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Mannheimer, Recha und Kahn, Irene

Recha Mannheimer, geboren in Rieneck, hatte bis 1918 in Frankfurt-Heddernheim das Haushalts- und Wäschewarenhaus Nawratzki & Co. Geführt. Bereits verwitwet übernahm sie dann in Oberursel in der Unteren Hainstraße 22 ein Haushaltswarengeschäft. Mit nach Oberursel zogen auch ihr Bruder Josef Kahn, dessen Frau Betty und deren Kinder Leonie, Irene und Helga. Josef Kahn war Religionslehrer und Prediger in Paris, er starb 1920, seine Frau starb 1929. Recha Mannheimer übernahm die Vormundschaft für ihre Nichten, die in Oberursel aufwuchsen.

Nach dem Aprilboykott 1933 verschärfte sich das Klima für die jüdische Geschäftsinhaberin, die 1935 das Geschäft verkaufte und mit ihrer Schwester Rosalie in die Scheffelstraße 22 in Frankfurt zog . Irene Kahn besuchte das Philanthropin in Frankfurt und studierte dann Geschichte und Germanistik an den Universitäten in Frankfurt, Berlin, Basel und Paris. 1938 schloss sie das Studium und promovierte mit Eins. Immer wieder kehrte sie nach ihren Auslandsaufenthalten zu ihren beiden Tanten in Oberursel und dann in Frankfurt zurück, wo sie als Lehrerin am Philanthropin tätig war.

Im Sommer 1939 bemühte sich Irene Kahn um die Auswanderung. Während ihrer Schwester Helga die Flucht nach England gelang, konnte sie Deutschland nicht mehr verlassen. Am 2. Juni 1939 wurde sie wegen Kontakten zur Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) vorläufig festgenommen. Sechs Wochen später, am 19. August 1939, erließ das Amtsgericht Karlsruhe einen Haftbefehl wegen „fortgesetzten Verbrechens der Vorbereitung zum Hochverrat.“ Belegt ist, dass sich Irene Kahn ab dem 27. August 1940 zur Untersuchungshaft im Zuchthaus Ludwigsburg befand. Vermutlich wegen ihrer jüdischen Herkunft wurde in dem Verzeichnis der Untersuchungsgefangenen der Hinweis vermerkt: „Von anderen Gefangenen streng getrennt zu halten“. Außerdem liegt das Urteil des Oberlandesgerichtes Stuttgart vor, wonach Irene Kahn am 6. November 1940 wegen „Beihilfe zu einem Verbrechen der Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens“ zu einem Jahr Haft verurteilt worden war. Mit ihr wurden zwei weitere Angeklagte, das Ehepaar Weckerlein aus Frankfurt, verurteilt.

Laut Urteil hatte Irene Kahn während ihres Studiums in Basel Kontakte mit sozialistischen Studentengruppen. Sie sei überzeugte Zionistin gewesen und habe deshalb ursprünglich eine Emigration nach Palästina geplant. „Da sie aber dort nur landwirtschaftliche Betätigungsmöglichkeiten hätte, kam sie hiervon ab und will jetzt nach Amerika auswandern.“ Sie soll mitgewirkt haben, Angehörige von Emigranten mit Geldern aus Basel finanziell zu unterstützen und zur - teilweise illegalen - Flucht zu verhelfen. Ihre Studienorte Paris, Basel und Berlin, wichtige Auslandsstellen sowie die zentrale Stelle für die SAP-Arbeit in Deutschland, legen nahe, dass sie möglicherweise eine wichtige Rolle in der SAP spielte.

Die Gefängnisstrafe wurde als verbüßt erklärt, da die Untersuchungshaft mehr als drei Monate länger als das vorgesehene Strafmaß gedauert hatte. Der Haftbefehl gegen Irene Kahn wurde daraufhin durch Beschluss vom November 1940 aufgehoben. Möglicherweise wurde sie jedoch freigelassen und erneut verhaftet oder direkt nach Ravensbrück „verbracht“. Fest steht, dass Irene Kahn spätestens seit 1941 im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück inhaftiert und mit der Häftlingsnummer 5374 geführt wurde.

Personen
Recha Mannheimer, geb. Kahn
Geburtsdatum:27.8.1867
Deportation:18.8.1942 nach Theresienstadt und 26.09.1942 nach Treblinka
Todesdatum:unbekannt
Irene Kahn
Geburtsdatum:21.9.1910
Deportation:1941 Haft in Ravensbrück
Todesdatum:24.3.1942

Quelle

Angelika Rieber, Wir bleiben hier! Lebenswege Oberurseler Familien jüdischer Herkunft, Frankfurt a.M. 2004; Studienkreis Deutscher Widerstand. Informationen 58, November 2003.