Logo FRANKFURT.de

Liebhold, Emil und Charlotte

Emil Liebhold wurde in Heidelberg geboren. Sein Vater war vermutlich Moritz Liebhold, der nach dem Heidelberger Adressbuch von 1884 dort eine Tuch-und Modewaren Handlung in der Hauptstraße 165 betrieb. In Heidelberg gab es zwischen 1869 und 1931 aber auch eine Tabakwarenfabrik „M. & F. Liebhold". 1887 trat Emil Liebhold bei dem Großhandelsgeschäft Ernst Lochner & Horkheimer am Liebfrauenberg 39 als Lehrling ein. Es handelte sich bei der 1837 gegrün¬deten Firma um eine der bedeutendsten Tuchgroßhandlungen in Frankfurt, besonders bekannt für ihre englischen Import-Stoffe.

Emil und Charlotte Liebhold
Dieses Bild vergrößern.

Emil Liebhold heiratete um die Jahrhundertwende Charlotte Rosy Kirschbaum. Sie war in Frankfurt am Main in ihrem Elternhaus Obermainanlage 20 als Tochter von Maier Abraham Kirschbaum und seiner Ehefrau Karoline, geborene Sussmann, geboren und dort zusammen mit ihrem Bruder Alfred Theodor aufge¬wachsen. Nach ihrer Hochzeit blieb sie im Haus ihrer Eltern und bezog dort eine große Wohnung zu¬sammen mit ihrem Ehemann. 1903 wurde das erste und einzige Kind von Charlotte und Emil Liebhold, der Sohn Franz, geboren.
Ab 1905 muss Emil Liebhold öfter auf Reisen gewesen sein, denn er übernahm die geschäftliche Vertretung in Italien und wurde Teilhaber der Firma Ernst Lochner & Horkheimer, für die er schon fast zwei Jahrzehnte tätig war. Nach dem Tod der Eltern erbten Charlotte Lieb¬hold und ihr Bruder Alfred das Haus in der Obermain¬anlage, wo sie mehrere Wohnungen und im Erdgeschoss Geschäftsräume vermieteten. Der Sohn Franz studierte nach dem Abitur Jura und verlobte sich mit der Christin Lore Schultze.

Die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten bedeutete bereits 1933 einen großen Einschnitt für die Familie Liebhold: Der inzwischen 30jährige Sohn Franz, der inzwischen Gerichtsassessor in Hanau war, verlor durch die antijüdischen NS-Gesetze für den öffent¬lichen Dienst seine Stelle. Im Dezember 1933 heiratete er seine nichtjüdische Verlobte, die mit der Heirat zum jüdischen Glauben übertrat. Wie die Tochter Ruth Langotzky-Liebhold berichtete, nahm der Offenbacher liberale Rabbiner Dr. Max Dienemann ihre Mutter ins Judentum auf und vollzog die Trauung. Direkt nach der Hochzeit seien ihre Eltern ins Ausland geflüchtet, um sich der Verfolgung durch NSDAP-Aktivisten und Polizei zu entziehen. Über Italien floh das junge Paar nach Palästina. „Für alle Familienmit¬glieder war diese Trennung eine schwere Tragödie, denn das Verhältnis zwischen meinem Vater und seinen Eltern war sehr eng", so Ruth Langotzky-Liebhold.

Geschäftsanzeige und Bekanntmachung. Goldenes Berufsjubiläum (aus: Gemeindeblatt der israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main, Heft 9, Juni 1937, S. 16)
Dieses Bild vergrößern.

Obwohl viele Verwandte, darunter Charlotte Liebholds Bruder Alfred, emigrierten, blieb das Ehepaar Liebhold in Frankfurt. Eine nicht unbedeutende Rolle spielte da¬bei wohl auch das Verantwortungsgefühl für das traditi¬onsreiche Geschäft. Seit 1934 waren Emil Liebhold und sein ebenfalls jüdischer Mitgesellschafter Emil Bernhard Horkheimer alleinige Inhaber der Tuchgroßhandlung. Als am 16. 2. 1937 in Haifa das erste Enkelkind von Charlotte und Emil Liebhold geboren wurde, standen das 100-jährige Geschäftsjubiläum und das 50-jährige Berufsjubiläum von Emil Liebhold am 18.5.1937 vor der Tür. (Bekanntmachung im Gemeindeblatt Juni-Ausgabe 1937). Vermutlich deshalb fuhr Charlotte Liebhold in diesem Frühjahr ohne ihren Ehemann mit dem Schiff nach Palästina, um ihre Enkeltochter zu sehen. Ruth Langotzky-Liebhold erzählte: „Die liebe Oma sah, dass ihr einziger Sohn keine Arbeit hatte, dass das Baby in einer Apfelsinenkiste schlief und die Situation sehr er¬bärmlich war. Als Oma zurück nach Frankfurt kam, fand sie, dass sie, die beiden Eltern, diese Situation nur noch verschlimmern würden, wenn sie nach Palästina kämen." Der langjährige Mitarbeiter von Emil Liebhold, Dr. Robert Beisinger, der dort 39 Jahre lang als Bücher¬revisor gearbeitet hatte und seinem Chef die Treue hielt, beschrieb später in einem Brief an den Sohn Franz die zunehmend vergiftete Atmosphäre, die Emil Liebhold in seinem eigenen Geschäft umgab: „Zuerst versuchten zwei Angestellte, das Geschäft zu .kaufen'. Als dies nicht gelang, stellten sie sich hinter die Arbeitsfront und Ihr Vater musste mehrmals (3-4 Mal) Tausende von Mark an das Personal zahlen für Treueprämien und zu wenig gezahlte Löhne und wie die Begründungen alle lauteten."

Während des November-Pogroms 1938 wurde dann die Lebensarbeit von Emil Liebhold vollkommen vernichtet. Der Nazimob drang in das Geschäft im ersten Stock des Hauses am Liebfrauenberg 39 ein und verwüstete alles. SA-Leute zerschlugen die Fenster und warfen die Stoffballen hinunter auf die Straße. Die Firma wurde zum 25. 2. 1939 aus dem Handelsregister gelöscht.

Ab 1939 wurde für das Haus Obermainanlage 20, das Charlotte Liebhold und ihrem Bruder gehörte, ein Ver¬walter eingesetzt, und 1940 musste Charlotte Liebhold es an Moritz und Friedericke Landzettel, geb. Heck, verkaufen. Ab 1941 bis zur Deportation mussten Emil und Charlotte Liebhold ihre Wohnung mit zahlreichen zwangsweise eingewiesenen jüdischen Untermietern teilen

Die Deportation bereits vor Augen schrieben Emil und Charlotte Liebhold Abschiedsbriefe an die nach Brasilien emigrierten Verwandten.

Personen
Emil Liebhold
Geburtsdatum:4.1.1868
Deportation:15.9.1942 nach Theresienstadt
Todesdatum:8.1.1943
Stolperstein Obermainanlage 20 Emil Liebhold © Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main
Dieses Bild vergrößern.
Stolperstein Obermainanlage 20 Charlotte Liebhold © Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main
Dieses Bild vergrößern.