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Netter, Alfred und Rosette

Alfred Netter wurde in Frankfurt als fünftes Kind von Zacharias und Minna Netter, geb. Levi, geboren. Der Vater Zacharias Netter, geb. am 27. Dezember 1826, stammte aus Bergheim im Elsass und war 1866 nach Frankfurt gezogen. Unter seinem Namen wurde als Berufsbezeichnung „Commis“, also Handlungsgehilfe oder kaufmännischer Angestellter, auf dem Melderegisterbogen eingetragen, wie auch später bei allen vier Söhnen. Minna Netter wurde am 4. Januar 1837 in Gelnhausen geboren. Zuerst wohnte Zacharias Netter in der Allerheiligenstraße 14, ab 1868 in der Heiligkreuzgasse 15 und bezog bis 1896 noch weitere 14 Mietwohnungen. 1865 kam das erste Kind Gustav auf die Welt, es folgten Siegfried 1866, Rosette 1868, Moritz 1870 und 1872 Alfred.

Alfred Netter war bis 16. Februar 1897 beim Militär in Mühlhausen, vom 14. Juni 1897 bis zum 9. Dezember 1897 war er dort noch einmal stationiert. Am 10. Mai 1906 heiratete Alfred Netter Martha Elsas, die Tochter von Siegfried Elsas und seiner Frau Sophie, geb. Gersfeld. Das Ehepaar lebte im 3. Stock des Hauses Grüneburgweg 23 a. Alfred Netter gab im Adressbuch von 1930 „Fabrikant“ an, und zwar handelte es sich vermutlich um Textilindustrie, wie man heute noch in der Familie erzählt. Es gingen keine Kinder aus der Ehe hervor. Netters pflegten die verwandtschaftlichen Beziehungen. Man besuchte sich zu Geburtstagen, und von Reisen schickten Netters Ansichts- oder Fotokarten wie diejenige vom Winter 1929, als sie auf einem zugefrorenen See in der Nähe von St. Moritz Schlittschuh liefen. Der Künstler John Elsas, der Onkel von Martha, schenkte ihnen etliche seiner Collagen und Aquarelle und reimte Widmungsverse dazu. Alfred Netter wiederum schrieb zum 80. Geburtstag von John Elsas am 6. Juli 1931 ein Gedicht für ihn.

Nach vielen Jahren im Grüneburgweg zogen Netters 1930 in die Böhmerstraße 48 ins 1. Obergeschoss, und im Adressbuch wurde „Kaufm.“ vermerkt. Schon im Dezember 1932 folgte ein weiterer Umzug, in das Sachsenlager 3. Zu diesem Anlass schenkte John Elsas sechs Bilder an Martha Netter, wie er in einem seiner Notizhefte vermerkte. Auch zu ihrem Geburtstag am 1. Januar 1933 bekam sie von ihm Bilder. Am 29. Oktober 1933 starb Martha Netter an einer Herzkrankheit.

Bei Alfred Netter stand nun „Schuhwr.Vertr.“ als Berufsbezeichnung im Adressbuch, 1934 dann wieder „Kfm.“. Seine nächste Adresse war die Freiherr-vom-Stein-Straße 26. Hier wohnte er ab 1935 im 2. OG und gab „Kaufmann“ als Beruf an. Ein weiterer Umzug ging 1936 in die Schwindstraße 1, auch hier ins 2. OG und für die Jahre 1937 und 1938 mit der Berufsbezeichnung „Schuhvertr.“ Er reiste jetzt für die Damenschuhfabrik „Juwel“, die ihren Sitz in Berlin hatte, zwei- bis dreimal im Jahr nach England, in die Schweiz und nach Frankreich.

Um diese Zeit muss Alfred Netter sich mit dem Gedanken an eine Emigration zu Verwandten nach Paris beschäftigt haben, denn er stellte schließlich im Juni 1939 einen Antrag auf Mitnahme von Umzugsgut an die Devisenstelle in der Goethestraße in Frankfurt. Er fügte dem Antrag eine sehr ausführliche Auflistung all der Sachen bei, die er mitnehmen wollte: das: „Umzugsgutverzeichnis für Handgepäck (31 Posten), Reisegepäck (84 Posten), Möbelwagen (174 Posten)“, sowie eine zweiseitige Bücherliste. Alles war vom Obergerichtsvollzieher und Sachverständigen der Devisenstelle geprüft worden. Sein Gesamtvermögen gab er mit ca. 25.000 RM an. Er wohnte damals in der Eppsteiner Straße 42. Im Juli 1939 genehmigte man seinen Antrag, aber er musste eine Dego (Golddiskont) -Abgabe in Höhe von 900 RM bezahlen. Außerdem schrieb man ihm: „Da Ihr Einkommen 1938 20.076 RM betrug, die steuerfreie Grenze von 20.000 RM also überschritten ist, sind Sie reichsfluchtsteuerpflichtig.“ Er überwies daraufhin 2.833 RM, um nach Frankreich emigrieren zu können.

Zu der Abreise nach Frankreich kam es jedoch wegen des Kriegsausbruchs am 1. September 1939 nicht mehr; im Januar 1941 wandte sich Netter an die Devisenstelle mit der Bitte um Rückzahlung der 900 RM, die ihm auch gewährt wurde. Allerdings ging das Geld auf ein Sperrkonto. Auf einem Formblatt „Sicherungsanordnung“ vom 19. November 1939 gab Alfred Netter an, dass er laufend seine ältere Schwester Rosette Netter im Sanatorium Dr. Wolff in Katzenelnbogen im Taunus mit 100 RM monatlich unterstütze. Er brauchte Geld, weil sein Vermögen aufgebraucht war, und so erhoffte er sich Einnahmen durch den Verkauf seines Erbanspruchs an das Hutgeschäft Hübinger im Haus Fahrgasse 116, das den Laden dort bisher nur gemietet hatte. Martha Netter hatte aus ihrer Familie ein Drittel des Hauses geerbt, und dieser Teil ging nun an Hübinger über, allerdings wurde der Kaufpreis in Höhe von ca. 11.000 RM auf ein Sperrkonto eingezahlt, und erst im Mai 1942 bekam Netter den Bescheid, dass er davon monatlich über 250 RM verfügen könne.

Von der Eppsteiner Straße 42, in der er vom Juni 1939 bis August 1941 wohnte, zog Alfred Netter in die Gartenstraße 114, 1. OG, in Frankfurt-Sachsenhausen. Dort blieb er nur kurz und wurde vermutlich im November 1941 zwangsweise in die Eppsteiner Straße 43, 2. OG, einquartiert.

Rosette Netter wurde in Frankfurt geboren. Im Adressbuch 1930 ist sie mit der Berufsbezeichnung „Vertr.“ im Sandweg 125, 1. OG, verzeichnet. Vielleicht hat sie ihrem Bruder Alfred bei seiner Tätigkeit geholfen, oder er hatte ihr etwas Ähnliches vermittelt. 1931 wohnte sie dort immer noch, jetzt aber als „Frl.“ Ab 1931 findet man sie nicht mehr im Frankfurter Adressbuch. Im August 1931 hielt sie sich in der Städtischen Universitätsklinik für Gemütskranke auf. Irgendwann kam sie in das private Sanatorium Dr. Wolff in Katzenelnbogen, finanziell unterstützt von ihrem Bruder Alfred Netter. Der ältere Bruder Siegfried starb schon 1933, der jüngere Moritz 1935, über den Bruder Gustav ist nichts bekannt. So übernahm Alfred Netter die Verantwortung für seine Schwester.

Die Stolpersteine wurden initiiert von Dr. Dorothee Hoppe/Freiburg.

Personen
Rosette Netter, geb.
Geburtsdatum:31.10.1868
Deportation:Eingewiesen: 4.2.1941 Heilanstalt Weilmünster, 7.2.1941 Hadamar
Todesdatum:7.2.1941 (T4)
Alfred Netter
Geburtsdatum:19.11.872
Deportation:18.8.1942 Theresienstadt, 1944 Auschwitz
Todesdatum:15.5.1944
Stolperstein Freiherr-vom-Stein-Straße 26 Alfred Netter © Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main<br />
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Stolperstein Freiherr-vom-Stein-Straße 26 Rosette Netter © Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main<br />
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