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11.08.2011

Eine inszenierte Welt

Maja Keppler vom Filmmuseum erläutert dem Fachbesucher Stefan Benz ein Ausstellungsobjekt des Neuen Filmmuseums - den Cinematographe Lumière. Foto: Astrid Biesemeier
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Das Deutsche Filmmuseum in Frankfurt öffnet wieder – mit plüschrotem Kino

Das Sachsenhäuser Museumsufer wird Mitte August zum „Hollywood Boulevard“. Dann fahren Filmgrößen wie Bully Herbig und Til Schweiger am Deutschen Filmmuseum vor und zeigen je einen ihrer Lieblingsfilme in dem Haus, das nach 14 Monaten Umbauphase größer und luftiger geworden ist und mit großem Staraufgebot wieder für Kino-Enthusiasten öffnet.

Frankfurt am Main (pia) Es ist, als betritt man eine andere Welt. Aus dem hellen Vorraum, durch dessen große Fenster man auf die Bankentürme und die Stadt wie auf eine Leinwand blickt, hinein ins künstlich illuminierte Dunkel. Die schwarzen Wände lassen die Architektur in den Hintergrund treten, zwischen ihnen leuchten die Ausstellungsobjekte förmlich hervor. „Die Idee war, dass man zunächst den offenen Blick auf die Stadt hat und dann eine inszenierte Welt betritt. Die Aura der Objekte soll hervorgehoben werden“, so Maja Keppler, Projektleiterin im Deutschen Filmmuseum. Dieses wurde vierzehn Monate lang umgebaut. Dabei wurden nicht nur Zwischenwände sowie die Haus-im-Haus-Struktur entfernt, auch das Konzept der Daueraustellung wurde verändert: „Nach 25 Jahren haben wir die Ausstellung auf den Prüfstand gestellt. Dabei wurde jedoch der erste Teil nicht revolutioniert, es sind zum Teil dieselben Objekte und auch Texte. Es wurde aber ein neuer Ansatz in Gestaltung und inhaltlicher Gliederung verfolgt“, so Keppler.

Von jeder Ecke aus begehbar

In der Dauerausstellung des Deutschen Filmmuseums dreht sich im ersten Stock alles um das „Filmische Sehen“. Passend dazu stehen oder hängen viele Objekte in runden Vitrinen, die an Filmrollen erinnern und somit ins Gedächtnis rufen, dass die einzelnen Bilder tatsächlich erst laufen lernen mussten, bevor aus den Bildern Geschichten wurden und mit dem Film eine Form fanden, die sogar in den eigenen vier Wänden betrachtet werden konnte. Zwar läuft hier alles auf das häufig als Geburtsstunde des Films gefeierte Jahr 1895 zu und strahlt von diesem Jahr gewissermaßen wieder aus. „Die Ausstellung ist jedoch von jeder Ecke begehbar und nicht in eine Chronologie gepresst, auch wenn das Filmmuseum einen Rundgang nahelegt“, so Keppler. Sechs Themenbereiche sind dabei zu entdecken: die Schaulust, die Bewegung, die Aufnahme, die Projektion, die Wege zum Lauf- oder Bewegtbild und schließlich das Kino.

Ludwig II., Alien, Pretty Woman

Im zweiten Stock geht es dann um das „Filmische Erzählen“. Analytisch und interaktiv werden hier mit den Themenbereichen Schauspiel, Ton, Bildgestaltung und Montage grundlegende Mittel der Filmsprache dargestellt. Wie und warum diese Sprache auf den Betrachter wirkt, zeigen zahlreiche Exponate wie beispielsweise Kostümentwürfe aus „Pretty Woman“ oder „Vom Winde verweht“ sowie ein von Romy Schneider in Luchino Viscontis „Ludwig II.“ getragenes Kleid und ein Stuntkostüm aus Ridley Scotts „Alien“. An interaktiven Stationen können Besucher aber auch erleben, wie unterschiedliche Lichtstimmungen wirken oder wie fiktionale Schauplätze glaubhaft erscheinen – wenn sie selbst zum Held einer Einstellung werden, sich in Film-noir-Licht wiederfinden oder sich in die acht Meter lange Greenscreen-Passage stellen und plötzlich am Abgrund eines New Yorker Wolkenkratzers stehen, oder durchs All surfen. Bei einer Szene aus „Harry Potter“ kann man selbst die Reihenfolge der Einstellungen verändern, mit Musikeinspielungen bei „Lola rennt“ und der Tonmischung bei „Die Matrix“ experimentieren. Interviews mit Filmschaffenden wie Martina Gedeck oder Michael „Bully“ Herbig sind hier ebenso zu sehen wie ein Filmraum, der auf vier Leinwänden mit 140 Filmausschnitten die Mittel filmischen Erzählens in einem 35-minütigen Zusammenschnitt erfahrbar macht. Die erste Sonderausstellung im wiedereröffneten Filmmuseum zeigt eine Porträtreihe von Jim Rakete unter dem Titel „Stand der Dinge“. In den Jahren 2009 bis 2011 hat Rakete exklusiv für das Deutsche Filmmuseum Legenden, Macher und Talente des deutschsprachigen Kinos fotografiert.

Mehr Luft zum Atmen

Die Publikumsfläche ist mit dem Umbau von bisher rund 1400 Quadratmetern auf 2100 Quadratmeter angewachsen. Hinzu kommen Lounges im 1. und 2. Obergeschoss, die auch für Veranstaltungen genutzt werden können. „Das Haus hat jetzt mehr Luft zum Atmen“, freut sich Filmmuseum-Direktorin Claudia Dillmann. Und das Kino? „Mit geschärftem Programmprofil hat das Kino in der Spielpause neue filmische Schätze für das Publikum entdeckt, stets nach der Devise: ‚Wir zeigen das andere Programm’. Filme aus allen Jahrzehnten, aus vielerlei Ländern, in allen Formaten, möglichst in der Originalfassung“, so Dillmann. Plüschrot ist das neue Kino im Filmmuseums mit seinen 131 Plätzen. Und bequemer, da der Reihenabstand vergrößert wurde. Zum Auftakt gibt es Werke aus dem Fundus von Martin Scorseses World Cinema Foundation, die Filmrestaurierungen unterstützt, sowie Ingmar Bergmans „The Touch“, Michael Powells „The Red Shoes“ und für Romy-Schneider-Fans Serge Brombergs Dokumentation „L'enfer d'Henri-Georges Clouzot“. Die eigens zur Eröffnung zusammengestellte 3D-Reihe steht für die technischen Möglichkeiten des neuen Kinos: Wim Wenders „Pina“ und Werner Herzogs „Cave of Forgotten Dreams“ sowie ein „Best of 3D“ der vergangenen Jahre.

Singin’ in the Rain auf der Untermainbrücke

Die Wiedereröffnung wird von Freitag bis Sonntag, 12. bis 14. August, gebührend gefeiert mit Persönlichkeiten des deutschen Films. Dabei ist zu hören, warum Bully Herbig Hitchcocks „Psycho“ präsentieren wollte oder Til Schweiger „Midnight Run – Fünf Tage bis Mitternacht“ ausgewählt hat. Vor oder nach jedem Film sprechen die Gäste über ihre Filmwahl. Am Samstag, 13. August, wird die Untermainbrücke im Zuge der Eröffnung zum Freilichtkino, wenn das Filmmuseum dort um 22 Uhr den Musical-Klassiker „Singin’ in the Rain“ präsentiert und die Brücke an diesem Abend für den Verkehr gesperrt ist.

Astrid Biesemeier