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de Beer, Ernst

Ernst de Beer stammte aus Meisenheim und war Sohn des Kantors Heimann de Beer, der aus Holland stammte, und der Modistin Franziska. geb. Unrich. Von den neun Kindern der de Beer’s lebten drei nur wenige Tage. Bereits 1909 zog die Familie nach Frankfurt am Main.

Ernst de Beer gab als Beruf „Handelslehrer“ an. Seit 1913 war er Leiter der „Rübsam`schen Sprach- und Handelslehranstalt“, die sich in der jetzigen Hostatostraße 8 befand. Im Dezember 1933 erfolgte der Umzug in die Albanusstraße 16/1.

Ernst de Beer war unverheiratet und lebte bis Januar 1933 als Untermieter in der Antoniterstraße 22. Dann erfolgten in kurzer Zeit drei Umzüge innerhalb von Höchst; seit November 1934 wohnte er zur Untermiete im Parterre der Zuckschwerdtstraße 1.

Wie aus den Schulakten von 1913 hervorging, hatte de Beer 66 Schüler und Schülerinnen, die Sprachen, Steno- und Maschinenschreiben, Buchführung etc. lernten. Außer ihm unterrichtete ein weiterer Lehrer Fremdsprachen. 1918 gab es Auseinandersetzungen mit der Schulbehörde: Er durfte sich nicht mehr Handelslehrer, auch nicht akademisch gebildeter Handelslehrer nennen, da er wohl keinen Abschluss hatte. Er nannte sich jetzt Schulvorsteher und Inhaber der „Rübsam’schen kaufmännischen Privatschule“. Die Schule hatte weiterhin guten Zuspruch. 1922 waren 199 Schüler und Schülerinnen, davon etwa zwei Drittel unter 18 Jahren angemeldet. 1923 stellt er für zwölf Wochenstunden den Kantor und Religionslehrer der Jüdischen Gemeinde Kallmann Levi ein, der kaufmännischen Briefwechsel und Rechnen unterrichtete.

1924 kündigte ihm der Hausbesitzer, die AOK, die Räume, da die Krankenkasse sich vergrößern wollte. Vergebens bat de Beer die Höchster Behörden, bei der Raumsuche behilflich zu sein. Ein gerichtlicher Vergleich unter dem Vorsitz von Dr. Emil Lehmann ergab, dass de Beer weiterhin zwei statt vier Räume nutzen konnte.
1925 fragte der Regierungspräsident nach, ob diese Räume überhaupt für den Schulbetrieb ausreichten und ob der Betrieb den hygienischen Anforderungen entspräche. Damit wurde der Stadtmedizinalrat beauftragt, der in Anbetracht der insgesamt schwierigen Wohnraumlage in Höchst keine größeren Beanstandungen hatte, zumal die Schülerzahl relativ gering war. Die Schüler mussten die öffentlichen Toiletten des Bahnhofs benutzen, weil die AOK die Benutzung der im Haus vorhandenen Toiletten verweigerte. Eigentlich war nur ein Raum nutzbar, da der andere mit Möbeln vollgestellt war. 1926/27 hatte Ernst de Beer noch 80 Schülerinnen und Schüler, teils im Abend- teils im Tagbetrieb.

1929/30 drohte die Baupolizei mit Zwangsmaßnahmen wegen Mängeln in der Bau- und Feuersicherheit und aus gesundheitspolizeilichen Gründen (z.B. kein Aufenthaltsraum während der Pausen). Unklar ist, warum 1931 das Berufsschulamt wegen „fortschreitender Arbeitslosigkeit der kaufmännischen Angestellten“ forderte, dass jeder Anreiz zum Besuch von privaten Handelsschulen zu vermeiden wäre; es sollte nicht dafür geworben werden. Im gleichen Jahr wurde Ernst de Beer das „Ruhen der Berufsschulpflicht“ während des Besuchs seiner Handelsschule aberkannt.

Intervention gegen Unterrichtsgenehmigung
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Um sich über Wasser zu halten unternahm Ernst de Beer den Versuch, in „Alt-Frankfurt“ eine Zweigstelle in der Stalburgstraße (als Geschwister de Beer) zu errichten. Die private Handelsschule Steinhöfel intervenierte im Oktober 1933 mit zackigem „Heil Hitler“; die Errichtung der Zweigstelle wurde abgelehnt. Seit Dezember 1933 befand sich die Schule in der Albanusstraße 16 im 1. Stock, seit Juni 1933 lebt Ernst de Beer auch hier, in einem Zimmer, indem er auch unterrichtete. 1934 stand er mit der Handelsschule im Boykottbuch der Nazis. Es ist zu vermuten, dass dadurch die Zahl der Schülerinnen und Schüler noch geringer wurde.

Im gleichen Jahr erhielt er den Fragebogen zur „Durchführung des Gesetztes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7.7.1933“. Hier musste er seine nichtarische Herkunft angeben. Die Aberkennung zur Führung einer Schule folgt 1934, er durfte nur noch Privatunterricht erteilen und nannte sich nun „Privatlehrer in kaufmännischen Fächern“. In einer Stellungnahme an den Regierungspräsidenten wird erwähnt, dass es sich um einen „Nichtarier“ handelt. Er erhielt nur noch einen
„Unterrichtserlaubnisschein“. 1935 stand im Frankfurt Adressbuch der Eintrag: Ernst de Beer: „qualifizierter Fachschulleiter, Kurse für Kontorpraxis und Sprachenerlernung“ in der Zuckschwerdtstraße 1. Ernst de Beer muss in einer verzweifelten, aussichtslosen Lage gewesen sein.

Am 28.4.36 steht in den Meldeunterlagen der Vermerk: „in der Wohnung tot aufgefunden“. Als Todesart heißt es im amtlichen Vordruck:
„Nicht aufgeklärt“ und handschriftlich ist von dem untersuchenden Arzt hinzugefügt: „Keine Zeichen einer Verletzung. Fraglich ob Vergiftung. Keine äußeren Zeichen des Verhungerns.“ Die bei ungeklärten Todesursachen normalerweise vorgenommene Obduktion fand nicht statt.

Am 30.4.36 wurde der 54-jährige Ernst de Beer auf dem jüdischen Friedhof in der Eckenheimer Landstraße bestattet. Seine vier Schwestern konnten ihn auf diesem letzen Weg noch begleiten. Die Schwestern lebten und arbeiteten ebenfalls in Frankfurt. Ella war Kindergärtnerin, arbeitete später als Haushaltshilfe und wohnte in der Friedberger Anlage. Klara führte in der Merianstraße den Haushalt für ihre Schwestern Cäcilie und Hedwig. Beide arbeiteten in Frankfurter Buchhandlungen, bis sie ihre Stellen verloren bzw. die Buchläden geschlossen wurden. Umzüge waren notwendig, zuerst als Untermieterinnen in die Eckenheimer Landstr. 4, dann in die Quinkestr. 13. Cäcilie de Beer bestritt den Lebensunterhalt der Schwestern bis zur Deportation; zuletzt war sie als Hilfsarbeiterin registriert. Nur Ella gelang 1939 die Flucht ins britische Exil. Im September 1942 wurden Hedwig und Klara in das Vernichtungslager Majdanek und Cäcilie nach Sobibor verschleppt und ermordet.

Personen
Ernst de Beer
Geburtsdatum:8.4.1882
Todesdatum:28.4.1936
Stolperstein Zuckschwerdtstraße 1 Ernst de Beer © Inititative Stolpertseine Frankfurt am Main
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