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Odenbach, Georg und Mina

Georg Odenbach wurde in Ludwigshafen geboren. Im Alter von 16 Jahren hatte er beide Eltern verloren: Sein Vater, Franz Odenbach, ein Maurer und Kaminbauer, starb 1909 im Alter von 45 Jahren bei einem Arbeitsunfall. Seine Mutter, Katharina geb. Seelinger, starb 1914 mit 39 Jahren an Magenkrebs. Die Familie hatte sieben Kinder.

Am 29.1.1927 heiratete Georg Odenbach beim Standesamt Höchst die gleichaltrige Mina Mester. Sie stammte aus Litauen und war Jüdin. Am 8.3.1927 fand mit dem liberalen Frankfurter Gemeinderabbiner Salzberger eine „religiöse Trauung" statt. Zwei Monate später, am 8.5.1927, wurde der Sohn Albert geboren. Georg Odenbach trat 1926 zum Judentum über. Laut Melderegister trat er 1941 aus der jüdischen Kultusvereinigung aus.

Ab 1932 lebten die Odenbachs in der Kasinostraße 27. Georg Odenbach war als Bauarbeiter bei verschiedenen Bauunternehmen beschäftigt. Am 29.10.1938 wurde er von der Fa. Eugen Hoffmann in Bad-Soden/Frankfurt-Höchst entlassen, weil er Jude und mit einer Jüdin verheiratet war. Am 11.11.1938 wurde er im Rahmen der „Kristallnacht" verhaftet und in das KZ Buchenwald eingeliefert, wo er als „Aktionsjude" registriert war. Nach seiner Entlassung Ende November wurde er „unter Polizeiaufsicht gestellt".

1939 wollten die Odenbachs Deutschland verlassen und beantragten beim Höchster Finanzamt eine „Unbedenklichkeitsbescheinigung", um emigrieren zu können. Dieser Antrag wurde vom Finanzamt an die Gestapo weitergeleitet. In diesem Schreiben steht, dass sie nach New York auswandern wollten. Woran die Auswanderung scheiterte, ist nicht bekannt.

Am 15.1.1942 wurden er und seine Frau Mina verhaftet. Er verbrachte vier Monate in Untersuchungshaft. Am 17.8.1942 wurde er von einem Sondergericht in Frankfurt zu vier Monaten Gefängnis verurteilt. In der Anklageschrift vom 11.7.1942 heißt es: „Angeklagt zu Frankfurt. a.M. im November 1941 böswillige, gehässige, hetzerische und von niedriger Gesinnung zeugende Äußerungen über die Anordnungen leitender Persönlichkeiten des Staates und die von ihnen geschaf¬fenen Einrichtungen gemacht zu haben ...". Die Äußerungen seien in der Höchster Gastwirtschaft „Zur Dorfschänke", einem ehemaligen SPD-Lokal, gefallen. Weiter heißt es: „In der Gastwirtschaft ,Zur Dorfschänke' verkehrte auch der jetzt 43 Jahre alte Angeschuldigte Odenbach. Odenbach sympathisierte vor der Machtübernahme mit der SPD und der KPD und lehnte nach seiner eigenen Einlassung den heutigen Staat ab". Obwohl Georg Odenbach seine Strafe bereits verbüßt hatte, wurde er in das Gefängnis Preungesheim gebracht. Im November 1942 kam er in das KZ Sachsenhausen.

Mina Odenbach kam ins Polizeigefängnis. Ihr wurde vorgeworfen, den „Judenstern" nicht getragen zu haben und in der Gastwirtschaft „Zur Dorfschänke" in Frankfurt-Höchst, die als „Treffpunkt ehemaliger Marxisten und Kommunisten" galt, als Aushilfe gear¬beitet zu haben. Ein Gestapo-Spitzel hatte die beiden angezeigt. Am 21.3. 1942 wird Mina Odenbach nach Ravensbrück deportiert.

Pauline Lubowitzky, die mit ihr in Ravensbrück war, erklärte 1947 als Zeugin: „Im Jahre 1942 kam Frau Mina Odenbach geb. Mester aus Frankfurt-Höchst auch in dieses Lager. Ich kannte diese Frau schon vor meiner Haftzeit, als ich noch in Frankfurt-Höchst wohnte. Frau Mina Odenbach war Jüdin. Im Sommer 1942 näherte Frau Mina Odenbach sich mir und sagte, dass sie in einigen Tagen zusammen mit anderen Juden in einem Sammeltransport zum Konzentrationslager Auschwitz gebracht werden würde. Weinend entfernte sie sich und seit dieser Zeit habe ich sie im Lager Ravensbrück nicht mehr gesehen."

Von dem Tod seiner Frau erfuhr Georg Odenbach am 19.10.1942 im Gefängnis. Sein Sohn Albert war im Januar 1942 in das Internat der Jüdischen Anlernwerkstatt in Frankfurt, Fischerfeldstraße 13 gezogen. Im Juni 1942 befand er sich in der Strafanstalt Preun-gesheim. Von dort kam er zuerst in das KZ Dachau, am 20.9.1942 in das KZ Buchenwald.

Schon am 5.9.1942 hatte die Stadt Frankfurt an Odenbach ins Untersuchungsgefängnis geschrieben, dass seine Wohnung in der Kasinostraße 27 nicht genutzt werde und deswegen obdachlose Familien dort untergebracht werden sollen. Seine Schwester Marie und der Schwager Johann Glapa hatten noch für die Monate Juni bis September 1942 die Miete für diese Wohnung bezahlt. Danach wurde sie offenbar geräumt.

Vom KZ Sachsenhausen kam Georg Odenbach vom 30.10.1944 bis 2.11.1944 zum zweiten Mal in das KZ Buchenwald. Dort traf er seinen Sohn Albert wieder.
Die Schwester Marie und der Schwager Johann Glapa überwiesen 1943 und 1944 mehrmals Geld an Georg Odenbach nach Sachsenhausen und Buchenwald. Erhalten geblieben ist ein Antwortbrief, den Georg Odenbach vom 4.3.1945: „Liebe Schwester und Schwager! Kann euch schreiben, daß ich immer noch auf Antwort von euch warte. Kann mir nicht erklären, was bei euch ist. Schreibt mir doch bald, ob bei euch etwas passiert ist. Mir und Albert geht es noch ganz gut was ich auch von euch hoffen will. Was macht Walter, Heinz und Herbert. Hast du von Joseph noch etwas gehört oder nicht. Was macht Johann und Frau Alt. Gebt mir bitte bald Antwort. Hast du meinen letzten Brief erhalten. Sonst ist alles beim alten. Seid alle recht herzlich gegrüßt von deinem Bruder Georg und Albert."

Georg Odenbach und sein Sohn Albert wurden am 12.5.1945 durch die US-Armee befreit. Im Mai 1945 kehrte er nach Höchst zurück. Vom Oktober 1945 bis Mai 1946 arbeitete er als Heizer bei der amerikanischen Besatzungsmacht. 1947 bis 1950 wohnte er in der Luciusstraße 10. Sohn Albert wanderte 1949 in die USA aus. Bis 1955 lebte Georg Odenbach in Nied, von 1961 bis zu seinem Tod in der Bologarostraße 168. Er starb am 17.4.1962 im Höchster Krankenhaus.

Eingaben, Anträge, ärztliche Untersuchungen über Jahre hinweg bestimmten sein Leben. 1951 musste ein amtsärztliches Gutachten vorgelegt werden zur Weiterzahlung der Rente. Die Untersuchung stellte Unterernährung, Depressionen, einen totalen Zahn¬verlust fest. In anderen Untersuchungsberichten heißt es, ein Teil seiner Beschwerden seien anläge- bzw. altersbedingt. Immer wieder geht es um die haftbedingte Erwerbsminderung. Sie wurde 1952 auf 30% festgelegt. Danach entstand ein Gutachterstreit, zu welcher Zeit diese Erwerbsminderung eingetreten sei. Odenbach wurde gewogen, gemessen, bewertet. In dem Gutachten aus dem Jahr 1952 ist zu lesen, dass er 160 cm groß ist und gerade einmal 50 kg wiegt, ein Jahr später wiegt er nur noch 48 kg und wird als „schwächlicher Mann" beschrieben mit einer Erwerbsminderung von 80 %, der haftbedingte Anteil läge bei 60%. Bei einer Untersuchung im Jahre 1954 wog Odenbach nur noch 45 kg.

1956 bekam Odenbach eine Entschädigung von 4.950.- DM („Schaden im beruflichen Fortkommen"). 1958 klagte Odenbach gegen eine Rentenkürzung. Es ging dabei immer wieder um die Frage der Minderung der Erwerbstätigkeit: 60% oder 30%. In einem ärztlichen Gutachten über seinen Gesundheitszustand musste er sich im Januar 1958 schriftlich geben lassen: „Ein Haftzusammenhang ist unsererseits nicht anzunehmen". In einem anderen Gutachten schreibt ein Dr. Nolte: „Auf Nachuntersuchungen wird verzichtet, da der jetzige Zustand als ein dauernder anzusehen ist und weitere Verschlimmerungen des Körperschadens nun nach allgemein gültiger ärztlicher Erfahrung nicht mehr zu Lasten der Verfolgung, sondern als rein alters-und aufbrauchsbedingt anzusehen ist." Im Rechtstreit mit dem Land Hessen kam es 1959 zu einem Vergleich.
Odenbach erhielt eine Rentennachzahlung. Doch die Auseinandersetzungen mit den Entschädigungsbehörden gingen auch nach dem Tod weiter. Der in den USA lebende Sohn Albert klagte und setzte mit Hilfe der URO durch, dass auch ihm Entschädigungen gezahlt werden. Er starb 1967, wenige Jahre nach seinem Vater.

Personen
Mina Odenbach, geb. Mester
Geburtsdatum:25.12.1898
Deportation:21.03.1942 nach Ravensbrück und nach Auschwitz
Todesdatum:12.10.1942
Georg Odenbach
Geburtsdatum:14.12.1898
Deportation:verhaftet 1942 Buchenwald/Sachsenhausen (befreit)
Todesdatum:17.04.1962
Stolperstein Kasinostraße 27 Georg Odenbach © Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main
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Stolperstein Kasinostraße 27 Mina Odenbach © Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main
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