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06.09.2011

Das Gedächtnis Frankfurts

Das Karmeliterkloster, Sitz des Institutes für Stadtgeschichte, © Stadt Frankfurt am Main
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Das Institut für Stadtgeschichte wird 575 Jahre alt

Es ist eine der ältesten Kultureinrichtungen der Stadt und eines der bedeutendsten Kommunalarchive in Deutschland. Das Institut für Stadtgeschichte, das 1992 aus dem früheren Stadtarchiv hervorging, feiert seinen 575. Geburtstag. Ab 13. September zeigt das im Karmeliterkloster untergebrachte Institut eine Jubiläumsausstellung.

Frankfurt am Main (pia) Der Mann, der für das Institut für Stadtgeschichte wirbt, kommt aus einer anderen Zeit. Für seinen Auftrag ist er wohlgerüstet: Er hat sich seinen Federhut aufgesetzt, den Mantel mit dem Stadtwappen übergezogen, die Feldflasche umgehängt, einen Spieß gepackt und auch die Trippenschuhe mit den dicken hölzernen Profilsohlen nicht vergessen, mit denen er mühelos durch den Straßenschlamm laufen kann. In einer Büchse sicher verwahrt, hält er die Botschaft, die er überbringen soll. So ist der Stadtbote Henchin von Hanau auf dem Frankfurter Botenbuch von 1439 abgebildet. Wie alle wichtigen Unterlagen des Rats wanderte das Botenbuch mitsamt Henchin ins städtische Archiv, wo es über die Jahrhunderte hinweg aufbewahrt wurde. Bis heute ist es im Institut für Stadtgeschichte, das 1992 aus dem früheren Stadtarchiv hervorging, erhalten. Als „Gedächtnis Frankfurts“ ist das Institut eine der ältesten Kultureinrichtungen der Stadt und eines der bedeutendsten Kommunalarchive in Deutschland.

Anfangs genügte eine eisenbeschlagene Kiste

Im Jahr 1436 bezog das Archiv der Stadt Frankfurt erstmals ein eigenes Gebäude, den Turm Frauenrode mit drei feuersicheren Gewölben, den der Rat in direkter Nachbarschaft zum damals noch ziemlich neuen Rathaus Römer hatte errichten lassen. Seitdem ist das Frankfurter Archiv historisch belegt, was den aktuellen Anlass für die Feierlichkeiten zum 575-jährigen Jubiläum liefert. Seinen eigentlichen Anfang jedoch nahm das Archiv schon mit dem Beginn der städtischen Selbstverwaltung 1311. Zunächst verwalteten die Stadt- und Ratsschreiber die Registratur des Rats, die vorrangig juristischen Zwecken diente: Die aufstrebende Reichsstadt wollte den Nachweis über ihre Rechte und ihren Besitz sicher doku-mentieren und verwahren. Genügte anfangs eine eisenbeschlagene Kiste, um die Urkunden aufzuheben, brauchte das Ratsarchiv bald eigene Räume: für die Privilegien seit 1388 im Festungsturm bei St. Leonhard und für das übrige Schriftgut seit 1436 den Archivturm Frauenrode. Lange blieb das Archiv nur ein Anhängsel der Stadtschreiberei oder Stadtkanzlei, auch wenn es im Laufe des 18. Jahrhunderts von der historischen Forschung entdeckt und genutzt wurde.

Stadtarchiv ca. 1938 © Institut für Stadtgeschichte
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Öffnung für die lokalhistorische Forschung

Wiederum mit einem Umzug begann eine neue Ära in der Geschichte des Hauses: 1878 bekam das Stadtarchiv einen neugotischen Neubau am Weckmarkt im Schatten des Doms. Es wurde künftig von einem ausgebildeten Archivar geleitet, der die Bestände systematisch zusammenführte und erfasste sowie das Haus der lokalhistorischen Forschung öffnete. Neben der Überlieferung aus der städtischen Verwaltung widmete sich nun das Stadtarchiv verstärkt auch der Sammlung von Materialien nichtamtlicher Herkunft, beispielsweise von Nachlässen bedeutender Frankfurter Persönlichkeiten, und bereits ab 1932 baute es eine zeitgeschichtliche Abteilung, u. a. zur aktuellen Pressedokumentation, auf. Seit 1938 wurde das Stadtarchiv von dem überzeugten Nationalsozialisten Harry Gerber geführt, der, auf den „Endsieg“ vertrauend, viel zu spät mit der Auslagerung der Bestände begann. So gingen bei den schweren Luftangriffen auf Frankfurt 1944, als das Gebäude am Weckmarkt total zerstört wurde, unersetzliche Archivalien verloren.

Öffnung für ein breiteres Publikum

Trotz der hohen Kriegsverluste verfügte das Frankfurter Stadtarchiv 1945 noch immer über einen der reichhaltigsten Bestände des Mittelalters und der frühen Neuzeit. Aber die Nachkriegsgeschichte der Einrichtung war jahrzehntelang von Provisorien geprägt. Nach und nach wurden die durch Auslagerung und Zerstörung zerrissenen Bestände wieder in eine Ordnung gebracht. 1959 zog das Stadtarchiv in das Karmeliterkloster, wo es zunächst nur einen Flügel nutzen durfte und erst allmählich mehr Raum erhielt. Im Zuge des benachbarten U-Bahn-Baus 1972 wurde ein Tiefmagazin mit zehn Regalkilometern auf drei Ebenen errichtet, wo nach zahlreichen Notunterbringungen die wichtigsten Bestände endlich zusammengeführt und zeitgemäß aufbewahrt werden konnten. Mit dem Bezug eines neuen Außenmagazins in der Borsigallee, in dem auch die Restaurierungswerkstätten untergebracht wurden, endete 2006 die Zeit der Provisorien. Bereits seit der Umbenennung in „Institut für Stadtgeschichte“ 1992 will sich das Archiv einem breiteren Publikum öffnen. Seinen Hauptsitz, das 2010 grundsanierte Karmeliterkloster mit dem mittelalterlichen Kreuzgang, begreift es als „Ort aktiver Geschichtsvermittlung“, wo inzwischen zahlreiche Ausstellungen, Vorträge und Konzerte veranstaltet werden.

Die Frankfurter Goldene Bulle aus dem 14. Jahrhundert, © Stadt Frankfurt am Main, Institut für Stadtgeschichte
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Mehr als 20 Regalkilometer stadthistorischer Zeugnisse

Als sein wichtigstes Projekt jedoch bezeichnet das Institut für Stadtgeschichte die vollständige Erschließung seiner Bestände in einer Datenbank, die bereits seit 2000 im Internet zugänglich ist. Insgesamt besitzt das Haus mehr als 20 Regalkilometer stadthistorischer Zeugnisse. Zu den besonderen und seltenen Kostbarkeiten, die in der archivischen Fachsprache auch „Zimelien“ genannt werden, zählt das Original der Goldenen Bulle von 1356, die Frankfurt endgültig zum Wahlort der deutschen Könige bestimmte und damit den weiteren Aufstieg der Stadt am Main sicherte. Ein anderer wertvoller Schatz ist etwa das „Melem’sche Hausbuch“, die prächtig illustrierte Chronik einer Patrizierfamilie aus dem 16. und 17. Jahrhundert. In der alten Kriminalakte der Kindsmörderin Susanna Margaretha Brandt, die Goethe zum Gretchen im „Faust“ inspirierte und deshalb auch eine Zimelie ist, findet sich als „corpus delicti“ eine Schere, mit der die „Brandtin“ ihr 1771 unehelich geborenes Kind allerdings nicht getötet, sondern abgenabelt haben soll. Als Depositum bekam das Institut erst kürzlich den Nachlass des Chemikers Otto Hahn, wozu neben der ehrwürdigen Nobelpreisurkunde auch eine Gockelfigur gehört, die der Frankfurter Ehrenbürger ins Fenster stellte, wenn er zu Hause war. Diese und viele andere Stücke aus den reichen Beständen sind in der Jubiläumsausstellung zu entdecken, die das Institut für Stadtgeschichte ab dem 13. September zeigen wird. Auch der „Botschafter“ Henchin von Hanau darf dabei natürlich nicht fehlen.

Sabine Hock

13. September bis 29. Januar 2012: Das Gedächtnis Frankfurts/575 Jahre Institut für Stadtgeschichte. Am 12. September findet um 18 Uhr ein Festakt im Kaisersaal des Römers statt (Einlass nur mit persönlicher Einladung).

Weitere Informationen erhalten Sie von Jutta Zwilling, Tel.: 069/212-30956.