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21.06.2011

Als sich das „Tor zur Welt“ im Stadtwald öffnete

Vor 75 Jahren eröffnete der Flughafen an seinem jetzigen Standort

Am 9. Juli 1936 startete der planmäßige Luftverkehr am neuen Standort im Frankfurter Stadtwald. Den damals wohl modernsten „Flug- und Luftschiffhafen Rhein-Main“ wussten die Nationalsozialisten für ihre Propaganda zu nutzen. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann der Aufstieg des Flughafens zu einem der wichtigsten internationalen Drehkreuze.

Frankfurt am Main (pia) An einem Mittwochnachmittag landete das erste Flugzeug auf dem neuen Flughafen im Stadtwald. Mit einer Maschine vom Typ Junkers Ju 52 der Deutschen Lufthansa war Kapitän Theo Krist auf dem bisherigen Flugplatz am Rebstock gestartet und hatte – nach einer kurzen Runde über der Mainstadt – sicher auf dem soeben feierlich eröffneten „Flug- und Luftschiffhafen Rhein-Main“ aufgesetzt. Eine „vieltausendköpfige“ Menge konnte dann beobachten, wie nach und nach alle Flugzeuge vom Rebstock auf „Rhein-Main“ anschwirrten, bis am frühen Abend schließlich die Luftschiffe LZ 129 „Hindenburg“ und LZ 127 „Graf Zeppelin“ über dem seinerzeit riesig erscheinenden Gelände kreuzten. In den frü-hen Morgenstunden des folgenden Tages begann der planmäßige Luftverkehr auf dem damals wohl modernsten Flughafen. Die erste Maschine, die abgefertigt wurde, war ein Postflieger nach Südamerika. Für seine transatlantische Strecke bis nach Santiago de Chile brauchte das Heinkel-Schnellflugzeug, wie die Presse meldete, „nur drei bis vier Tage!“ Weitsichtig notierte die Frankfurter Zeitung zum ersten Start von „Rhein-Main“: „Wir stehen sicherlich im Anfang einer noch nicht abzusehenden Entwicklung.“ Mit der Eröffnung des neuen Flughafens aber sei „das Rhein-Main-Gebiet schon jetzt ein ‚Tor zur Welt’ geworden“.

Die Geschichte der Luftfahrt in Frankfurt begann mit einem Heißluftballon

Vor 75 Jahren, am 8. Juli 1936, wurde der Frankfurter Flughafen an seinem heutigen Standort feierlich eröffnet. Die Geschichte der Luftfahrt in der Mainstadt reicht allerdings noch viel weiter zurück, bis ins Jahr 1785, als der französische Luftschiffer François Blanchard mit einem Heißluftballon von der Bornheimer Heide aufstieg. Zum wichtigen Impuls für die Entwicklung des Luftverkehrs wurde 1909 die „Internationale Luftschiffahrt-Ausstellung“ (Ila) auf dem heutigen Messegelände. Unter deren Eindruck wurde noch im selben Jahr die „Deutsche Luftschiffahrt Aktiengesellschaft“ (DELAG), die erste Luftverkehrsgesellschaft der Welt, in Frankfurt gegründet. Mit der festlichen Ankunft des Zeppelins „Viktoria Luise“ am 4. März 1912 eröffnete die DELAG einen Luftschiffhafen am früheren Hofgut Rebstock. Er gilt als der erste Frankfurter Flughafen. In den Zwanzigerjahren, unter Federführung des Wirtschafts- und Verkehrsdezernenten und späteren Oberbürgermeisters, Ludwig Landmann, wurde der Flughafen am Rebstock für den regelmäßigen Luftverkehr mit Luftschiffen und Flugzeugen ausgebaut. Schon bald aber stieß der stadtnah gelegene und von Bahnlinien umschlossene Flugplatz an seine Grenzen. Landmanns modernes Verkehrskonzept für das Rhein-Main-Gebiet sah daher eine Neuanlage im Stadtwald, nahe dem Schnittpunkt der projektierten Autobahnen in Nord-Süd- und Ost-West-Richtung, vor. Dieses Gelände stand jedoch erst nach der Freigabe aus der französischen Besetzung 1930 zur Verfügung. Inzwischen, angesichts der Sparpolitik in der Wirtschaftskrise, war an die Ausführung eines solchen Großprojekts nicht mehr zu denken.

Der NS-Gauleiter fällte den ersten Baum

Wenige Monate nach der nationalsozialistischen Machtübernahme holte die Flug-hafengesellschaft die Pläne wieder aus der Schublade. Sofort begriffen Oberbürgermeister Krebs und Gauleiter Sprenger, dass sich der Flughafenneubau hervorragend für die nationalsozialistische Propaganda nutzen ließe, nicht nur im Rahmen des inzwischen angelaufenen Arbeitsbeschaffungsprogramms, das öffentliche Unternehmungen mit Zuschüssen und langfristigen Darlehen förderte. Schnell waren die notwendigen wissenschaftlichen Gutachten für das Großbauvorhaben beschafft, in denen etwa Meteorologen dem neuen Flughafen eine nahezu „nebelfreie“ Lage attestierten. Noch bevor alle Genehmigungen der Aufsichtsbehörden vorlagen, schritt Gauleiter Sprenger am 2. Januar 1934 zum ersten Axthieb und fällte höchstpersönlich den ersten Baum. In zweieinhalbjähriger Bauzeit wurde der Frankfurter Flughafen errichtet. Die Anlage entsprach dem zunächst noch beabsichtigten kombinierten Betrieb mit Flugzeugen und Luftschiffen. Am nördlichen Rand entstanden das Haupt- oder Empfangsgebäude mit dem Kontrollturm und die 2.400 Quadratmeter große Flugzeughalle. Auf der Südseite erhob sich die monumentale Zeppelinhalle.

Der regimekritische Kapitän passte nicht ins erwünschte Bild

Bereits am 14. Mai 1936 erreichte die LZ 129 „Hindenburg“ unter der Leitung ihres prominenten Kapitäns Hugo Eckener nach einer Nordamerikafahrt ihren neuen Heimathafen in Frankfurt. Mit der Landung des Zeppelins, die Tausende von Schaulustigen angelockt hatte, war der Flughafen inoffiziell eröffnet. Eckener, der wegen seines internationalen Ansehens und seiner regimekritischen Haltung nicht ins erwünschte Bild passte, sollte auf Anordnung des Reichspropagandaministeriums nicht als Ehrengast der Eröffnung des neuen Luftschiffhafens in der Presse erwähnt werden. Spätestens als der berühmte Zeppelinführer sich in das Goldene Buch der Stadt eintrug, war die Geheimhaltung jedoch nicht mehr durchzuziehen. Zwei Monate später geriet die offizielle Eröffnung des „Flug- und Luftschiffhafens Rhein-Main“ zum perfekten Propagandaakt des nationalsozialistischen Staates. Der neue „Weltflughafen“ in Frankfurt war in aller Munde. Im ersten Geschäftsjahr wies die Bilanz insgesamt 5.270 Starts, 58.010 Fluggäste, 796 Tonnen Post sowie 801 Tonnen Fracht und Gepäck aus; zudem waren per Luftschiff 1.083 Personen, 9,3 Tonnen Post und 9,2 Tonnen Fracht nach Südamerika sowie 2.656 Personen, 8,3 Tonnen Post und 9 Tonnen Fracht nach Nordamerika befördert worden.

Aufstieg zu einem Drehkreuz des internationalen Luftverkehrs

Der wirtschaftliche Erfolg ermöglichte bereits 1937-38 den ersten Ausbau des Flughafens. In diesem zweiten Bauabschnitt entstand eine weitere, noch größere Luftschiffhalle. Nach dem Unglück vom 6. Mai 1937, bei dem die „Hindenburg“ auf ihrer Fahrt von Frankfurt kurz vor der Landung in Lakehurst in Flammen aufging und 36 Menschen starben, wurde allerdings der Passagierverkehr mit Luftschiffen eingestellt. Zwei Jahre später, mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs, endete die gesamte zivile Luftfahrt auf dem Frankfurter Flughafen. Erst am 18. Mai 1946, fast genau ein Jahrzehnt nach der Eröffnung, landete wieder eine nicht-militärische Passagiermaschine auf dem damals noch allein von der amerikanischen Besatzungsmacht genutzten Rhein-Main-Flughafen. Seit 1950 wieder unter deutscher Lufthoheit, begann der Aufstieg des Frankfurter Flughafens zu einem der wichtigsten Drehkreuze des internationalen Luftverkehrs. Heute ist er der größte Flughafen in Deutschland, nach dem Passagieraufkommen der drittgrößte (2010 durchschnittlich 145.243 pro Tag) und nach dem Frachtaufkommen (2010 durchschnittlich 6100 Tonnen pro Tag) der zweitgrößte in Europa.

Sabine Hock