wenn auch nicht ganz so kanonenmäßig wie du. Während du an der Kletterwand hängst, verbringt sie ihre Abende beim Yoga, Workout, Stretching und in der Bauch-Rücken-Po-Gymnastik. An den Wochenenden hat sie feste Verabredungen mit den angesagtesten Clubs, Lounges und Chillout-Bars, wo sie öffentlich zeigen kann, was sie in Sachen Bauch, Rücken, Po schon alles erreicht hat. Ihr würdet euch also praktisch nie sehen, was ohnehin die beste Grundlage ist für eine Beziehung zwischen Radikal-Egozentrikern wie euch. Yvonne würde dir gefallen Sie sieht seit ihrem dreizehnten Lebensjahr aus wie einundzwanzig, und hat nicht vor, in nächster Zukunft damit aufzuhören. Heute kann sie leider nicht hier sein, weil sie noch rekonvaleszent ist nach ihrer letzten Brustoperation. Nach Yvonnes Auffassung sind Schönheit, Gesundheit und Jugend nämlich reine Willensfrage. Hässlichkeit, Krankheit oder gar Alter hält sie für ein Zeichen von mangelnder Einsatzbereitschaft und Disziplin.

ZUM PUBLIKUM Und ich hoffe, das ist hier Konsens? Die Zeiten, in denen man angesichts eines weißhaarigen Herrn an Weitsicht und nicht an Weitsichtigkeit dachte, sind doch wohl endgültig vorbei? Vielleicht gibt es noch Kulturen, die das Alter für seinen Reichtum an Erfahrung, Würde und geistiger Reife schätzen, aber diese Kulturen finden zehntausend Kilometer weiter östlich statt und werden es auch noch kapieren. Hierzulande färben sich sogar Bundeskanzler die Haare, um wiedergewählt zu werden, und Bundeskanzlerinnen brauchen eine nette Mädchen-Frisur, um nicht täglich für altbackenes Äußeres an den Pranger gestellt zu werden.

Eigentlich heißt es ja auch gar nicht mehr "Alter", sondern "demographisches Problem". Oder "Kostenfaktor" für Krankenkassen und Rentensysteme. Das Alter ist nicht nur ein erbärmlicher Zustand von verbrauchter Leistungsfähigkeit und peinlicher Hilfsbedürftigkeit, sondern auch teuer. Deshalb ist die Vermeidung von Krankheit und Schwäche auch höchste Bürgerspflicht. Ihr tut hoffentlich alles, um zu verhindern, dass ihr alt oder krank werdet, und falls es doch passiert, senkt ihr gefälligst schuldbewusst die Köpfe.
Yvonne hat das längst begriffen. Sie will billig sein. Glücklicherweise kann man da heutzutage eine Menge machen. Man kann sich pflegen, auf sich achten, sich bewusst ernähren. Man kann den Körper zum Tempel erheben, auf dessen Altaren gewaltige Opfer erbracht werden. Man kann den eigenen Leib zum Götzen weihen, ihn anbeten, heilig sprechen und versklaven.

Das finden Sie übertrieben formuliert? Im Gegenteil. Mal abgesehen davon, dass Altern einem gesellschaftlichen Selbstmord gleichkommt, ist Yvonnes Haltung auch sonst von zwingender Logik. Man bedenke, dass ein Mensch wie sie praktisch keine andere Möglichkeit kennt, um sein Bedürfnis nach Transzendenz zu stillen. Yvonne glaubt nicht an Gott. Yvonne hat gelernt, dass es gefährlich ist, ans Vaterland zu glauben, und genauso wenig glaubt sie an die Familie, die sich ja vor allem als Anti-Emanzipations-Apparat herausgestellt hat. Aus dieser Lage hat Yvonne simple Schlüsse gezogen: Wenn die Metaphysik geht, bleibt die Physis. Oder, anders gesagt: Wenn es keine Unsterblichkeit im Jenseits mehr gibt, muss die Unsterblichkeit eben im Diesseits stattfinden.
ZU YVONNE Liebe Yvonne, wenn du heute hier wärest und nicht mit üblen Schmerzen in deiner frisch operierten Brust unter der häuslichen Höhensonne lägest, könntest du jetzt aufstehen und es uns selber sagen: Wie alle permanent Pubertierenden brauchst du eine "Identität". Du willst dich festlegen, abgrenzen, kennen lernen, auf einen Nenner bringen. Aber, Yvonne, in diesem schwammigen, geistigen Raum, der sich zwischen einer Unmenge von Köpfen spannt und ausgefüllt ist von schwer beweisbaren Dingen wie Kultur und Tradition, da gibt es ja gar kein richtiges "Ich"! Sondern bloß Facetten und Spiegelungen eines Ichs, ein Schichtenmodell, ein Ich-Schwadron, ein multiples Wesen mit verschwimmenden Grenzen! Üble Sache, das. Seit die schwierige Ehe zwischen dem Menschlichen und dem Übermenschlichen geschieden wurde, seit es keine von Höherem gezeugten Wesen und keine unsterblichen Seelen mehr gibt, bist du ja regelrecht gezwungen, den Schöpfungsakt an dir selbst zu vollziehen und um die Unsterblichkeit deines Körper zu ringen!

ZUM PUBLIKUM Die Mittel und Wege sind übrigens im Wesentlichen die gleichen geblieben: Kultgegenstände, rituelle Handlungen, strenge Ernährungs- und Fastenvorschriften. Und natürlich das heilige Wort.
Als echte Jünger der Jugend kennen Sie das natürlich alles. Yvonnes Kultgegenstände befinden sich in einer Glasvitrine im Badezimmer. Mit zwanzig hat sie die Anti-Pickel-Creme gegen ihre erste Anti-Falten-Creme vertauscht, und seitdem gibt es kaum ein Jeunesse-, Repair- oder Anti-Pigmentflecken-Produkt, das sie noch nicht ausprobiert hat.
Die rituellen Handlungen finden hauptsächlich auf der Gymnastikmatte statt, und zum Thema Ernährung und Fasten muss man in Bezug auf Yvonne wenig sagen; schließlich befindet sie sich seit ihrem dreizehnten Lebensjahr auf Dauerdiät. Ihre Küchenschränke sind voll gestopft mit Produkten, die durch den Aufdruck "Fitness", "light", "Jogging", "Vitamin" oder "Protein" zu erkennen geben, dass sie zum koscheren Bereich gehören. Wohlschmeckendes ist grundsätzlich tabu, denn was schmeckt, ist nicht gesund.

Das Heilige Wort hingegen steht im Wohnzimmer im Bücherregal, und zwar unter hundert verschiedenen Titeln.
"Was Sie wissen sollten, um jung zu bleiben."
"Älterwerden ist nichts für Feiglinge. Jung, schön und gesund bleiben."
"Ja, ich beschloss, jung zu bleiben!"
"Bleiben Sie länger jung!"
"Alt genug, um jung zu bleiben."
"Jung - für immer."
"Ewig jung."
"Natürlich jung."
"Länger leben und jung bleiben."
"Essen und dabei jung bleiben."
"Die Kunst, jung zu bleiben, oder: Das Leben beginnt mit vierzig."
"Jung bleiben, aber wie?"
"Knoblauchtherapie - jung bleiben kann man lernen."
"Jung bleiben mit Yoga."
"Mit Unterwassergymnastik bleiben Sie jung."
"Mit Kräutern jung bleiben."
"Denken Sie sich jung."
"Fünf mal zwanzig Jahre leben. Jung gesund bleiben."
"Starke Frauen bleiben jung."
Und:
"Die Toten bleiben jung."
- was ein Fehlkauf war, denn dieses Buch ist von Anna Seghers.
Die meisten dieser Werke kann Yvonne auswendig. Wenn es ihr mal schlecht geht, liest sie am liebsten "Zehn kleine Schritte zum Glück". Schon der Titel dieser Schrift verschafft ihr Befriedigung. In Yvonnes Weltbild gibt es keine Probleme, die sich nicht in maximal zehn Schritten lösen, beziehungsweise "wegmachen" lassen, wie sie gern sagt. Immerhin ist die Welt nichts weiter als eine große Kausalitätsmaschine. Wer die Funktionsprinzipien begriffen hat, weiß, wie man den Saftladen optimieren kann. Jungbleiben, Gesundheit und Schönheit hat Yvonne schon ganz gut im Griff, und das mit dem Glück kriegt sie demnächst auch noch hin. Vorher gilt es noch ein paar Projekte zu stemmen. Nachdem sie mit Brust und Nase beinahe fertig ist, steht eine Kompletterneuerung des Gebisses auf dem Programm, worauf Yvonne schon seit Jahren spart. Drücken wir ihr die Daumen, dass sie den Kredit bewilligt bekommt! Drücken wir auch die Daumen, dass sie sich danach niemals die Frage stellt, wozu das Ganze auf lange Sicht eigentlich gut sein soll. Wünschen wir ihr, dass sie niemals eins dieser teuflischen Bücher in die Finger bekommt, die aus vergangenen Zeiten stammen und unter Titeln wie "Das Bildnis des Dorian Gray" oder auch "Frankensteins Monster" die Geschicklichkeit des Menschen bei der Menschenerschaffung sowie den Sinn der physischen Unsterblichkeit bezweifeln!

Denn schließlich brauchen wir Yvonne, genau wie wir Thorsten und Sibylle brauchen. Wir brauchen Menschen, die mit Partyhunger, Spielzeugsucht und Schönheitswahn unser konsumgestütztes Wirtschaftsaufkommens finanzieren. Wir brauchen alle, die um keinen Preis mehr erwachsen werden wollen! Wir brauchen euch, weil ihr unpolitisch wie Kinder, harmlos wie Kinder und, genau wie Kinder, leicht zu kontrollieren und zu lenken seid. Wir produzieren bequeme Strampelanzüge und weiche Schuhe für euch. Wir richten euch Erlebnisparks ein, in denen ihr eure Wochenenden verbringen könnt. Wir bauen euch Häuser aus bunten Bauklötzen und malen alte Fassaden mit farbenfrohen Männchen an, damit eine Stadt wie Leipzig gleich beim Verlassen des Hauptbahnhofs wie ein Kindergarten von innen aussieht. Wir schaffen euch Regeln und Anweisungen und Verbote und Warnungen, damit vom Öffnen einer Bohnendose über die Teilnahme am Straßenverkehr bis hin zum Kontakt mit dem Nachbarn alles möglichst ungefährlich und sicher für die lieben Kleinen ist. Wir sorgen dafür, dass jeder Abiturientenjahrgang den vorangegangenen noch an Existenzangst und Zukunftsangst überbietet. Damit die Menschen in einem Europa, das so sicher und friedlich ist wie nie zuvor, auf keinen Fall vergessen, dass sie starke Mächte brauchen, die sich um sie kümmern. Zu diesem Zweck schicken wir alle paar Wochen den Schwarzen Mann in Gestalt von Terrorismus, Vogelgrippe oder Klimakatastrophe an euren Fenstern vorbei, und schon kreischt in der 80-Millionen-Krabbelecke alles durcheinander. Das blöde Problem, dass Kindsköpfe nicht zu Führungskräften taugen und deshalb in den Regierungssesseln immer weniger Persönlichkeiten und immer mehr Flaschenkinder sitzen, die gierig die Muttermilch der Umfrageergebnisse saugen, müssen wir noch irgendwie bewältigen. Auch dass große Kinder keine kleinen Kinder in die Welt setzen wollen, ist eine dumme Sache. Einstweilen müssen eben jene Menschen, die mangels Wohlstands keinen Zugang zum Luxus der ewigen Jugend haben, die Aufgabe der Arterhaltung übernehmen.

Meine Damen und Herren, gleich sind Sie mich los. Falls Sie es geschafft haben, sich bis hierhin nicht angesprochen zu fühlen, möchte ich Ihnen herzlich gratulieren. Dann sind Sie entweder ein Großmeister des Selbstbetrugs. Oder Sie haben erkannt, dass die Jugend ein Zustand der Einschränkung, des Noch-Nicht-Voll-Entwickelt-Seins und der Verwirrung ist, folglich praktisch keine Vorteile besitzt - außer solchen physischer Natur.

Dann sind Sie ein Mensch, der den Grund seines Mensch-Seins im Gebrauch seiner Vernunft und nicht im Frondienst am eigenen Körper sieht. Ein Mensch, der das frühkindliche Stadium unseres jungen Jahrtausends nicht so persönlich nimmt, dass er es gleich am eigenen Leib nachvollzieht. Dann werden Sie auf die Frage nach dem Sinn des Lebens nicht zurückfragen, ob "Sinn" nicht so eine alte chinesische Währung sei. Sie werden sich zutrauen, auch ohne Gott und ohne politisch-ideologische Führer jene Last einer bewussten Existenz zu tragen, die uns Menschen nun einmal auszeichnet.
Dann gehen Sie jetzt hinaus in die Freitagnacht, genießen die Herbstluft und antworten in Gedanken jedem Werbeplakat und jedem panikmachenden Zeitungsartikel und jeder infantilen Fernsehshow:
Entschuldigung, mein Leben ist jugendfrei. Absolut ab achtzehn. Nämlich nur für Erwachsene.

Vielen Dank.