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26.06.2012

Eine Liebeserklärung an die kleine Großstadt am Main

Buchautor Michel Bergmann © Anke Apelt
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Michel Bergmann schreibt eine Trilogie voller Witz und Wehmut

In seinen Büchern verdichten sich Biographisches, Anekdotisches und Zeitgeschichtliches. Mit den „Teilachern“, jenen jüdischen Handlungsreisenden, die nach dem Krieg täglich ins Frankfurter Umland aufbrachen, hat Michel Bergmann seine Frankfurt-Trilogie eröffnet. Nach „Machloikes“ schreibt der 67-Jährige nun am dritten Band.

Frankfurt am Main (pia) Auch wenn er in Los Angeles weilt, muss er wissen, wie die Eintracht gespielt hat. Michel Bergmann ist Frankfurt, der Stadt, in der er seine Kindheit und Jugend verbrachte, bis heute eng verbunden. Und so lesen sich die beiden Romane, die von seiner geplanten Trilogie bislang erschienen sind, wie eine Liebeserklärung an die kleine Großstadt am Main, auch wenn er sie in ihrer Stunde Null, als sie aus Ruinen gerade mühsam wieder aufzustehen versucht, beschreibt.

Die Geschichte vom Erfolg und Niedergang der Teilacher

Mehr noch aber hat er mit seinen Büchern jenen Menschen, die aus der Hölle kamen, die nichts besaßen, die alles, ihre Angehörigen, ihr Zuhause, ihren Glauben verloren hatten und die sich dennoch niemals unterkriegen ließen, „ein liebenswertes Denkmal gesetzt“, wie Salomon Korn, Sprecher des Vorstands der Jüdischen Gemeinde Frankfurt und Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, in einem Dankesbrief an den langjährigen Freund schrieb. Denn Bergmann erzählt die Geschichte vom Erfolg und Niedergang der „Teilacher“ (so auch der Titel des ersten Bandes), jenen jüdischen Handlungsreisenden, die in der frühen Nachkriegszeit täglich ins Frankfurter Umland aufbrachen und in Oberursel, Niederdorfelden oder Schmitten an vielen Haustüren klingelten, um ihre Aussteuerpakete mit edlen Damasttischdecken, feiner Bettwäsche und dicken Frottee-Handtüchern feilzubieten. Meist kehrten sie mit leeren Kofferräumen und vollgeschriebenen Quittungsblöcken in ihre Zentrale auf einem Frankfurter Hinterhof zurück, und das in einer Zeit, als noch niemand von Marketing, PR oder Verkaufspsychologie sprach. Aber diese Teilacher sind geniale Verkaufsstrategen, wenn es darum geht, neue Kunden zu „keilen“. Bis der Neckermannkatalog flächendeckend in den bundesdeutschen Briefkästen landet.

Den kostbaren Schatz an Erinnerungen teilen

Bergmann selbst war noch Kind in jenen Tagen, als sich die Teilacher nach ihren anstrengenden Verkaufstouren tagtäglich im Kaffeehaus versammelten, um zu „schmusen“, also um zu plaudern, zu lästern und sich gegenseitig Witze zu erzählen. Er hat wohl oft dabeigesessen und zugehört, so wie Alfred Kleefeld, sein Alter Ego im Roman, der uneheliche Sohn des ungekrönten König unter den Händlern, der „Luftmensch“ David Bermann, in dem der Autor seinen eigenen Onkel David Bergmann auf unvergleichliche Weise porträtiert hat. „Ich musste wohl selbst schon die ersten Anzeichen des Älterwerdens spüren“, meint der heute 67-Jährige, bis er erkannt habe, dass er diesen kostbaren Schatz an Erinnerungen nicht nur bewahren, sondern auch mit anderen teilen sollte. So fasste er diesen Stoff Jahrzehnte lang nicht an. Dann aber war es „wie bei einer Explosion“. Er schrieb und schrieb und ist mittlerweile auch beim dritten Band bereits auf Seite 100 angekommen. Biographisches, Anekdotisches und Zeitgeschichtliches verdichten sich in Bergmanns Büchern zu einem unauflösbaren Amalgam, gleichzeitig hat er im Erzählen zu einem knappen und völlig unsentimentalen Stil gefunden, in dem so viel Witz und Wehmut stecken, dass man mitunter gleich-zeitig lachen und weinen will.

Die Eltern betrieben ein Wäschegeschäft in Frankfurt

Michel Bergmann selbst wurde 1945 in einem Internierungslager in der Schweiz geboren. Seine Eltern hatten sich Jahre zuvor im Pariser Exil kennengelernt, dann aber in den Wirren von Krieg und Verfolgung für einige Zeit aus den Augen verloren. Nach seiner Geburt kehrt die Familie zunächst nach Paris zurück. Doch dann gelingt es dem Vater, die Mutter, die nie wieder deutschen Boden betreten wollte, dazu zu überreden, nach Frankfurt zu gehen, wo er und seine Brüder bis 1933 auf der Goethestraße ein vornehmes Wäschegeschäft en gros betrieben hatten. „Gebrüder Bergmann“ wird neu eröffnet, aber nach dem frühen Tod des Vaters führen die Mutter und jener Onkel David den Betrieb alleine weiter und bald erfolgreich in den Ruin. Noch heute, so erzählt der Autor, bringen ältere Leute zu seinen Lesungen in Frankfurt Kopfkissen oder Handtücher mit, die sie einst bei Bergmann gekauft hatten.

Vom Film zum Schreiben

Der junge Michel macht indes nicht in Wäsche, sondern volontiert bei der „Frankfurter Rundschau“. Als er eine Reportage über Filmdreharbeiten schreiben soll, weiß er: Das ist es, was er machen möchte. „Ich war Requisiteur, ich war Kabelhelfer, 1. und 2. Aufnahmeleiter, Kamera-Assistent und sieben Jahre lang Regie-Assistent. Ich habe mit Fred Zinnemann und Rainer Werner Fassbinder zusammengearbeitet, und ich habe mit meiner eigenen Firma 18 Filme produziert“, fasst er im Schnelldurchlauf seine Karriere zusammen. Dann aber waren „die Nerven unten“, und er besann sich auf seine Kernkompetenz: das Schreiben, vorrangig von Drehbüchern, die er oft und gerne gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Anke Apelt verfasst. „Hallo, Onkel Doc!“ und „Hagedorns Tochter“, zum Beispiel, wurden zu großen Publikumserfolgen. Die meiste Zeit des Jahres lebt Bergmann in Südfrankreich, doch werden er und Anke Apelt demnächst an die Spree ziehen.

Arbeit am letzten Teil der Trilogie

Soeben hat Michel Bergmann die zweite Fassung des Drehbuchs zu den „Teilachern“ fertiggestellt, denn Regisseur Sam Garbarski („Der Tango der Rashevskis“) will den Roman im nächsten Jahr verfilmen. Und nach der Fortsetzung „Machloikes“ (was so viel wie Streit und Zwist heißt), in der von Alfreds Adoleszenz, von Frankfurts Wirtschaftswunder, von früher Liebe und von Feriencamps mit zionistischem Drill erzählt wird, schreibt Bergmann nun am letzten Teil der Trilogie, in dem er denselben Alfred und seinen großen Bruder Moritz in einer Alters-WG im Frankfurter Westend zusammenwohnen lässt. Mit einer jungen Frau aus Palästina als Haushälterin. Die alten Herren zittern jeden Abend vor der Tagesschau, welche neuen Meldungen aus dem Gelobten Land den häuslichen Frieden wieder erschüttern könnten. Aber wir Leser warten gespannt darauf: Vielleicht wird ja in dieser Gründerzeitvilla in der Lindenstraße der Nahostkonflikt schon einmal im Kleinen friedlich gelöst.

Barbara Goldberg