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28.03.2012

'Es ist im Grunde ein Buch über meine Familie'

Frankfurt liest ein Buch 2013, © Frankfurt liest ein Buch e.V.
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Frankfurt liest „Straßen von gestern“ von Silvia Tennenbaum

„Frankfurt liest ein Buch“: in diesem Jahr „Straßen von gestern“ von Silvia Tennenbaum. Die in Frankfurt aufgewachsene und jetzt in East Hampton auf Long Island lebende Schriftstellerin kommt aus diesem Anlass an den Main. Mehr als 70 Veranstaltungen in der ganzen Stadt erwarten vom 16. bis 19. April die Leser ihres autobiografisch gefärbten Romans.

Frankfurt am Main (pia) Bereits zum dritten Mal lädt der Verein „Frankfurt liest ein Buch“ zu seinem gleichnamigen Literaturprojekt ein. Vom 16. bis 29. April geht es zwei Wochen lang um ein Buch, dessen Protagonisten sich vor Frankfurter Kulisse bewegen. 2010 stand Valentin Sengers Roman „Kaiserhofstraße 12“ im Zentrum, im vergangenen Jahr fiel die Wahl auf Wilhelm Genazinos „Abschaffel“- Trilogie. Dieses Mal dürfen sich Literaturfreunde auf Silvia Tennenbaums 1983 in deutscher Übersetzung bei Schöffling & Co. erschienenen Roman „Straßen von gestern“ freuen. Darin schildert die 84 Jahre alte Autorin über vier Generationen hinweg das Schicksal der Wertheims, einer Frankfurter Bürgersfamilie jüdischen Glaubens.

Die Autorin reist aus Long Island an

Die Macher des Frankfurter Literatur-Events, allen voran der Verleger Klaus Schöffling, der für sein ehrenamtliches Engagement bereits den Bürgerpreis der 1822 Stiftung erhielt, rechnen auch in diesem Jahr mit großer Resonanz, schließlich fanden im vergangenen Jahr 11.000 Literaturfreunde in 54 Veranstaltungen. Dieses Mal dürfte die Zahl noch steigen, gibt es doch mehr als 70 Veranstaltungen, verteilt über die ganze Stadt. Zum Auftakt lockt am 16. April eine von zahlreichen Prominenten der Frankfurter Kulturszene bestrittene Lesung in die Deutsche Nationalbibliothek. Städeldirektor Max Hollein ist dabei, Opern-Intendant Bernd Loebe und die in Frankfurt lebende Autorin Alissa Walser. Zur Abschluss-veranstaltung am 29. April im Haus am Dom wird es eine spannende Begegnung zwischen Silvia Tennenbaum und der Schauspielerin Corinna Harfouch geben. Stadtführungen entdecken Frankfurter Orte und Plätze, die im Roman wie auch im wahren Leben der Autorin eine wichtige Rolle spielen. Gleich zu mehreren Gesprächen wird Silvia Tennenbaum persönlich anwesend sein. Angereist aus East Hampton auf Long Island.

Frankfurter Alltag einer jüdischen Familie

In „Straßen von gestern“ beschreibt Silvia Tennenbaum den Alltag einer Frankfurter jüdischen Familie, der Familie Wertheim, im Kaiserreich, in der Weimarer Republik und ihr Schicksal im Nationalsozialismus. An jenem Ort in Frankfurt, an dem im Roman 1903 Lene Wertheim als jüngster Spross der Familie zur Welt kommt, ragen heute die Doppeltürme der Deutschen Bank in die Höhe. Das Leben im feinen Westend ist eines mit festen Regeln, Grundsätzen und Überzeugungen. Eduard Wertheim ist Bankier, sammelt Kunst und macht sich einen Namen als Mäzen. Seine Ansichten sind mitunter recht unorthodox. Das Weihnachtsfest etwa gerät regelmäßig zum großen Familienfest, was bei der streng religiösen jüdischen Verwandtschaft auf Befremdung stößt. Jacob, der intellektuelle Eigenbrötler und Feingeist der Familie, führt eine Buchhandlung am Römer. Einigen Mitgliedern der Familie gelingt es rechtzeitig, den Nationalsozialisten zu entkommen, wie Lene, die 1938 in Paris ein Ausreisevisum für die USA erhält.

Ein Schlüsselroman

Auch Silvia Tennenbaum konnte sich retten. Sie war acht, als sie mit ihrer Mutter, dem Stiefvater und ihrem Halbbruder zunächst nach Basel ging, zwei Jahre später dann in die USA emigrierte. Sie studierte Kunstgeschichte, wurde Kunstkritikerin, heiratete einen Rabbiner und ließ sich 30 Jahre später von diesem scheiden. 1978 erschien mit „Rachel, the Rabbi´s Wife“ ihr erster Roman. Drei Jahre später „Yesterdays streets“. „Die Straßen von gestern“ ist wie ihr Romanerstling stark biographisch gefärbt. „Es ist im Grund ein Buch über meine Familie, ein Schlüsselroman“, sagt sie. Das Haus ihrer Großeltern mütterlicherseits - der Familie Stern, verwandt mit Anne Frank - stand wie das Haus der Wertheims dort, wo heute die Deutsche Bank-Türme stehen. Und in der Figur des Eduard Wertheim verbirgt sich, so Silvia Tennenbaum, ihr Großonkel, der Musikmäzen Paul Hirsch. Er baute seinerzeit in Frankfurt die größte private Musikbibliothek Deutschlands auf. Silvia Tennenbaum lebte mit ihrer Familie im Trutz. Den Palmengarten hat sie geliebt als Kind, ins Städel hat sie früh schon die Mutter mitgenommen. Und in der Oper erlebte sie „Peterchens Mondfahrt“, das ihr Stiefvater Hans Wilhelm Steinberg, Generalmusikdirektor am Hause, dirigierte.

„Noch nie bin ich so gefeiert worden“

Silvia Tennenbaum steht mit der dritten Auflage der Reihe „Frankfurt liest ein Buch“ eine aufregende Zeit bevor. Erst vor kurzem hielt sie erstmals das umfangreiche Programm in den Händen. „Mir wurde fast schwindelig“, sagt sie mit leichtem amerikanischem Akzent und freut sich: „Noch nie bin ich so gefeiert worden“. Wenn sie an das Frankfurt ihrer Kindheit denkt, sieht Silvia Tennenbaum es in Farbe. Den Opernplatz etwa, damals noch Treffpunkt aller Straßenbahnen. „Jede Linie hatte ihre Farbe. Die ‚5‘ war gelb, die ‚4‘ grün, Linie ‚2‘ war rot.“ Farben gehören zum Leben der Autorin, die noch immer „die meisten Freunde in Frankfurt hat“. Vermutlich hat sie auch deshalb ihre kobaltblaue breite Haarsträhne im silberweißen Pagenkopf, seit Jahren ihr Erkennungszeichen, für ihre Frankfurt-Lesereise auffrischen lassen.

Annette Wollenhaupt