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17.11.2011

Krankheit des Vergessens

Alois Alzheimer, © Psychatrie Uni Frankfurt
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Der Frankfurter Arzt Alois Alzheimer kam der gefürchteten Krankheit auf die Spur

Am 25. November 1901 begegnete Alois Alzheimer der ersten Patientin, an der der Frankfurter Arzt die nach ihm benannte Krankheit diagnostizierte. Weltweit gehen heute 60 Prozent der 24 Millionen Demenzerkrankungen auf „Alzheimer“ zurück. Frankfurter Forscher suchen noch immer nach der Ursache der zerstörerischen Vorgänge im Gehirn.

Frankfurt am Main (pia) Am 25. November 1901 begegnen sich in Frankfurt zwei Menschen, die Medizingeschichte schreiben werden: der Psychiater Alois Alzheimer und seine Patientin Auguste Deter. Deter war von ihrem Mann in die „Städtische Anstalt für Irre und Epileptische“ gebracht worden, weil sie sich plötzlich einfachste Dinge nicht mehr merken konnte, Dinge versteckte, sich verfolgt fühlte, ihre Stimmung schwankte. Später wird es heißen, sie habe sich „selbst verloren“. Das Institut für Stadtgeschichte in Frankfurt bewahrt das Krankenblatt der Auguste Deter auf. Darin ist die Zeit zwischen der Einlieferung Deters bis zu ihrem Tod 1906 dokumentiert. Zum 25. November 1901 protokollierte Alois Alzheimer das erste Gespräch: „Wie heißen Sie?“, „Auguste“, „Familienname?“ „Auguste“, „Wie heißt Ihr Mann?“, „Ich glaube ... Auguste“.... Der Psychiater wird bei der 51-Jährigen frühzeitigen geistigen Verfall diagnostizieren.

Heilung gibt es nicht

Der Ursache kam Alzheimer nach Deters Tod auf die Spur. In ihrem Gehirn entdeckte er abgestorbene Nervenzellen und Eiweißablagerungen, so genannte Plaques, die Hirnrinde war geschrumpft. Die Ergebnisse beschreibt er im gleichen Jahr auf der Tagung der Südwestdeutschen Irrenärzte. Die von Alzheimer „Krankheit des Vergessens“ genannte Demenz gehört 100 Jahre nach der ersten Begegnung zur häufigsten Form geistigen Verfalls. Schätzungsweise 60 Prozent der weltweit 24 Millionen Demenzerkrankungen gehen auf „Alzheimer“ zurück. „Es gibt zurzeit keine kausale Therapiemöglichkeit. Der Zerfall ist unaufhaltsam“, sagt Professor Wolf Singer, ehemaliger Direktor am Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt. Die kognitive Leistung zu stärken, könne den Verlauf bremsen. Heilung gibt es nicht.

Früherkennung steht im Mittelpunkt

An Alzheimers Wirkungsstätte Frankfurt arbeiten Mediziner und Forscher daran, dass sich dies ändert. Im Kern geht es darum, die Ursache der zerstörerischen Vorgänge im Gehirn herauszufinden. Die Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie an der Frankfurter Uniklinik strebt an, Menschen möglichst im Vorfeld zu helfen. „Früherkennung und die Frage, wann ist es sinnvoll mit Therapieansätzen zu beginnen, stehen im Mittelpunkt“, sagt Forschungskoordinator Dr. David Prvulovic. Genetische Untersuchungen und solche von Eiweißstoffen im Nervenwasser sowie die Magnetresonanztomographie (MRT) spielen eine wichtige Rolle. Mit MRT werden bestimmte Netzwerke im Gehirn auf ihre Aktivität hin durchleuchtet. Vergleichbar einem permanent überdrehten Automotor könnten die Netzwerke verschleißen, Ablagerungen bilden und die Hirnstrukturen zerstören, vermuten die Ärzte. Erste Anzeichen sollen mit MRT sichtbar gemacht werden und so die Chance eröffnen, viele Jahre vor dem ersten merkbaren Vergessen gegenzusteuern. Bereits heute kann mit modernsten Methoden mit hoher Wahrscheinlichkeit vorausgesagt werden, ob Alzheimer im Frühstadium vorliegt. Selbst wenn kaum oder nur wenig Beschwerden da sind. Schlüssel sind Biomarker. In den aus Blut oder aus Gehirnwasser gewonnen Proteinen stecken genetische Informationen, die auf ein Krankheitsrisiko hindeuten. Herausforderung ist die Treffsicherheit der Biomarker: „Treffsicher sind sie bisher bei Menschen, die schon erste Beeinträchtigungen aufweisen.“

Optimierung von Biomarkern

Seit Anfang 2011 versuchen 19 Arbeitsgruppen und Institute im Rahmen des LOEWE-Programms des Landes Hessen Schizophrenie, Autismus, Epilepsie, Multipler Sklerose und Alzheimer zu ergründen. Auf der Agenda steht auch die Optimierung von Biomarkern. Weltweit wird die Suche nach den pathophysiologischen Ursachen von Alzheimer und möglichen Therapieansätzen zurzeit mit molekularbiologischen Methoden an Tiermodellen betrieben. In Deutschland gibt es ein Netzwerk zur Erforschung degenerativer Erkrankungen des Nervensystems mit Zentren, in Bonn, Göttingen, Berlin, Heidelberg, Tübingen, und München.

Früherkennung ist wichtig

Das Pharmaunternehmen Merk, Hersteller eines weltweit häufig eingesetzten Präparats, setzt für die Zukunft ebenfalls auf frühe Hilfe. Es arbeitet an Therapien, die „deutlich früher in das pathologische Geschehen eingreifen“ als andere Möglichkeiten. Die Alzheimer-Forschung in Frankfurt unterstützt das Unternehmen mit einer Stiftungsgastprofessur. Wolf Singer ist zurückhaltend: „Früherkennung ist wichtig, um kompensatorische Prozesse zu fördern und damit den Verlauf der Erkrankung zu verlangsamen, aber noch bedarf es intensiver Grundlagenforschung. Denn erst wenn die Mechanismen besser verstanden sind, werden sich kausale Therapien entwickeln lassen.“

Gelbwurz in winzigen Dosen

Während die einen auf modernste Technik setzen, suchen andere in der Natur nach Therapiewegen. Der Biologe Gunter Eckert von der Goethe-Universität und Jakob Weißenberger vom Zentrum für Neurologie und Neurochirurgie der Uniklinik arbeiten in einem vom Bundesforschungsministerium geförderten Verbundprojekt daran, Gelbwurz - Curcumin - so aufzubereiten, dass der Körper es besser und vor allem in winzigen Dosen aufnimmt. Eine höhere Bioverfügbarkeit könnte Alzheimer vorbeugen, so die Vision. Und schmecken würde es auch: In Currywurst, Joghurt und Limonade stünde das Pülverchen täglich auf dem Speiseplan.

Alois Alzheimer, der mit Cecilie Geisenheimer, der Witwe eines Frankfurter Diamantenhändlers, verheiratet war, starb 1915 in Breslau. Er wurde auf dem Frankfurter Hauptfriedhof beerdigt.

Margarete Lausberg