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23.02.2012

Geforscht wird über das tägliche Miteinander

Neues Institut für Migrations- und Integrationsforschung an der Goethe-Universität

Frankfurt ist eine internationale Stadt. Menschen aus mehr als hundert Nationen leben in der Mainmetropole; die Stadt ist für viele Zuwanderer neue Heimat. Das gerade gegründete Institut für empirische Migrations- und Integrationsforschung an der Goethe-Universität erforscht Wege und Gründe für eine erfolgreiche Integration von Zuwanderern.

Frankfurt am Main (pia) Das Ziel, das die Gründer gesteckt haben, ist ehrgeizig: „In fünf Jahren wollen wir wahrgenommen werden als Keimzelle wissenschaftlicher Forschung, aber eben auch als Institut, dass in Politik und Gesellschaft hineinwirkt“, sagt die Professorin Sigrid Roßteutscher, Mitglied des Gründungskuratoriums. In der Gesetzgebung, auf sozialem und gesellschaftlichem Terrain wollen die Wissenschaftler künftig gefragt werden. Der Politikbetrieb soll sie „wahrnehmen, bevor er Prozesse in Gang setzt“, formuliert Roßteutscher ihren Wunsch. Noch steckt das Institut jedoch in den Kinderschuhen. Geforscht wird, sobald ein Gründungsdirektor und Professoren berufen sind. Im Herbst 2012 könnten die Wissenschafter an die Arbeit gehen.

Auch der Deutsche Fußballbund ist unter den Trägern

Getragen wird das künftige Aushängeschild der Migrations- und Integrationsforschung von prominenten Frankfurter Institutionen. Neben der Universität sind dies die Gemeinnützige Hertie-Stiftung und der Deutsche Fußballbund. Hinzu kommen die Bundesagentur für Arbeit und die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung. Jeder deckt Felder ab, auf denen Integration zum Alltag gehört: Arbeit, Forschung, Schule und frühkindliche Bildung, Sport.

Europäischer Ansatz

Die Beteiligten sind überzeugt, dass der fachübergreifende, „innovative Ansatz das Institut in Deutschland einzigartig macht“. Denn das erste ist es nicht – andere Hochschulen im In- und Ausland forschen ebenfalls zu Integration und Migration. Die Frankfurter planen, über den berühmten Tellerrand hinauszugucken. Roßteutscher: „Wir wollen die Thematik nicht allein im deutschen Kontext beleuchten, sondern vergleichend arbeiten und Strukturen und Modelle anderer Länder betrachten.“ Den innovativen und europäischen Ansatz soll die Besetzung der Professuren widerspiegeln; vom Gründungsdirektor, dessen Stelle die stark auf Schule und Bildung ausgerichtete Hertie-Stiftung finanziert, werden zukunftsweisende Visionen erwartet.

Sauber empirisch untersuchen

In der Praxis wird es um das tägliche Miteinander gehen. Wie werden Schulklassen sinnvoll aufgeteilt? Wann und wie ist Deutsch-Unterricht sinnvoll? Schon im Kindergarten oder erst in der Schule? Bringt der Einsatz von Sozialarbeitern im Fußballverein etwas, und wenn ja, wann und wenn nein, warum nicht? Lauter Fragen, zu denen die Wissenschaftler Antworten suchen werden. Die unzähligen Integrationsprojekte landauf landab und quer durch alle gesellschaftlichen Bereiche sollen erstmals auf ihren Effekt hin untersucht werden. „Es ist die Lücke, in die wir stoßen: empirisch sauber untersuchen: Bringt das was, beißt sich ein Projekt mit dem anderen?“ sagt Sigrid Roßteutscher. Dass verlässliche Antworten auf Basis wissenschaftlicher Analyse möglicherweise nicht überall ungeteilten Beifall finden werden, ist der Professorin bewusst.

Die Forscher interessieren sich für kleine Fußballvereine

Der DFB und die Bundesagentur für Arbeit bringen ihre Daten in das Forschungsvorhaben ein. Ein Schatz für die Wissenschaftler, die bisher selten aus solchen großen Beständen schöpfen konnten. Den Fußballbund loben die Institutsgründer als Integrationsmotor, weil zum einen rund zwanzig Prozent der Spieler einen Migrationshintergrund haben und weil zum anderen Menschen verschiedener Nationalität in den Mannschaften aller Ligen spielen. Für manchen Verein, so der DFB, sei Integration der einzige Weg des Weiterbestehens. Das Interesse der Forscher wird vor allem den kleinen Vereinen gelten. „Die Masse der lokalen Sportvereine bildet die Vielfalt der Gesellschaft ab“, sagt Roßteutscher. „Der Fußball hat eine große soziale Mischung, auch bei den Frauen und Mädchen.“ Die Integrationsleistung der Vereine wird das neue Frankfurter Institut begleiten und auswerten. Die Wirksamkeit von Integrationsmaßnahmen ist bisher allenfalls anhand kleiner Stichproben evaluiert. „Wir freuen uns, dass nun die Goethe-Universität ein Institut zur empirischen Erforschung gründet, um verlässliches Datenmaterial als Grundlage für weitere Maßnahmen zur Integrationsförderung liefern zu können“, sagt DFB-Direktor Willi Hink.

Bester Standort für Migrations- und Integrationsforschung

Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung Maria Böhmer hat unter anderem Bildung und Arbeitsmarkt im Blick, wenn sie ihr Engagement als Kuratoriumsvorsitzende des Instituts erläutert. Die Wirtschaft sei „zunehmend darauf angewiesen, alle inländischen Reserven zu erschließen sowie qualifizierte Zuwanderer nach Deutschland zu holen“, meint sie. Und Bildung müsse helfen, Migranten und ihren Kindern die Eingliederung zu ermöglichen – wichtige Beiträge zu diesen Bereichen erwartet Böhmer von den Frankfurter Forschern. Uni-Präsident Werner Müller-Esterl hält die Mainmetropole sowieso für den besten Standort für Migrations- und Integrationsforschung: „Die Themen sind in dieser Stadt positiv besetzt.“ Als Kooperationspartner im Rhein-Main-Gebiet schweben Müller-Esterl das Deutsche Institut für Internationale Pädagogische Forschung, das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung und das LOEWE-Zentrum IDEA vor.

Margarete Lausberg