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24.01.2012

Frankfurt erhält sein Herz zurück

Der Grundstein für die neue Altstadt ist gelegt

Mit der feierlichen Grundsteinlegung für die neue Altstadt sendet Frankfurt ein Signal aus: Die Stadt will ein Stück von dem wiederhaben, was sie in einer Bombennacht vor fast 70 Jahren verloren hat.

Frankfurt am Main (pia) Der Grundstein ist gelegt. Nach sechs Jahren politischer Grundsatzdiskussionen, städtebaulicher Planungen und Architekturwettbewerbe beginnt auf dem 7000 Quadratmeter großen Areal des abgerissenen Technischen Rathauses jetzt der Bau. In den nächsten drei Jahren werden zwischen Dom und Römer, Braubachstraße und Schirn Kunsthalle 15 Altstadthäuser nach historischem Vorbild entstehen – fast doppelt so viele wie ursprünglich geplant. Acht baut die Stadt selbst, für sieben weitere stehen private Kaufinteressenten bereit. Über die Vergabe wird in den nächsten Tagen entschieden. Auf den übrigen 20 Parzellen werden Neubauten entstehen, die einer strengen Gestaltungssatzung unterworfen sind und mit den Rekonstruktionen ein Ensemble bilden. „Fast 70 Jahre nach der Zerstörung unserer Stadt im Zweiten Weltkrieg erhält Frankfurt sein Herz zurück“, fasst Oberbürgermeisterin Petra Roth den Augenblick in Worte.

Ein Schmelztiegel städtischen Lebens

Das Viertel, um das es geht, ist die Keimzelle Frankfurts, viel älter als Goethe, Messe oder Börse. Die Karolinger legten dort Anfang des 9. Jahrhunderts ihre Pfalz an. Zwischen 1562 und 1792 durchschritten es die frisch gekrönten Kaiser des Heiligen Römischen Reiches. Über Jahrhunderte lebten und arbeiteten Händler, Handwerker, Gastronomen und Bewohner dort auf engstem Raum. Reiche Bürgerhäuser entstanden. Und obgleich das Leben in den engen Gassen und historischen Häusern mit den Anforderungen der Moderne immer weniger in Einklang zu bringen war, blieb das Altstadtviertel bis zu seiner Zerstörung im März 1944 ein Schmelztiegel städtischen Lebens. Wer in Frankfurt das Ursprüngliche suchte, fand es dort.

Viele vermissten die Seele der Stadt

Nach dem Krieg hielt in der von Bomben zerstörten Altstadt die Architektur der 1950er Jahre Einzug. Alles wurde dem Automobil untergeordnet, das noch vor-handene bauliche Erbe beseitigt. Später dominierten das riesige Technische Rathaus (1974) und die modernistische Schirn Kunsthalle (1985) die historische Mitte. Obgleich immer weniger Frankfurter die Altstadt noch selbst erlebt hatten, vermissten immer mehr die Identität stiftende Seele in ihrer Stadt. Mit der Zeit organisierten sich die Bürger in Vereinen und Initiativen. 2005, als ein Wettbewerb für den Umbau des Technischen Rathauses entschieden wurde, formulierten sie ihre Forderungen nach historischer Rekonstruktion. Parteien griffen das Thema auf. Eine öffentliche Debatte entstand, und die Zukunft des Dom-Römer-Areals wurde im Jahr 2006 zum Wahlkampfthema. Nur ein Jahr später war die kleinteilige Bebauung auf historischem Grundriss schon Konsens in der damals aus vier Fraktionen bestehenden großen Römer-Koalition. Der Beschluss, das Technische Rathaus abzureißen, fällt. Damit ist der Weg frei.

Das öffentliche Interesse ist riesengroß

Ein Ausschuss wird ins Leben gerufen, ebenso eine Planungswerkstatt, an der sich 60 Bürger beteiligen. 2009 wird die städtische Dom-Römer GmbH gegründet, die das auf 130 Millionen Euro geschätzte Projekt fortan planen soll. Keine leichte Aufgabe, denn das öffentliche Interesse ist riesengroß. Viele wollen mitreden. Wie viel soll rekonstruiert werden? Eine Auseinandersetzung entzündet sich an den Planungen für ein Stadthaus, mit dem der Archäologische Garten, die Reste der Königspfalz, überbaut werden soll. Hinzu kommen bauliche Hindernisse: Direkt unter dem Areal liegt seit den 1960er Jahren der U-Bahnhof Dom-Römer. Außerdem ist das Technische Rathaus auf eine Tiefgarage gebaut, die umgebaut werden muss. Schließlich ist der historische Krönungsweg nach dem Krieg künstlich höher gelegt worden.

Keine Gastro-Ketten, Handy-Shops oder Dönerläden

Im April 2010 wird ein europaweiter Architekturwettbewerb für die Neubebauung ausgeschrieben. Unter 170 Entwürfen werden die 54 besten ausgewählt, die Ergebnisse im März 2011 der Öffentlichkeit vorgestellt. Dann beginnt die Vermarktung. Bis September melden sich insgesamt 350 Interessenten für den Erwerb einer Altstadtimmobilie, Wohnung oder Gewerbeeinheit. Sie haben meist einen persönlichen Bezug zur Altstadt oder zu einem bestimmten Haus. 18 von ihnen unterschreiben schließlich eine Reservierungsvereinbarung für sieben der acht optionalen Rekonstruktionen. Deren Preis ist hoch: Zwischen 893.000 und 3,6 Millionen Euro, so haben es die Entwickler berechnet, wird man je nach Haus für eine Rekonstruktion hinlegen müssen. Wer den Zuschlag bekommt, wird die Stadtverordnetenversammlung in Kürze entscheiden. Bevorzugt wird, wer das Gebäude selbst nutzen will, einen besonders engen persönlichen Bezug hat oder ein zur Altstadt passendes Nutzungskonzept für die Gewerbeflächen im Erdgeschoss präsentiert. Gastro-Ketten, Handy-Shops oder Dönerläden will man nicht haben in der Altstadt.

Eine ausgewogene Mischung aus Alt und Neu

Wer sich für die Neubauten interessiert, muss sich indes noch etwas gedulden. Beschlüsse über die Entwürfe stehen kurz bevor. Doch schon jetzt steht fest: Der Charakter des Viertels wird sich bis zum Jahr 2015 grundlegend ändern. Mehr Lebensqualität soll Einzug halten. „In der neuen Altstadt wird man wohnen, arbeiten, einkaufen, essen und trinken können“, sagt der Planungsdezernent Edwin Schwarz. „Eine ausgewogene Mischung aus Alt und Neu.“ Im Herbst beginnt die Verlegung des U-Bahn-Zugangs am Dom. Der Krönungsweg wird wieder auf sein ursprüngliches Niveau abgesenkt. Parallel dazu beginnen der Bau des ersten Altstadthauses, des „Hof zum Rebstock“, und voraussichtlich auch die Gründungsarbeiten für das Stadthaus.

Stefan Röttele