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31.01.2012

Licht ins Dunkel bringen

Mit RAY startet ein groß angelegtes Projekt für zeitgenössische Fotografie

Von April bis Oktober zeigt RAY Fotografieprojekte herausragende internationale Positionen der zeitgenössischen Fotografie und Videokunst. RAY besteht aus der Hauptausstellung „Making History“ sowie zahlreichen Partnerprojekten in Frankfurt und der Region, die sich damit als bedeutende Standorte der zeitgenössischen Fotografie präsentieren.

Frankfurt am Main (pia) Ein Foto, das ist eine Wirklichkeit und somit auch ein geschichtliches Dokument. Dass das so ist, würden wir gerne glauben, können es aber längst nicht mehr. Ein Blick in soziale Netzwerke reicht, und wir erleben, wie selbst Bekannte oder Freunde Konstrukteure von Wirklichkeit werden, weil wir sehen, wie sie munter Bilder von sich kreieren - quasi als PR-Arbeiter in eigener Sache. Welche Bilder und damit auch Geschichten geschaffen werden, wenn ganze PR-Maschinerien im Hintergrund sitzen, mögen wir uns lieber nicht ausmalen. Vorbei sind die Zeiten, in denen Bilder einfach etwas beglaubigten. Heute, so scheint es, brauchen wir schon wieder eine verlässliche Quelle, die sagt, ja, das habe ich auch so gesehen. Willkommen in der Mediengesellschaft.

Im Fokus steht der Begriff der Zeit

Eine Ausstellung, die den Blick für derlei Inszenierungen schärft und danach fragt, wie Bilder beeinflussen, ist unter dem Titel „Making History“ die Hauptausstellung des in Frankfurt Rhein-Main zu sehenden, groß angelegten Fotografieprojektes für zeitgenössische Fotografie RAY. Für RAY haben sich erstmalig neun Partner zusammengeschlossen: Die Art Collection Deutsche Börse, die Darmstädter Tage der Fotografie, die DZ BANK Kunstsammlung, das Fotografie Forum Frankfurt, der Frankfurter Kunstverein, die Marta Hoepffner-Gesellschaft für Fotografie e.V. im Stadtmuseum Hofheim am Taunus, das MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main, das Städel Museum und die Stiftung Opelvillen, Rüsselsheim folgen der Initiative des Kulturfonds Frankfurt RheinMain. Prof. Herbert Beck, Geschäftsführer des Kulturfonds, begründet die Initiative folgendermaßen: „Wir wollten alle an einen Tisch holen, um den hohen Rang, der der Fotografie in Frankfurt und der Rhein-Main-Region eingeräumt wird, hervorzuheben.“ Im Fokus ist der Begriff der Zeit in der Fotografie. „Be here now“ - Eine Ausstellung über den fotografischen ZeitRaum“ steht dabei ebenso auf dem Programm wie das Festival „Bildspuren – Unruhige Gegenwarten“ oder Vorträge und Workshops zum Thema Zeit in der Fotografie.

Sichtweisen von 40 Künstlern

Schauplätze für die Hauptausstellung „Making History“ sind zwischen dem 20. April und 8. Juli das MMK, MMK Zollamt und der Frankfurter Kunstverein. Die hier zu sehenden rund 40 Künstler, unter ihnen Luc Delahaye, Thomas Demand, Harun Farocki, Omer Fast oder auch Barbara Klemm bieten mit ihren Fotos und manchmal auch Videos Sichtweisen auf historische Ereignisse an. Sie zeigen Ereignisse, reproduzieren Bilder und reflektieren deren Rolle, sie machen subjektiven Blick und Inszenierung sichtbar oder lenken den Blick auf das, was von politischen Akteuren nichts ins Zentrum gerückt werden sollte.

Teil des kulturellen, politischen und geschichtlichen Gedächtnisses

Die Frankfurterin Barbara Klemm gehört zu denen, denen wir zutrauen, was Fotografie im Wortsinn meint: Helligkeit zu schreiben, oder anders gesagt, Licht ins Dunkel zu bringen. „Viele der Fotos von mir, die in der Ausstellung gezeigt werden sollen, kreisen um das Thema der Beziehungen zwischen DDR und Bundesrepublik“, so Klemm. „Die Aufnahmen sind inzwischen Bilder von historischen Ereignissen der Vergangenheit. Manche dieser Ereignisse haben jedoch auch die Zukunft bestimmt und bestimmen sie noch immer. Besonders denke ich dabei an den ersten Besuch eines sowjetischen Generalsekretärs, nämlich Leonid Breschnews bei Bundeskanzler Willy Brandt in Bonn 1973. Es ist dies für mich das entscheidende Bild, das die Ostpolitik Willy Brandts, die schließlich zur deutschen Vereinigung führte, dokumentiert.“ Fotos wie die von Brandt und Breschnew oder die Bilder vom Mauerfall, die Klemm übrigens als “die wichtigsten Fotos meiner politischen Fotografie" bezeichnet, sind längst Teil des kulturellen, politischen und geschichtlichen Gedächtnisses, Ikonen geradezu, die, wie im Kunstverein ebenfalls zu sehen sein wird, auch wieder zum Bezugspunkt für andere Künstler wurden.

Bilder, die Sehen, Geist und Körper formen

Trägt die Hauptausstellung auch den Titel „Making History“, rückt sie doch nicht nur für Politik und Geschichte auf den ersten Blick relevante Ereignisse und deren Abbildungen in den Blickpunkt. Vielmehr will „Making History“ deutlich machen, dass auch ganz andere Bilder Teil eines Geschichtsprozesses sind. Der ehemalige Hacker James Howard greift dabei gar nicht mehr selbst zur Kamera. Er holt sich seine Bilder aus dem Internet und baut aus ihnen Collagen, die deutlich machen, welche Bilderwelten uns umgeben, wenn es beispielsweise um Liebe oder Partnerschaft geht und welche Heilsversprechen diese Bilder geben. Und im MMK geht es auch um Stereotypen der Werbefotografie. Hier wird gezeigt, dass auch solche Bilder Sehen, Geist und Körper formen. Im MMK Zollamt stehen Celebrity- und Glamour-Fotografie im Mittelpunkt. Fotos von Armin Linke beispielsweise, der sich in seinen Arbeiten unter anderem auch mit Silvio Berlusconi und seinen amourösen Abenteuern auseinandersetzt, werfen dabei die Frage auf, inwiefern auch Paparazzi-Bilder politische Bedeutung haben.

Die Ohnmacht der Bilder

Die Macht der Bilder schätzt übrigens ausgerechnet die Fotografin Barbara Klemm, der unter anderem von Politikern attestiert wurde, die politische Wahrnehmung mit ihren Bildern beeinflusst zu haben, als gering ein: "Bilder bestimmen zunehmend die Wahrnehmung der Welt. Die Chance aber, dass Bilder Macht haben, wirkliche Veränderungen herbeizuführen, sehe ich als sehr gering an. Nur in Ausnahmefällen gelingt es. Selbst die wichtigen Bilder von Kriegen, Hungerkatastrophen, etc. bewirken wenig. Ich denke, dass auch mit der heutigen zunehmenden Überflutung mit Bildern durch Internet und Fernsehen die Macht der Bilder nicht größer wird."

Astrid Biesemeier


Termine: Donnerstag, 19. April, 11 Uhr, Pressekonferenz "Making History" im Frankfurter Kunstverein, Donnerstag 19. April , 19 Uhr, Eröffnung "Making History" im MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main, im Anschluss Eröffnungs-Party im Frankfurter Kunstverein. Ausstellungsdauer: 20. April bis 8. Juli.