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14.04.2011

Ein Ort der Möglichkeiten

Das Frankfurter Literaturhaus präsentiert seit 20 Jahren sein Programm

Hier werden Autoren vorgestellt, Tagungen und Symposien veranstaltet und Streitfälle der Literatur kontrovers diskutiert. Seit seiner Gründung vor 20 Jahren ist das Literaturhaus zu einer Institution des Frankfurter Kulturlebens geworden. Mit dem neuen Leiter Hauke Hückstädt halten auch vermehrt neue Medien Einzug in die Räume des Portikus am Mainufer.

Frankfurt am Main (pia) „I dwell in possibility“ wispert das begehbare Gedicht der amerikanischen Dichterin Emily Dickinson in blauen Buchstaben vom weißen Marmor des Treppenhauses im Frankfurter Literaturhaus. Und auch wenn die über mehrere Stufen verstreuten Zeilen vor allem die Lyrik feiern, so scheint das „Hausen in Möglichkeiten“ doch auch treffend den Ort der Literatur zu beschrei-ben und ist also an diesem Ort wunderbar aufgehoben. Dickinsons Gedicht verbindet Erdgeschoss und ersten Stock, Foyer und rotes Lesekabinett.

Zweite Heimat im Portikus

Seit Oktober 2005 hat das Literaturhaus in der Alten Stadtbibliothek und dem ehemaligen Portikus seine zweite Heimat gefunden. Im Erdgeschoss des weißen Baus mit den eindrucksvollen Säulen ist gleich hinter dem Eingang der rund 220 Gäste fassende grüne Saal, der vor allem für Lesungen genutzt wird. Im unteren Eingangsbereich hängt an der Wand Lyrik zum Abreißen und Mitnehmen. Im ersten Stock zeigen Schwarz-Weiß Porträts Ingeborg Bachmann, Peter Esterházy oder Christa Wolf. Und der Frankfurter Künstler Tobias Rehberger hat hier einen Raum unsentimentalen Erinnerns für den verstorbenen Frankfurter Kabarettisten und Schriftsteller Matthias Beltz geschaffen.

Das Publikum lümmelte sich bisweilen auf dem Boden

Das Frankfurter Literaturhaus ist eine literarische Institution, die nun seit 20 Jahren und unter drei Leitern die Möglichkeiten der Literatur und Literatur als Möglichkeit auslotet, Autoren präsentiert und Literatur vermittelt. Nobelpreisträger wie Jose Saramago oder Elfriede Jelinek haben hier gelesen, internationale literarische Schwergewichte wie der Peruaner Mario Vargas Llosa, der Ungar Imre Kertész, der Niederländer Cees Nooteboom oder der Israeli Amos Oz, aber auch deutschsprachige Größen wie Martin Mosebach, Robert Gernhardt, Peter Handke, Alexander Kluge oder Friederike Mayröcker. Peter Kurzeck diktierte hier im vergangenen Jahr zwischen Juli und September öffentlich seinen neuen Roman "Vorabend". Und als Ulf Erdmann Ziegler sein Romandebüt „Hamburger Hochbahn“ an acht Abenden hintereinander vorlas, lümmelte sich sein Publikum im Beltz-Raum bisweilen sogar auf dem Boden und lag dem Autor somit im wahrsten Sinne des Wortes zu Füßen. Das Frankfurter Literaturhaus ist also nicht nur ein Ort der Möglichkeiten – es macht auch einiges möglich.

Ein begehbares Feuilleton

Das Literaturhaus versteht sich auch als begehbares Feuilleton: Denn hier wird auch über Streitfälle und Autoren kontrovers diskutiert oder mit dem Institut für Sozialforschung in der Reihe „ZeitBrüche“ die Gegenwart diagnostiziert, und es werden Ausstellungen gezeigt. Photographien von Péter Nádas und Barbara Klemm waren zu sehen, Photomalereien von Rebecca Horn oder die Photographie- und Wortinstallationen zu Heiner Müller von seiner Witwe Brigitte Maria Mayer. Außerdem veranstaltet das Literaturhaus Frankfurt Symposien und Tagungen. Im Literaturhaus treffen sich Bücherliebhaber übrigens auch zum Arbeiten.

Neue Medien halten Einzug – und Fußball

2005 hat das Literaturhaus den „Binding-Kulturpreis“ für seine Aktivitäten be-kommen. „Das Literaturhaus“, so sein Leiter Hauke Hückstädt, „hat eine nahezu ruhmreiche Geschichte, und ich werde darauf achten, diese Geschichte fortzuschreiben.“ Dazu gehört für ihn alles, was mit Büchern und Literatur zu tun hat, in einem Haus und unter einem Dach darzustellen. Aber nicht nur schöne Literatur zwischen zwei Buchdeckeln soll hier ihren Platz finden. Die Zeiten und somit auch die Vermittlungsmedien von Literatur haben sich geändert. Die klassische Lesung ist um weitere Formen, Literatur zu präsentieren, bereichert worden: Film, Internet und neue Medien sollen in die ehrwürdig erscheinenden Räume ebenso Einzug halten wie auch auf ersten Blick scheinbar literaturfremde The-men. Die Frauenfußball WM beispielsweise hatte Hückstädt bereits im vergan-genen Jahr im Blick, als er im Literaturhaus ein Gespräch mit Fußball-Weltmeisterin Renate Lingor initiierte. Hückstädt, der im vergangenen Jahr Maria Gazzetti ablöste, die das Haus 15 Jahre geleitet hatte, ist für ein breites Pro-gramm. „Alles muss und darf eine Rolle spielen - nicht nur eine Literatur, über deren nicht hoch genug zu schätzende Rolle wir uns ohnehin einig sind. Ich habe ein weites Herz für künstlerischen Ausdruck.“ Und Musik und Fernsehkultur ge-hören für ihn ebenso dazu wie Fußball.

Tanz in den Mai zum 20. Geburtstag

Mit zwei öffentlichen Veranstaltungen, die auch diese Offenheit zeigen, feiert das Frankfurter Literaturhaus sein 20-jähriges Jubiläum. Am Samstag, 30. April, gibt es unter dem Titel „20 Djs – Die Jubiläumsparty“ als Tanz in den Mai die dazuge-hörige Geburtstagsparty. Dann wird der Lesesaal zum Tanzboden und Bücher-menschen werden zu DJs, beispielsweise der Verleger Joachim Unseld, Holger Heimann vom Börsenblatt oder der Lyriker Marcus Roloff. Am 1. Juli steigt ein Sommerfest mit Lesung und Tanz. Dann werden unter anderem Andreas Steinhöfel für Kinder ab acht Jahren und Moritz von Uslar lesen. Ab 21 Uhr dann spielt dann die Avantgarde-Band F.S.K. (Freiwillige Selbstkontrolle).

Astrid Biesemeier