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24.11.2011

Otto Romberg arbeitet einfach weiter

Die Zeitschrift TRIBÜNE erscheint seit 50 Jahren in Frankfurt

„Zeitschrift zum Verständnis des Judentums“ heißt die „TRIBÜNE“ im Untertitel. Sei einem halben Jahrhundert leitet ihr Gründer, Otto Romberg, die Zeitschrift, deren 200. Ausgabe nun erscheint. Anspruchsvoll und kritisch ist die vierteljährliche Publikation, in der gerne auch prominente Autoren Essays veröffentlichen oder aber sich Interviews stellen.

Frankfurt am Main (pia) Die korrigierten Druckfahnen für die nächste Ausgabe – es ist die zweihundertste – liegen bereits auf seinem Schreibtisch. Otto Romberg hält nicht inne, gestattet sich, trotz des Jubiläums, keinen Augenblick selbstzufriedener Rückschau. Er arbeitet einfach weiter, so wie er es in den vergangenen 50 Jahren immer getan hat. Seit einem halben Jahrhundert leitet er nun von seiner Wohnung im Frankfurter Osten aus die Redaktion der Zeitschrift „TRIBÜNE“, als deren Herausgeberin seine Frau Elisabeth Reisch fungiert. „Mit einem lachenden und weinenden Auge“ blicke man auf diese lange Zeit zurück, heißt es auf der Homepage der „Zeitschrift zum Verständnis des Judentums“. So ist man einerseits natürlich stolz auf die kontinuierliche Publikation anspruchsvoller und kritischer Texte, zu denen auch zahlreiche Essays prominenter Autoren und unzählige Interviews mit den führenden Köpfen aus Politik, Wirtschaft und Kultur zählen.

Ressentiments und Vorurteilen begegnen

Andererseits bleibt schmerzlich zu konstatieren, dass der Anlass, um dessentwillen die Zeitschrift Anfang der 60er Jahre gegründet wurde, bis heute nichts an Aktualität und Bedrängnis verloren hat. Hakenkreuzschmierereien, die 1959 an mehreren Synagogen im Köln-Bonner Raum entdeckt worden waren, hatten gezeigt, dass der Antisemitismus in Deutschland nach dem Nationalsozialismus weiter existierte, „auch ohne Juden“, wie Romberg mit leisem Sarkasmus kommentiert. Nach der Shoah, nach der Ermordung von sechs Millionen Juden, lebten Ende der 50er Jahre nicht mehr als einige Tausend Juden in der Bundesrepublik; die meisten von ihnen wollten weiter, nach Amerika oder Israel. Romberg selbst stand damals auch vor der Wahl: das Land zu verlassen oder zu bleiben und etwas gegen diesen alten, neuen Hass zu tun. Er blieb und gründetet die „TRIBÜNE“, weil er bis heute unerschütterlich darauf vertraut, dass es nur einen Weg gibt, Intoleranz, Ressentiment und Vorurteil zu begegnen: durch Information und Aufklärung. „Unsere Absicht ist es, die soziale, wirtschaftliche und kulturelle Lage der Juden weltweit darzustellen“, erläutert er. Die Situation Israels spielt dabei natürlich eine besondere Rolle. In Tel Aviv setzt sich ein eigener Korrespondent im Auftrag der „TRIBÜNE“ durchaus kritisch mit dem Tagesgeschehen im Lande auseinander, dort wird die Zeitschrift sehr viel und intensiv gelesen, vor allem von deutschen Einwanderern, die in zahlreichen Leserbriefen die publizierten Texte kommentieren.

Die Reichweite ist enorm

Die „TRIBÜNE“ erscheint vierteljährlich, in einer Auflage bis zu 7.000 Exemplaren, wesentlich wichtiger aber ist ihre Reichweite, und die ist enorm. In Universitätsbibliotheken wird ein Heft mitunter von bis zu 70 verschiedenen Lesern ausgeliehen. „Wir setzen auf diese Multiplikatoren“, sagt Otto Romberg, und darauf, dass Pädagogen und Dozenten die Erkenntnisse aus der Lektüre an ihre Schüler und Studenten weitergeben. „Wenn wir einen erreichen“, so Rombergs Überzeugung seit 50 Jahren, „dann haben wir unser Ziel erreicht.“ Dass der gebürtige Budapester, der 1956 nach dem gescheiterten Aufstand in Ungarn zunächst nach Wien geflüchtet war, den Beruf des Journalisten wählte, verdankt sich einem Zufall. Eigentlich sei er Ton-Ingenieur, erzählt der 78-Jährige. Bei einem Radiosender, für den er arbeitete, sei er dann aber einmal für einen nicht erschienenen Reporter eingesprungen - der Anfang eines sehr erfolgreichen Quereinstiegs. Denn bis heute finanziert sich die Zeitschrift allein durch den Verkauf und über Anzeigen: „Wir haben in 50 Jahren keinen einzigen Cent an Subvention erhalten“, betont Romberg, und man spürt, wie wichtig ihm diese Unabhängigkeit ist, wichtiger noch als der Leo-Baeck-Preis, der ihm 1996 als Anerkennung seiner publizistischen Leistung verliehen wurde.

Prominente Stimmen in der Jubiläumsausgabe

Zurückhaltend, wenn man ihn zu seiner Person befragt, wirkt Otto Romberg umso lebhafter, sobald er über Politik sprechen kann. Sein Fazit nach 50 Jahren intensiver Beobachtung der bundesrepublikanischen Wirklichkeit: Kein anderes Land habe sich so entschieden bemüht, die eigene Geschichte aufzuarbeiten. Dennoch wünsche sich die Mehrheit, dass „endlich“ ein Schlussstrich gezogen werde, sei die Stimmung gegenüber Israel gerade im Augenblick besonders negativ: „Jeder zweite Europäer glaubt, dass, wenn es jetzt zu einem Krieg käme, Israel der Auslöser wäre. Das finde ich alarmierend.“ Romberg weiß, dass hierin eine Diskrepanz zur offiziellen Politik besteht, an deren aufrichtiger Verurteilung jeglicher Form von Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit er nicht zweifelt. Beeindruckend liest sich daher auch das Inhaltsverzeichnis der kommenden Jubiläumsausgabe: „Hand in Hand zum Frieden“, ist Bundeskanzlerin Angela Merkels Interview betitelt, und Bundespräsident Christian Wulff hat einen Gastbeitrag geschrieben. Innenminister Hans-Peter Friedrich, Wolfgang Thierse, Berthold Huber und Claudia Roth sind ebenfalls mit Interviews vertreten. Salomon Korn, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland und Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, hat die Festansprache verfasst.

Ein Symposium zum 50. Geburtstag

In einem Symposium, das am 1. Dezember unter Leitung des renommierten Historikers Peter Steinbach in der Deutschen Nationalbibliothek stattfinden wird, sollen außerdem 50 Jahre „TRIBÜNE“ einer kritischen Retrospektive unterzogen werden.

Barbara Goldberg