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Neumann, Amalie, Wolf und Herta

Wolf Neumann, ein gelernter Kaufmann wurde in Stryj (Polen, heute Ukraine) geboren. Sein Vater hatte sich zu Beginn des Jahrhunderts in Bayreuth niedergelassen. Er betrieb dort neben dem Schusterhandwerk auch eine Wurst- und Mehlhandlung und war israelitischer Gemeindediener. Wolf Neumann absolvierte eine Lehre in einem Kaufhaus, arbeitete dann in einer Weingroßhandlung in Kitzingen und einer Papierwarenfabrik in Höxter. 1905 zog er 18-jährig nach Frankfurt, war im Weingeschäft von Leopold Hess tätig und wohnte im Bergweg 35. 1906 wollte das Frankfurter Polizeipräsidium ihm nicht mehr den Aufenthalt in Frankfurt gestatten, da seine Aufenthaltserlaubnis schon mehrfach verlängert worden war. Im gleichen Jahr lehnte die bayrische Staatsregierung die Verleihung der bayrischen Staatsbürgerschaft ab. Der Vater hatte damals keinen Antrag auf Staatsbürgerschaft gestellt, so dass Wolf Neumann als polnischer Staatsbürger in den Meldeakten stand.

Amalie Neumann
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Wolf Neumann und seine in Rhaunen/Bernkastel geborene Ehefrau Amalie hatten die israelitische Religionszugehörigkeit. Amalie war die Tochter des Handelsmannes Salomon Frenkel und seiner Frau Sara geborene Loeb. Durch Heirat am 9.10.1918 in Höchst wurde Amalie, wie auch die Tochter Herta, die am 16.7.1920 in Frankfurt geboren wurde, polnische Staatsangehörige. Im Hausstandsbuch wurde dies 1938 gestrichen und durch „staatenlos“ ersetzt. In Höchst wohnten sie zuerst in der Gotenstraße; 1932 wurden die Neumanns Miteigentümer des Hauses Königsteiner Straße 38.

In Höchst betrieb Wolf Neumann einen Fahrradhandel in der Dalbergstraße 2. Im Höchster Kreisblatt aus dem Jahr 1925 geht aus Anzeigen hervor, dass dort auch „Sprechapparate“, Schallplatten und Nähmaschinen verkauft wurden. Die Tochter Herta besuchte in Höchst die Grundschule und anschließend das Lyzeum.

An den Boykott im April 1933 erinnerte sich die damals dreizehnjährige Herta, dass sie nicht zu ihren Eltern in den Laden gelassen wurde. 1990 kam Herta Rokach auf Einladung der Stadt Frankfurt aus den USA. Seitdem ist bekannt, dass die Familie der Jüdischen Gemeinde angehörte. Sie war eng mit Lotte Ettinghausen, der Tochter des letzten Vorstehers der Gemeinde, befreundet, hatte aber auch nichtjüdische Freundinnen. Herta Rokach schildert das Zusammenleben von jüdischen und nichtjüdischen Höchstern als gut, erinnert sich aber auch an Antisemitismus in der Schule. Sie besuchte das Höchster Lyzeum und hatte die Obersekundareife mit Versetzung in die Oberstufe. Hier wurde sie als Jüdin bereits nicht mehr zugelassen, deshalb besuchte sie eine jüdische Haushaltungsschule.

1934 erschienen Name, Geschäfts- und Wohnadresse im Boykottbuch der Nazis und die Umsätze gingen weiter zurück; der Eigentumsanteil am Haus wurde verkauft. 1937 überlegten die Neumanns in die USA zu emigrieren, da dort schon eine Tante lebte.
Von der Zerstörung der Synagoge am 10. November 1938 schrieb Herta Rokach, dass Bekannte sie gerufen und informiert hätten. Am selben Tag wurden im Geschäft sämtliche Scheiben eingeschlagen, Waren zerstört bzw. geplündert. Ein ehemaliger SA-Mann erinnerte sich an die Zerstörung des Ladens. Sein Kommentar 1989: „Was kann denn en Fahrradschlauch von Adler dafür, dass en Jud ihn verkauft….“
In einem Artikel des Höchster Kreisblatts zu den Vorgängen der „Reichskristallnacht“ hieß es: „Auf der Dalbergstraße wurden ebenfalls an einem jüdischen Geschäft die Schaufenster demoliert.“ Amalie und Herta Neumann retteten Reste des Ladeninventars in den Keller ihrer Wohnung in der Königsteiner Straße 38. Das Wiedereinsetzen der Schaufensterscheiben ging zu Lasten der Neumanns (1.000 RM). Wolf Neumann, der zu diesem Zeitpunkt kränklich war, wurde verhaftet und nach Buchenwald deportiert; am 14.12.1938 wurde er von dort entlassen, und musste sich danach zweimal wöchentlich bei der Polizei melden.
Am 17.5.1939 zog die Familie, deren Existenzgrundlage zerstört war, in die Körnerstr. 7. Als Wolf Neumann aus Buchenwald zurückkam, korrigierte er sein ursprünglich eingereichtes Vermögensverzeichnis. Wegen dieser Korrektur und wegen einer angeblichen Steuerschuld wurde gegen ihn ein Strafverfahren eingeleitet. Dieses Strafverfahren fand ohne den Angeklagten und ohne Verteidiger statt. Die Neumanns hatten zu diesem Zeitpunkt noch ein Vermögen von etwa 12.000 RM bei der Kreissparkasse. Davon waren 11.000 RM gesperrt auf einem „Sonderdepot Jude“. Das Strafverfahren gegen Wolf Neumann wurde eingestellt, aber die Vermögenswerte eingezogen Nach dem Gerichtsverfahren wurden diese 11.000 RM an die Reichshauptkasse in Berlin überwiesen.

Karte Arbeitseinsatz
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Amalie Neumann stellte im Juli 1939 einen Antrag auf Mitnahme von Umzugsgut. Es handelte sich weitgehend um Küchengeräte, Kleidung und Wäsche. Die Wohnungseinrichtung blieb zurück. Die Familie floh am im Juli 1939 nach Belgien. Nachdem die Deutschen im Mai 1940 auch Belgien überfallen hatten, mussten die Neumanns ab Juli 1942 den gelben Stern tragen. Im September 1942 wurden Wolf und Amalie Neumann in Brüssel verhaftet. Herta, die ebenfalls in Brüssel wohnte, sah die Verhaftung ihrer Eltern, wollte zu ihnen, wurde aber durch belgische Freunde zurückgehalten.

Die Eltern kamen in ein Auffanglager nach Mechelen in eine ehemalige Kaserne, in der die Nazis 1942 das SS-Sammellager für Juden aus Belgien eingerichtet hatten. Hier war der Abfahrtsort für die Deportationen. Wolf und Amalie Neumann wurden am 12.9.1942 mit dem Zug IX (Nr. 837 und 839) nach Auschwitz deportiert. Auf der Liste steht bei beiden Namen ein „KV“, was wohl kriegsverwendungsfähig heißt. Die Insassen dieses Transports wurden, so das belgische Widerstandsmuseum, nach der Ankunft am 14.9.1942 ermordet. Laut Gedenkbuch des Bundesarchivs wurde Amalie Neumann in Auschwitz ermordet, während Wolf Neumann im Lager Cosel, Zwangsarbeiterlager für die Organisation Schmelt nicht weit von Auschwitz entfernt, ums Leben kam.

Tochter Herta wohnte in Brüssel und arbeitete als Krankenschwester. Seit Kriegsbeginn hielt sie sich bei Freunden versteckt. 1943 hatte sie einen nichtjüdischen Belgier, de Saegher, geheiratet. Es soll eine Scheinehe mit dem bereits 72-jährigen gewesen sein, um sich vor der Verfolgung zu schützen; er verstarb jedoch noch im gleichen Jahr.
Herta de Saegher wurde am 5.4.1943 von der Gestapo „auf der Straße“ verhaftet und sechs Wochen in Dessin/Belgien festgehalten. Danach wurde sie nach Mechelen gebracht und am 6.4.1943 dort interniert. Am 19.4.1943 wurde sie mit dem Zug XX Nummer 1068 nach Auschwitz deportiert, wo sie die Lagernummer 42669 erhielt. Auf der Transportliste ist sie als Schneiderin geführt; sie hat sowohl in der Häftlingsschneiderei als auch als Krankenschwester in Auschwitz gearbeitet. In Auschwitz kam sie zuerst in den Block 10. In einem der Gutachten in der Entschädigungsakte heißt es: „Dort wurde sie kurz darauf den berüchtigten Sterilisationsexperimenten des Dr. Glauburg unterworfen, kahlgeschoren, entehrend entkleidet und auf dem Operationstisch festgeschnallt. Ohne Betäubung wurde ihr eine stark ätzende Flüssigkeit in die Geschlechtsteile gespritzt. Tagelang hatte sie starke Krämpfe im Unterleib und hohes Fieber….nach 6 Monaten wurde die gleiche Prozedur unter Aufsicht von Dr. Glauburg wiederholt“.

Bei der Auflösung des Lagers im Januar 1945 musste sie mit anderen Frauen, nur unzureichend bekleidet und mit kleinen Brotrationen versehen, in einem 3-tägigen Schneesturm nach Gross Rosen marschieren. Von dort wurden sie in offenen Viehwaggons nach Bergen-Belsen gebracht; sie erkrankte an Flecktyphus. Bei der Befreiung des Lagers sei sie zum Skelett abgemagert und mit Hungerödemen versehen gewesen. Ferner litt sie an Herzmuskelschwäche und hatte nur sehr schwach und unregelmäßig ihre Periode.

Nach der Befreiung war Herta de Saegher einige Zeit in einem DP-Lager der amerikanischen Zone; im Januar 1947 ging sie nach Brüssel zurück. Im März 1950 verließ sie mit ihrem 18 Jahre älteren jüdischen Verlobten Belgien. In den USA heirateten sie 1952; sie hieß jetzt Rokach. Ihr Mann hatte im Untergrund in Belgien überlebt, seine Frau und sein Sohn waren im KZ ums Leben gekommen. Der Wunsch des Paares war es, eine Familie zu gründen. Herta Rokach wollte so sehr ein Kind und ging zu vielen Gynäkologen. Sie hoffte immer wieder „auf ein Wunder“, dass die Sterilisation rückgängig gemacht werden könnte. Die in Auschwitz entstandenen körperlichen Verletzungen ließen das nicht zu.

Herta Rokach 1989: „Es ist sehr spät, dass Sie über diese Sachen berichten wollen und es tut sehr weh, alle Erinnerungen, die nicht die besten sind, aufzufrischen…Auch ich war über zwei Jahre in Auschwitz, wo meine Eltern vergast wurden.“

Personen
Amalie Neumann, geb. Frenkel
Geburtsdatum:7.3.1888
Deportation:1939 Flucht Belgien, Mechelen (Malines) 12.9.1942 Auschwitz
Todesdatum:unbekannt
Wolf Neumann
Geburtsdatum:13.9.1887
Deportation:1939 Flucht Belgien, Mechelen (Malines) 12.9.1942 Cosel (Kozle)
Todesdatum:unbekannt
Herta Rokach, geb. Neumann
Geburtsdatum:1920
Deportation:1939 Flucht Belgien, Mechelen (Malines) 1943 Auschwitz, Bergel-Belsen
Todesdatum:befreit, überlebt
Stolperstein Königsteiner Straße 38 Amilie Neumann © Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main
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Stolperstein Königsteiner Straße 38 Wolf Neumann © Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main
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Stolperstein Königssteiner Straße 38 Herta Rokach © Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main
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