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Mayer, Hermine und Gertrude

Hermine Mayer, geb. Kauders, aus in Hostomitz/Böhmen (Hostomice/Tschechien) zog 1916 mit ihren drei Kindern in die Konrad-Glatt-Str. 3; bereits seit 1892 wohnte die Familie in Höchst. Hermine Mayer führte das 1894 gegründete Geschäft „Geschwister Kauders“ (Weiß-,Woll- und Kurzwaren) in der heutigen Bolongarostraße gemeinsam mit ihrem Mann Max, der aus dem Rheinland kam. Als dieser 1910 starb, führte sie das Geschäft noch zwei Jahre weiter.

Die Familie gehörte der Jüdischen Gemeinde an; sie war traditionell, aber nicht strenggläubig. Hermine und Max Kauders standen politisch den Liberalen nahe, die Kinder, insbesondere Curt, tendierten eher zur linken Sozialdemokratie. Die Mayers hatten eine protestantische Haushälterin, Gretchen Gottschalk. Sie gehörte laut Curt Mayer „zur Familie“; sie wurde bedroht, da sie bei Juden arbeitete und gab Anfang 1934 ihre Arbeit auf, besuchte die Familie jedoch weiterhin.

Alle drei Kinder sind in Höchst geboren und haben die Oberrealschule bzw. das Lyzeum besucht. Gertrude machte eine kaufmännische Ausbildung und war als diplomierte Buchhalterin in einer jüdischen Firma bis zu deren Zwangsauflösung 1939 als Prokuristin tätig. Ihr Bruder Erich, am 17.4.1900 geboren, wurde ebenfalls Kaufmann. Curt, 1905 geboren, wollte gerne deutsche Literaturgeschichte studieren; machte aber dann ebenfalls eine kaufmännische Ausbildung und arbeitete als stellvertretender Geschäftsführer bei der EHAPE in Frankfurt.

Gertrude Mayer gründete mit Hugo Hirsch, Emil Mannheimer und Josef Spier den Jüdischen-Jugend-Bund J.J.B. mit zwei Altersgruppen für Kinder und Jugendliche. „Von da an begann der kulturelle Aufstieg der jüdischen Gemeinde“, so Curt Mayer. Zweimal monatlich wurden Vorträge angeboten. Prominente Redner wie Buber, Löffler, der Dirigent Steinberg und Redner aus den eigenen Reihen sprachen zu verschiedenen Themen. Heimabende für Jugendliche, Wanderfahrten, Sprech-Chor und Gymnastik vervollständigten das Programm.
Gertrude kümmerte sich in der Hauptsache um die Jüngeren im JJB. Sie leitete mit Emil Mannheimer die Heimabende. Ihre besondere Vorliebe galt der damals modernen Literatur (Werfel, Benn, Loerke, Toller, Roth), deren Werke versuchte sie den Jugendlichen nahe zu bringen.

Die Söhne emigrierten nach Frankreich und Palästina. René, der Sohn von Erich, blieb vorerst bei der Großmutter, als er nach Frankreich ging. Später holten ihn die Eltern zu sich. Nach der Besetzung Frankreichs wurde das Kind bei Bauern versteckt, die Mutter „tauchte unter“ und Erich schloss sich der Widerstandsbewegung an. Später trat er in die Armee De Gaulles ein, kämpfte in Afrika und nahm an der Invasion in der Bretagne teil. René war unter dem Einfluss der Familie, bei der er versteckt war, katholisch geworden.

Nachbarn berichteten, dass Hermine Mayer schwere Gicht hatte. Am 11. September 1939 mussten sie und ihre Tochter aus der Wohnung ausziehen, in der sie 33 Jahre gewohnt hatten. Sie zogen in den Sandweg 32, ein Ghettohaus, in dem Juden zusammen auf engstem Raum leben mussten. Einige treue Freunde aus Höchst haben sie dort noch besucht und ihnen Lebensmittel gebracht. Eine Überlebende aus Theresienstadt berichtete dem Sohn Curt später in Israel, dass Frau Rau und Frau Altwein gerade zu Besuch bei Mutter und Schwester im Sandweg waren, als man sie zum Transport nach Theresienstadt abholte. Die Nazis hätten der Mutter, die stark gehbehindert war, nicht erlaubt, ihren Rollstuhl mitzunehmen. Dagegen haben Frau Altwein und Frau Rau protestiert. Beide wurden verwarnt und mit Gewalt aus der Wohnung entfernt.
Sie erzählte auch, dass Gertrude Mayer sich freiwillig zur Begleitung ihrer Mutter für den Transport gemeldet hatte. Die Schwester einer Cousine, die inzwischen in Brasilien lebte, hatte ein Visum für Gertrude beantragt. Die Bewilligung, die ihre Rettung hätte sein können, traf drei Tage nach der Deportation ein.

Die letzte Postkarte aus Theresienstadt von Gertrude Mayer ist auf den 14.9.1944 datiert. Sie schrieb an ihre Freundin, dass es „Posteinschränkungsmaßnahmen“ nur noch erlauben, alle acht Wochen zu schreiben. Hier grüßt sie auch noch herzlich die Höchster Freunde, die ihr wohl auch geschrieben und Päckchen geschickt haben. Am Ende der Karte steht: „Du kannst Dir nicht vorstellen, wie man sich mit Post freut!“. Knapp einen Monat später wurde sie nach Auschwitz deportiert.

Die Enkelin bzw. Nichte Odeda Steinberg schrieb aus Israel: Die Stolpersteinlegung für meine Tante und meine Großmutter bewegt mich und meine Familie zu tiefst. Obgleich ich sie nicht gekannt habe fühle ich mein Leben lang dass meine Großmutter und meine Tante ein Teil meiner selbst sind und, dass ich nur ein kleiner Teil einer langen Familienkette bin, die irgendwo in der Vergangenheit beginnt und hoffentlich weit in die Zukunft reichen wird.
Dieses Erinnerungsprojekt hat die Kraft und den Geist das Gedächtnis an meine Familie für immer zu bewahren.Ich hoffe eines Tages zu kommen um den Ort zu sehen und die wundervollen Menschen zu besuchen, die dies Gedenken ermöglicht haben.
Habt Dank.

Personen
Hermine Mayer, geb. Kauders
Geburtsdatum:21.11.1864
Deportation:15.9.1942 nach Theresienstadt
Todesdatum:3.10.1942
Gertrude Mayer
Geburtsdatum:31.8.1898
Deportation:15.9.1942 nach Theresienstadt und am 16.5.1944 nach Auschwitz
Todesdatum:unbekannt
Stolperstein Konrad-Glatt-Straße 3 Hermine Mayer © Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main
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Stolperstein Konrad-Glatt-Straße 3 Gertrude Mayer  © Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main
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