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Levi, Erwin

Der gebürtige Berliner war Sohn des Uhrmachers Isidor Levi und seiner Frau Rosa, geb. Spieldoch. Die Familie Levi lebte seit 1914 in Frankfurt. Isidor Levi war bis 1936 als Kaufmann und Kassierer bei den Altmetallgroßhandlungen „Heppenheimer“ und „Kaufmann & Sohn“ beschäftigt; später Zwangsarbeiter bei der Firma „Holzhof“. Erwin Levis Schwester Hildegard arbeitete als Lageristin und Packerin bei der Firma „Anna Schillag“ (auch: Chillag oder Csillag), Neue Mainzer Straße 58, wo sie um 1936/37 verfolgungsbedingt entlassen wurde.

Erwin Levi heiratete am 9. November 1933 die Verkäuferin Anni Bickert (Jg. 1911) in Frankfurt. Nach nationalsozialistischer Definition handelte es sich um eine „Mischehe“, da Anni Levi nichtjüdisch und evangelisch war. Die acht Kinder - fünf Söhne und drei Töchter - wurden in den Jahren 1932, 1933, 1935, 1937, 1938, 1941, 1942 und 1943 geboren. Erwin Levi besuchte die Volksschule. Er war als Packer und Autoschlosser bei der Firma „Ford“ tätig; verfolgungsbedingt verlor er Ende 1937 seinen Arbeitsplatz. Von 1939 bis 1942 musste er Zwangsarbeit leisten, unter anderem bei der Müllabfuhr der Stadt Frankfurt. Er wurde im Zusammenhang mit dem November-Pogrom vom 11. November 1938 bis 27. Februar 1939 im Konzentrationslager Buchenwald inhaftiert. Der Familie wurden das Radio und zwei Fahrräder abgenommen.

Erwin Levi trat laut Angaben der Tochter 1939 aus der Jüdischen Gemeinde aus; die nach diesem Zeitpunkt geborenen Kinder mussten später nicht den diskriminierenden gelben Stern tragen. Laut Angaben der Ehefrau in den Ermittlungsakten gegen Mitarbeiter der Geheimen Staatspolizei waren die Kinder nicht getauft; die Eheleute ließen die bis dahin zur Welt gekommenen Kinder jedoch 1938 in die Jüdische Gemeinde aufnehmen, weil sie die Emigration planten und diese so sicherer zu realisieren glaubten. Die Kinder, nach NS-Definition „Mischlinge 1. Grades“, galten daher als „Geltungsjuden“, die den „Volljuden“ gleichgestellt waren. Die Flucht in das Exil scheiterte jedoch aus unbekannten Gründen. Der älteste Sohn musste zwangsweise auf das Philanthropin wechseln; nach dessen Schließung durfte er keine Schule mehr besuchen.

Erwin Levi wurde am 23. Januar 1943 zur Geheimen Staatspolizei (Gestapo) vorgeladen. Da die Eheleute eine Verhaftung verhindern wollten, ging die Ehefrau zum Termin und wurde vom Gestapo-Mitarbeiter Heinrich Baab empfangen. Laut Aussage der Ehefrau in den Ermittlungsakten reagierte Baab höchst ungehalten und ließ nach Erwin Levi schicken. Als er nicht in der Wohnung angetroffen wurde, erpresste Baab von der Ehefrau das schriftliche Einverständnis, die fünf erstgeborenen Kinder in ein jüdisches Kinderheim einweisen zu lassen. Sie wurde nach fünf Stunden von der Gestapo wieder entlassen mit der Maßgabe, Erwin Levi zur Gestapo zu bringen.

Erwin Levi versuchte in den nächsten zwei Tagen durch Mittelsmänner in die Schweiz zu flüchten, was jedoch misslang. Um seine Familie zu schützen, folgte er deshalb der Vorladung zur Gestapo, wurde dort verhaftet, vom 25. Januar bis 6. April 1943 im Untersuchungsgefängnis in der Hammelsgasse inhaftiert und dann in das Vernichtungs- und Konzentrationslager Auschwitz verschleppt (Häftlingnummer 113.341). Zuletzt im Außenlager Libiaz (Arbeitslager Grube „Gute Hoffnung“) registriert. Die Umstände seines Todes sind nicht bekannt. Die Ehefrau schickte ihm laut Entschädigungsakten regelmäßig Lebensmittelpakete. Das letzte Lebenszeichen an sie ist vom 8. Januar 1945 datiert.

Die ältesten fünf Kinder im Alter zwischen zehn und fünf Jahren mussten am Tag der Verhaftung von Erwin Levi in das Jüdische Heim im Hermesweg einziehen. Der Mitarbeiter der Geheimen Staatspolizei Heinrich Baab sagte der Ehefrau: „Was belasten Sie sich noch mit den Judenbälgern, die enden doch im KZ; es sind Juden, aber keine Kinder." Die Ehefrau durfte sie erst wieder mit nach Hause nehmen, nachdem sie sich dafür verbürgt hatte, dass die Kinder sämtliche Bestimmungen für „Geltungsjuden“ einhalten würden. Die Deportation nach Berlin konnte sie so abwenden. Der Schulbesuch war ihnen verwehrt; erst 1946 konnten sie ihre Schulausbildung aufnehmen.

Die Ehefrau und die Kinder durften die Stadt Frankfurt auch während der Bombenangriffe nicht verlassen und weder Bunker noch Luftschutzkeller aufsuchen. Die Ehefrau und die sterntragenden Kinder mussten sich zudem einmal wöchentlich persönlich bei der Gestapo melden. Im Februar 1945 sollten die Kinder in das Durchgangs- und Konzentrationslager Theresienstadt deportiert werden; der Transport wurde jedoch abgesagt.

Die Eltern von Erwin Levi und seine Schwester Hildegard und deren zweijährige Tochter wurden am 11. November 1941 in das Ghetto Minsk verschleppt, wo alle Familienmitglieder ums Leben kamen.

Heinrich Baab wurde 1950 des vollendeten Mordes an Erwin Levi für schuldig befunden. Er erhielt in dem Sammelverfahren eine lebenslange Zuchthausstrafe.

Bei der Verlegung der Stolpersteine waren ein Sohn und eine Tochter von Erwin Levi, Horst Levi aus Bad Vilbel und Astrid Werndt aus Frankfurt a.M., sowie eine Enkelin und weitere Nachkommen mit ihren Familien anwesend.

Personen
Erwin Levi
Geburtsdatum:24.2.1909
Deportation:6.4.1943 nach Auschwitz
Todesdatum:unbekannt
Stolperstein Allerheiligenstraße 20, Erwin Levi  © Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main
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