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Landauer, Karl, Karoline, Eva, Suse und Paul

Karl Landauer wurde in München geboren. Er stammte aus einer alt eingesessenen jüdischen Bankiersfamilie, seine Eltern waren Isidor Landauer und Peppi, genannte Josefine, geb. Guggenheimer. Am 17. Januar 1917 heiratete er die aus Gemmingen in Baden stammende Karoline, genannt Lins, geb. Kahn. Auch ihre Eltern, der Handelsmann Moses Kahn und Regine, geb, Odenheimer, waren jüdisch. Karl und Lins Landauer hatten zwei Töchter und einen Sohn: Eva (Jg.1917), Suse (1923) und Paul Joachim (1926).

Karl Landauer besuchte das humanistische Wilhelmsgymnasium in München. Seine Interessen galten der Kunstgeschichte, Malerei, Architektur und Anthropologie. Nach dem Abitur 1906 schrieb er sich an der Universität München in Medizin ein und spezialisierte sich auf Neurologie. Sein Studium setzte er in Freiburg und Berlin fort. Anschließend war er Assistent an der Münchner Uniklinik bei Eugen Kraepelin.

1912 kam er nach Wien, ging bei Sigmund Freud in Analyse und hörte seine öffentlichen Samstag-Vorlesungen an der Psychiatrischen Universitätsklinik. Zur gleichen Zeit setzte er seine psychiatrisch-neurologische Ausbildung bei Wagner-Jauregg fort. Im Herbst 1913 wurde er mit nicht einmal 26 Jahren Mitglied der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung und nahm regelmäßig an den wöchentlichen Mittwochabend-Sitzungen in Sigmund Freuds Praxis teil. Er hielt Vorträge zum Thema „Zur Psychologie der Schizophrenie“ und „Psychose“. 1914 schrieb er die erste psychoanalytische Arbeit mit dem Titel „Spontanheilung einer Katatonie“ in der Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse.

Im Ersten Weltkrieg war er freiwillig beim Militärdienst und wurde Sanitätsoffizier. 1916 arbeitete Landauer nach einer Typhuserkrankung ein Jahr im Militärgefängnis in Heilbronn. Die Erfahrungen des Kriegs ließen ihn zum Pazifisten werden. In Heilbronn lernte er auch seine Frau Karoline Kahn kennen. Zwei Jahre später übersiedelte sie nach Frankfurt am Main. Sie wohnten im Kettenhofweg 17, zuletzt in der Savignystraße 76.

Landauer setzte seine psychiatrische Ausbildung an der Universitäts-Nervenklinik in Frankfurt fort. Er ließ sich als Psychoanalytiker nieder, sein Interesse galt vor allem den psychotischen Erkrankungen. Jährlich fuhren die Landauers nach Wien zu Freud, mit dem sie eine persönliche und familiäre Freundschaft verband. 1924 beschrieb er die „passive Technik“. Im selben Jahr organisierte er gemeinsam mit Karl Abraham die 1. Deutsche Zusammenkunft für Psychoanalyse in Würzburg, wo er einen Vortrag über „Äquivalente der Trauer“ hielt und ein Jahr darauf organisierte er mit seiner Frau und der Analytikerin Clara Happel den 9. Internationalen Psychoanalytischen Kongress in Bad Homburg. Dort hielt er einen Vortrag über „Automatismen, Zwangsneurose und Paranoia“.

Das Frankfurter Psychoanalytische Institut gründete er gemeinsam mit Heinrich Meng, den er im Ersten Weltkrieg als benachbarten Regimentsarzt kennen gelernt hatte, mit Frieda Fromm-Reichmann und Erich Fromm am 16. Februar 1929. Dieses Institut war nicht für die Ausbildung zuständig, sondern nur für die Weitervermittlung von Psychoanalyse. Landauer analysierte auch Max Horkheimer und war mit ihm freundschaftlich verbunden. Das Frankfurter Psychoanalytische Institut (heute Sigmund-Freud-Institut) kooperierte mit Horkheimers Institut für Sozialforschung, in dessen Räumen es Gaststatus hatte.

Dokumente aus Amsterdam, Westerbork und Frankfurt
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Bei der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wurde die Arbeit am Frankfurter Institut eingestellt. Landauer konnte nach Schweden fliehen, wo er einen Schwager hatte. Im Herbst 1933 erhielt er eine Einladung des Holländischen Psychoanalytikers van Ophuijsen und emigrierte mit seiner Familie nach Amsterdam. Sie wohnten dort in der Grevelingenstraat 22. Dort wurde er zuerst Mitglied der Holländischen Psychoanalytischen Vereinigung. Im November 1933 kam es allerdings zu einer Abspaltung der Vereeniging van Psychoanlaytici in Nederland, deren Mitglied er wurde. Er arbeitete als Lehranalytiker in Amsterdam und widmete einen Großteil seiner Arbeitszeit den Lehranalysen, die er für Flüchtlinge auch gratis durchführte, und der Supervision.

Nach dem deutschen Überfall auf Holland im Mai 1940 waren die Fluchtmöglichkeiten nur mehr gering. 1941 kam die Verordnung, dass Juden nicht in „gemischten Vereinigungen“ bleiben dürfen. Daraufhin zeigten die nichtjüdischen Mitglieder Solidarität und die niederländische Vereinigung wurde aufgelöst. Es fanden jedoch nächtliche wissenschaftliche Sitzungen statt. Die Ausbildung der KandidatInnen und die Behandlung von Patienten wurden im Untergrund fortgesetzt. Jüdische Analytiker wurden versteckt. Privat wurde weitergearbeitet, es durften jüdische Analytiker aber keine nichtjüdischen Patienten mehr therapieren. Ab 1942 durften jüdische Ärzte nicht mehr arbeiten.

Seit Mai 1942 wohnte die Familie Landauers in der Breughelstraat 9 in der Nähe des Jüdischen Rates. Fast jede Nacht wurden Menschen versteckt. Bei einer Razzia wurden Karl Landauer und seine Frau 1943 verhaftet, kurze Zeit darauf seine drei Kinder. Die beiden jüngeren konnten allerdings untertauchen. Suse verließ hocherhobenen Hauptes die Absperrung und wurde nicht daran gehindert. Paul floh nach Frankreich und wurde Mitglied der Résistance und konnte sich 1944 nach Spanien retten.

Karl, Karoline und Eva Landauer wurden vom 20. Juni 1943 bis 15. Februar 1944 im KZ Westerbork inhaftiert. Innerhalb des Lagers existierte eine weitgehende jüdische Selbstverwaltung. Die Familie konnte zusammenbleiben. Es bestand eine Arbeitsverpflichtung. Landauer arbeitete mit seinem früheren Analysanden de Wind in der ärztlichen Ambulanz.

Am 16. Februar 1944 wurden die Landauers ins KZ Bergen-Belsen deportiert. Es sollte als „Austauschlager“ dienen, d. h. die Insassen sollten Geisel im Austausch gegen Deutsche sein, was aber nur bedingt stattfand. Die Familie war im Austauschlager untergebracht, was aus einer Transportliste aus Westerbork hervorgeht. Es entwickelte sich bald zu einem üblichen KZ, und wurde später als „Erholungslager“ deklariert. Gemeinsam mit seinem Lehranalysanden Jacques Tas versuchte er einen Beratungsdienst aufzubauen, da sich unter den extremen Bedingungen eine Fülle seelischer Störungen bei den Kinder und Jugendlichen zeigten, für die Eltern in dieser Situation kein Verständnis entwickeln konnten. Auch versuchten beide, die Lehranalyse, auf Stühlen nebeneinander sitzend, fortzusetzen.

Am 27. Januar 1945 starb Landauer im KZ am Hunger, obwohl seine Tochter für ihn zusätzliches Essen besorgt hatte. Seine Frau und seine Tochter waren bei ihm, als er starb. Am 15. April 1945 wurde das KZ durch die britische Armee befreit. Karoline und Eva Landauer wurden am 10. 4. 1945 in einem Zug unter deutscher Bewachung nach Troebitz in Sachsen gebracht. Dort kamen sie am 23. April 1946 an und erlebten kurze Zeit später die Befreiung durch die sowjetische Armee. Am 15. Juni 1945 fuhren sie nach Leipzig und wurden von dort am 7. Juli 1945 nach Amsterdam zurücktransportiert. Sie emigrierten nach New York und fanden dort auch Paul und Suse wieder. Paul war nach dem Krieg zunächst nach Palästina ausgewandert, hatte dort das Schlosserhandwerk gelernt und zog dann im Februar 1848 in die USA, wo er als Ingenieur arbeitete.

Personen
Paul Joachim Landauer
Geburtsdatum:21.8.1926
Deportation:Flucht: 1933 Holland, 1944 Frankreich/Spanien
Todesdatum:Befreit/überlebt
Karl Landauer
Geburtsdatum:12.10.1887
Deportation:Flucht: 1933 Holland, Deportation: 1944 Bergen-Belsen
Todesdatum:27.1.1945
Eva Landauer
Geburtsdatum:9.10.1917
Deportation:Flucht: 1933 Holland, Deportation: 1944 Bergen-Belsen
Todesdatum:befreit
Karoline Landauer, geb. Kahn
Geburtsdatum:7.5.1893
Deportation:Flucht: 1933 Holland, Deportation: 1944 Bergen-Belsen
Todesdatum:befreit
Suse Landauer
Geburtsdatum:5.3.1923
Deportation:Flucht: 1933 Holland
Todesdatum:Versteckt/überlebt
Stolperstein Savignystraße 76 Karl Landauer © Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main<br />
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Stolperstein Savignystraße 76 Karoline Landauer © Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main<br />
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Stolperstein Savignystraße 76 Eva Landauer © Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main<br />
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Stolperstein Savignystraße 76 Suse Landauer © Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main<br />
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Stolperstein Savignystraße 76 Paul Landauer © Initiative Stolpersteine Frankfurt am Mai
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