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Hartogsohn, Carl und Hedwig

Carl Hartogsohn wurde als sechstes von sieben Kindern der Eheleute Isaak und Rosa Hartogsohn, geb. Polack, in Emden geboren. Isaak Hartogsohn war Schächter und hatte eine Metzgerei. Auch seine Frau kam aus einer Metzgerfamilie; sie verstarb bereits 1917. Die Kinder besuchten die jüdische Volksschule. Mit 14 Jahren begann Carl Hartogsohn eine Lehre als Klempner und Installateur in Emden, die er 1923 mit dem Gesellenbrief abschloss.

Später ließ er sich als Kantor, Religionslehrer und Schächter ausbilden. Von 1930 bis 1933 war er in dieser Funktion in Hadamar. Der Kultusvorsteher Hermann Honi schreibt am 5. September 1933 in sein Zeugnis: „Die veränderten Verhältnisse veranlassen Herrn Hartogsohn zur Aufgabe seiner hiesigen Stellung.“
Danach wirkte er bis 1936 im Bezirk Groß Gerau mit dreißig umliegenden Gemeinden. „Infolge der großen Abwanderung innerhalb unserer Gemeinde hat Herr Hartogsohn die Kündigung ausgesprochen, um seiner Berufung nach der Gemeinde Frankfurt a.M.-Höchst zu folgen.“, schrieb Julius Kahn, der 1. Vorstand der dortigen Religionsgemeinde. Julius Kahn lobte, wie gut Carl Hartogsohn es verstanden hätte, „reges jüdisches Leben in der Gemeinde und darüber hinaus neu erstehen zu lassen“. Auch seine „geschulte Baritonstimme“ und die Gründung eines Synagogenchors hob er in seinem Zeugnis vom 10. November 1938 hervor. Der Rabbiner Dr. Merzbach schrieb: „Er hat es in bewundernswerter Weise verstanden positives jüdisches Leben unter schwersten Verhältnissen neu erstehen zu lassen und zu fördern…“.
So kam Carl Hartogsohn über Groß-Gerau nach Höchst und zog in die Hostatostr. 3. Die polizeiliche Anmeldung erfolgte am 15.9.1936. Hier war er Untermieter von Emil und Helene Baum, deren Kinder Siegfried und Gertrude kurz zuvor nach Palästina emigriert waren. Carl Hartogsohn übernahm die Kantorenstelle von Kallmann Levi, der in den Ruhestand gegangen war.

Hedwig, genannt Hede, Rüb kam aus Guntersblum. Sie war die Tochter von David und Bertha Rüb, geb. Dornberger. David Rüb war Kaufmann, Immobilienhändler und Nebenerwerbswinzer sowie Vorsteher der Jüdischen Gemeinde in Guntersblum. Hede besuchte eine höhere Schule in Worms.

Karte zur Hochzeit
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Während die Höchster Synagoge brannte und die letzten Geschäfte demoliert und geplündert wurden, waren die Hartogsohns noch in Höchst. Der Verhaftung im Rahmen der „Judenaktion“ konnte Carl Hartogsohn nur dadurch entkommen, dass er ins Krankenhaus gekommen war. Seine Schwester Bertha, bei der er zu Besuch war, hatte ihm, wie späteren Briefen zu entnehmen war, einen so starken Kaffee gekocht, dass er Herzbeschwerden bekam und ins Krankenhaus eingewiesen wurde. Sein Bruder Hartog wurde verhaftet und kam nach Buchenwald, konnte aber dann noch über England in die USA fliehen. Die Briefe der Schwiegereltern und die von Hede an den bereits emigrierten Sohn und Bruder Emil in den USA steckten voller Verklausulierungen. So schrieben sie, dass der Bruder Hartog Hartogsohn „ von der Reise zurück“ sei, (d.h. aus Buchenwald).

Den Schwiegereltern war in Guntersblum am 9./10. November die Wohnung zerstört worden, deshalb flohen sie nach Höchst zu Tochter und Schwiegersohn. In den Briefen klingt das so: „Carl kann seine Funktion nicht mehr ausüben, da sein Büro nicht mehr besteht… Fernsprecher und Radio haben wir bereits aufgegeben; für die Fernsprechapparate haben wir noch die Reparaturkosten zu bezahlen.“ Und zur Wohnung in Guntersblum „“Die Möbel sind geändert, ganz modern, niedrig. Die Glasscheiben lassen wir weg. Da kein Licht und keine Feuerung ist, war ich froh wieder hier zu sein (in Höchst). Die Apparate sind in kleine Stücke zusammengelegt. Nicht schön. Die Witterung ist durchaus nicht gut dafür gewesen.“

Am 11. Dezember schrieb die Schwiegermutter an den Sohn in den USA, dass den Hartogsohns die Wohnung in Höchst gekündigt worden wäre. Am 27.12.1938 zogen sie mit den Eltern Rüb in die Frankfurter Innenstadt, Seilerstraße 9. Im Frankfurter Adressbuch von 1940 waren Carl Hartogsohn und sein Schwiegervater David Rüb in der Wohnung im Erdgeschoß gemeldet. Im Haus lebten zwei weitere jüdische Familien, aber auch Nichtjuden.

Der Zerstörung der Synagoge folgte die Auflösung der Höchster Gemeinde. Der letzte Vorsteher der Israelitischen Kultusgemeinde in Höchst, Berthold Ettinghausen schrieb im Zeugnis für Carl Hartogsohn vom 15.1.1939: „Er hat während der Zeit stets einen gleichmäßig schönen Gottesdienst gehalten u. dadurch dazu beigetragen das Gemeindeleben zu fördern. Er war bemüht, durch einen Kinder & Männerchor, die er in’s Leben rief, das Interesse zum Synagogenbesuch zu heben, was ihm auch gelang. Speziell der Jugend war er ein guter Lehrer u. bemühte sich dieselben zu jüdischen Menschen zu erziehen. Durch den Verfall der Gemeinde musste die Stelle aufgehoben werden“.

Den meisten der jüdischen Höchster, die ihn noch erlebt haben, gelang es nicht mehr zu emigrieren. Irmgard Marx, die 1938 als 15-jährige emigrierte, schrieb 1993: „…ich bin bei ihm im Kinderchor gewesen, den er geleitet hat. Mein Vater war im Männerchor, der auch von ihm gegründet und unter seiner Leitung war. Herr Hartogsohn hatte eine gute Stimme, sehr tief, und wir hatten einige kleine Vorführungen mit Vorträgen, Solos von Herrn Hartogsohn und Chorgesang, in denen Mitglieder der Gemeinde und wir Kinder teilnahmen. Die Aufführungen waren alle unter seiner Leitung und machten uns Spaß, und waren für viele Gemeindemitglieder die einzige Ablenkung und Erheiterung, die sie hatten, denn Juden konnten ja nicht mehr ins Kino oder Theater gehen zu dieser Zeit….Herr Hartogsohn hat wirklich viel geleistet, aber er war ein sehr strenger Lehrer, und manche Kinder waren beängstigt. Seine Frau Hede war sehr nett und wir Kinder hatten sie gern. Es ist traurig, dass sie beide und so viele andere nicht fliehen konnten. “

Die geplante Emigration in die USA, für die die Hartogsohns ein Visum mit Gültigkeit bis zum 21. September 1940 sowie eine Bürgschaft hatten, scheiterte. Die Korrespondenz mit seinem Schwager Emil Rüb in den USA lässt vermuten, dass die erforderlichen Gelder für die Passage nicht rechtzeitig eintrafen. Oft war, bis das Geld zusammenkam, das Visum abgelaufen oder es hatten sich die Vorschriften geändert.

Die Briefe, die Hede und Carl Hartogsohn ab März 1940 an den Bruder bzw. Schwager in die USA schrieben, sind verzweifelte Hilferufe. Diese Briefe sind Dena Rüb Romero, der Tochter von Emil Rüb, zu verdanken. Ihnen kann man entnehmen, dass es unterschiedliche Auffassungen über die mehr oder weniger gelebte Orthodoxie gab. Carl Hartogsohn hat das orthodoxe Judentum gelebt und vertreten. Die Tätigkeit, die er in Wiesbaden ausübte, entsprach in dieser Beziehung nicht seinen Vorstellungen, aber er war froh, überhaupt eine Arbeit zu haben. „Meinen Standpunkt, nur eine orthodoxe Gemeinde zu akzeptieren, hat sich erklärlicherweise sehr geändert…außerdem weiß ich, dass man drüben nicht zu wählen hat….Jedenfalls nehme ich jede Stellung an“, schreibt er an seinen Schwager. Er war auch bereit, wieder in seinem erlernten Beruf als Klempner zu arbeiten und schrieb im Januar 1939: „Schreibe mir bitte im nächsten Brief, wie der Spengler und Installateur dort tituliert wird. Was verdient ein solcher Geselle in der Woche?“

Er bat seinen Schwager in den USA, bereits Kontakte zu knüpfen, um eine Stelle für ihn zu finden. Er betonte die weitere Ausbildung seiner Stimme, erwähnte Konzerte und schrieb, dass er auch bereit wäre, mit Orgelbegleitung zu singen. Hede schrieb ihrem Bruder bereits im November 1938: „Du könntest Dich mit ruhigem Gewissen verbürgen, dass wir - wenn es nicht anders geht - Schabbes arbeiten werden. Das ist doch natürlich, dass wir niemand zur Last fallen. Wir fürchten uns vor keiner Arbeit.“

Diese Briefe von Carl und Hede waren noch geprägt von der Sicherheit, dass die Emigration gelingt. Sie wussten inzwischen, dass es keine Möglichkeit mehr gab, über Lissabon zu reisen und sie den Weg über Russland und Japan antreten müssten, aber das schreckte sie weniger. Die Bitten wurden später immer dringlicher, denn die Zeit lief ihnen davon. Sie waren auch von anderen Familienmitgliedern enttäuscht, die Versprechungen gemacht hatten und sich nun nicht mehr meldeten. Eines war für die beiden sicher: „Wir wollen zusammen fahren, getrennt wollen wir nicht sein, dann lieber hierbleiben.“ Über die Situation im Januar1940 in Frankfurt schrieb ein Bekannter aus Guntersblum, Ludwig Liebmann, an Emil Rüb, nachdem ihm und seiner Familie die Emigration geglückt war, dass es den Eltern „gesundheitlich soweit ordentlich“ ginge, aber die Versorgungslage „ziemlich mies aussieht“. Er berichtete von den Schikanen der geringen Lebensmittelzuteilung und den Geschäften, die in einem besonderen Raum nur zu sehr begrenzten Zeiten etwas an Juden verkaufen. „In Frankfurt leben vielleicht noch 15000 Juden, und es sind für diese vielleicht 10 oder 12 Lebensmittelgeschäfte zugeteilt“. Er beschrieb das stundenlange Anstehen für das Wenige, was sie bekommen. Kleidungsstücke, Schuhe, Strümpfe sind „für Juden ganz gesperrt“.
Auch die Eltern von Hede Hartogsohn und fünf Schwestern von Carl Hartogsohn aus Frankfurt wurden ins Ghetto Minsk deportiert und umgebracht.

Personen
Hedwig Hartogsohn, geb. Rüb
Geburtsdatum:15.11.1911
Deportation:11.11.1941 Minsk
Todesdatum:unbekannt
Carl Hartogsohn
Geburtsdatum:27.7.1905
Deportation:11.11.1941 Minsk
Todesdatum:unbekannt
Stolperstein Heimchenweg 47 Carl Hartogsohn © Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main
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Stolperstein Heimchenweg 47 Hedwig Hoartogsohn © Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main
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