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Michalson, Franz

Franz Michalson, als Sohn des Kaufmanns und Fabrikbesitzers Max Michalson in Graudenz/Westpreußen geboren, wohnte ab 1930 in der Hochmuhl 3, einer Werkswohnung der damaligen Farbwerke. Seine Frau Ella, geb. Hartleb, stammte aus Celle. Das Paar hatte 1911 in Charlottenburg geheiratet, 1915 kam die Tochter Henni in Braunschweig zur Welt. Franz Michalson war jüdischer Herkunft, hatte aber, wie seine Ehefrau, die evangelische Religionszugehörigkeit. Im Oktober 1932 waren jedoch beide aus der Kirche ausgetreten.

Studiert hatte Michalson am Technikum in Mittweida und an der TH Karlsruhe. Während des ersten Weltkriegs war er vier Jahre Soldat. In verschiedenen Unternehmen arbeitete er als Ingenieur, ehe er 1920 als technischer Beamter in der Energieabteilung der Farbwerke eingestellt wurde.

Man kann davon ausgehen, dass es sich um eine anerkannte und gut bürgerliche Familie handelte. Tochter Henni besuchte das Lyzeum und einige ältere Höchsterinnen und Höchster erinnern sich an sie. So besuchte sie die Tanzstunde und soll verlobt gewesen sein. Diese Verlobung sei jedoch daran gescheitert sein, dass sie als „Halbjüdin“ galt.

Schon 1935 gab es Zwangspensionierungen von jüdischen Mitarbeitern der Farbwerke. Die endgültigen Entlassungen bzw. Frühpensionierungen erfolgten 1938.

1936, Franz Michalson war 56 Jahre alt, beschloss die Werksleitung, ihn „baldmöglichst durch eine jüngere leistungsfähige Kraft zu ersetzen“, wie Stephan H. Lindner aus der Personalakte zitiert. Da man ihn aber wohl noch nicht gleich ersetzen konnte, erfolgte im März 1938 seine Beurlaubung mit sofortiger Wirkung. Lindner zitiert aus dem Antrag auf Versorgungsregelung: “Michalson ist als verbraucht anzusehen und den derzeit gesteigerten Anforderungen nicht mehr gewachsen“. Der Betriebsarzt spricht von „Arteriosclerose des Gehirns und seelische(n) Störungen, Darmträgheit“; er sei eine Gefahr für den Betrieb. Stephan mutmaßt sicher nicht zu Unrecht, dass man zu den seelischen Problemen eine organische Krankheit dazu erfand, um die Pensionierung durchzudrücken. Diese Diagnose sollte noch Auswirkungen über seinen Tod hinaus haben. Franz Michalson nahm sich am 28. April 1942 mit Veronal das Leben.

Was er und seine Familie bis dahin und darüber hinaus erdulden mussten, geht aus der Entschädigungsakte hervor. Seine Frau schreibt im Antrag 1950, dass ihr Mann „Durch Verfolgung der Gestapo Frankfurt/M, Lindenstraße am 28. April 1942 in den Tod getrieben“ wurde. Die Pensionskasse der Angestellten der IG-Farben bestreitet 1952 jeglichen Zusammenhang der Frühpensionierung mit seiner jüdischen Abstammung, sondern bezieht sich auf das bereits erwähnte Gutachten; es habe auch keinerlei politische Absichten gegeben.

Die Entschädigungsbehörden stellen sich trotz zweier Zeugen lange stur und sehen keinen Zusammenhang zwischen der Selbsttötung und der erniedrigenden Verfolgungsmaßnahmen und lehnen 1952 eine Entschädigung ab. Frau Michalson betonte immer, dass ihr Mann „kerngesund“ gewesen sei. Zu den Maßnahmen gehörten Vorladungen bei der Gestapo, Konfiszierung von Radiogeräten und einem Fotoapparat, sowie die Anordnung von Zwangsarbeit. Aus einem Dokument des Archives in Arolsen geht hervor, dass Franz Michalson als Zivilarbeiter ab 8. Oktober 1941 bei der Firma Gebrüder Röver, bis er sich das Leben nahm, arbeiten musste. Auch den Zwangsvornamen „Israel“ musste er führen.

Im April 1956 unternimmt Ella Michalson einen erneuten Versuch beim Regierungspräsidenten, da sich ihre Verhältnisse „einschneidend verändert haben“. Die Tochter Henni war 1955 verstorben und sie musste für das sechsjährige Enkelkind sorgen. Auch dieser Antrag wird im Mai 1956 mit der gleichen Begründung abgelehnt. Sie solle Zeugen benennen (Zwei Zeugen hatten bereits 1952 eidesstattlich ausgesagt).

Im Oktober 1956, sie war, wie sie schreibt, länger erkrankt, erfolgt ein letzter Versuch: Sie droht, bei einer nochmaligen Absage die Angelegenheit einer Frankfurter Zeitung zur Veröffentlichung zu geben. Der Regierungspräsident reagiert nicht, so dass Ella Michalson am 16. Januar 1957 eine Frist stellt „Sollte ich nun innerhalb 10 Tagen von Ihnen keinen positiven Bescheid erhalten, werde ich unsere Verfolgten-Organisation mit meinen berechtigten Ansprüchen beauftragen. Gleichzeitig werde ich die ganze Angelegenheit einer führenden Frankfurter Zeitung zur Veröffentlichung übergeben“.

Am 16. April 1957 wird mit ihr beim RP in Wiesbaden ein Vergleichsprotokoll erstellt, in dem es heißt: „Die Antragstellerin hat….glaubhaft dargetan, daß der Freitod ihres Ehemannes zweifelsfrei auf die ununterbrochen gegen ihn gerichteten nat.soz. Schikanen und ähnliche Verfolgungsmaßnahmen erfolgte, weil er diesen Zustand einfach nicht mehr ertragen konnte. Schon seine vorzeitige Pensionierung sei auf verfolgungsmäßige Maßnahmen zurückzuführen, um ihn eben aus Gründen seiner Rasse aus den I.G. Farbwerken zu entfernen. Die in seinen Pensionsakten erfolgte Darstellung sei nur aus Tarnungsgründen erfolgt. Da diese Darstellungen der Antragstellerin durchaus glaubhaft erschienen, da die Juden in der damaligen Zeit erfahrungsgemäß allenthalben eine derartige Behandlung erfuhren, wurde der Antragstellerin ….ein Vergleichsvorschlag unterbreitet.“ Im September 1957 starb Ella Michalson, die nur fünf Monate etwas von ihrer hart erkämpften Rente hatte.

Literatur: Stephan H. Lindner, „Hoechst – Ein I.G. Farben Werk im Dritten Reich“, C.H. Beck, München 2005

Personen
Franz Michalson
Geburtsdatum:2.5.1880
Todesdatum:28.4.1942 (Suizid)
Stolperstein Hochmuhl 3 Franz Michalson © Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main
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