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17.02.2011

Kein Trabant mehr zum Ferrari-Preis

Frankfurt hat eine zentrale Rolle bei der Überwachung der Finanzmärkte

Künftig soll rechtzeitig Alarm geschlagen werden. Dafür sorgen auch zwei neue Kontrollinstitutionen, die als Reaktion auf die Finanzkrise in Frankfurt angesiedelt wurden: der Europäische Rat für Systemrisiken (ESRB) und die Aufsicht über Versicherungen und betriebliche Versorgung (Eiopa). Die beiden Institutionen verbinden Finanzmarktstabilität mit Verbraucherschutz.

Frankfurt am Main (pia) Der Schrecken der Finanzkrise steckt noch in vielen Köpfen, die Fehler der Banken kommen die Steuerzahler noch immer teuer zu stehen. Den wilden Spekulationen, die die Weltwirtschaft 2009 in die größte Rezession seit Jahrzehnten stürzte, will die Europäische Union einen Riegel vorschieben. Seit Jahresbeginn 2011 existiert ein neues Überwachungssystem für die Finanzmärkte. Frankfurt kommt dabei eine zentrale Rolle zu. Am Sitz der Europäischen Zentralbank EZB haben zwei der vier neuen Kontrollinstitutionen Quartier bezogen – der Europäische Rat für Systemrisiken (ESRB) und die Aufsicht über Versicherungen und betriebliche Versorgung (Eiopa). Sie verbinden Finanzmarktstabilität und Verbraucherschutz miteinander.

„Rationalität in den Markt bringen“

Der ESRB ist für das große Ganze zuständig. „Risiken im Finanzsystem identifizieren, die das ganze Wirtschaftssystem in Gefahr bringen würden, Warnungen aussprechen und Vorschläge machen“ umreißt ESRB-Sekretariatsleiter Francesco Mazzaferro den Job des 25-köpfigen Teams. Die Aufseher werden rechtzeitig Alarm schlagen, wenn Banken so große Probleme bekommen, dass sie andere Institute ebenfalls ins Wanken bringen könnten, oder wenn ohne erkennbaren Grund Geldanlagen im großen Stil verkauft werden. „Rationalität in den Markt bringen“, heißt das Ziel. Die Arbeit der in der Frankfurter City ansässigen Behörde bringt den EU-Bürgern mehr Transparenz. „Konsumenten werden besser informiert sein“, sagt Mazzaferro. Zeiten, in denen unverantwortliche Geldhäuser und Finanzspekulanten Anlegern hoch komplizierte Anleihen vom Wert „eines Trabants zum Preis von Ferraris“ andrehten, sollen endgültig vorbei sein.

Die europaweite „Draufsicht“ ist eine Konsequenz der Finanzkrise

In die Bücher einzelner Banken gucken die Finanzfachleute des ESRB nicht. Sie analysieren eher die Entwicklung des europäischen Finanzmarkts. Die Experten beobachten den Markt unabhängig von nationalen Aufsichtsgremien, wie der ein paar Straßenzüge entfernt residierenden Bundesbank oder dem Bafin in Bonn. Mazzaferro vergleicht die europaweite Betrachtung mit dem Blick aus einem Hubschrauber: „Wir gucken aus der Höhe Frankfurts, wie das Leben unten in der Stadt funktioniert, während unsere Kollegen wie Streifenpolizisten auf den Straßen unterwegs sind.“ Die „Draufsicht“ ist eine Konsequenz aus der Finanzkrise: Es gab zwar nationale Kontrollen; das grenzüberschreitende Miteinander funktionierte aber nicht. Das soll mit dem ESRB besser werden. Er kann öffentliche Warnungen oder Vorschläge an EU-Mitgliedsländer und die Kollegen in den nationalen Aufsichtsbehörden richten. Die können die Vorschläge dann in Kraft setzen – oder es bleiben lassen. Wer das nicht tut, muss gute Argumente haben. Schließlich sitzen im Verwaltungsrat der europäischen Kontrolleure neben dem EZB-Präsidenten auch die Chefs der nationalen Notenbanken und weitere Fachleute.

Ein europäisches Kontrollsystem

Die Gründung des ESRB am Finanzplatz Frankfurt hängt eng zusammen mit der EZB. Mazzaferro: „Die Entscheidungsträger waren der Meinung, die EZB hat Verantwortung übernommen in der Krise.“ Gemeinsam mit den nationalen Notenbanken stützte sie die Märkte und trug so indirekt dazu bei, dass die Bankenmetropole am Main die Turbulenzen ohne große Blessuren überstand. Da lag die Ansiedlung des ESRB nahe, dessen Mitarbeiter zum großen Teil aus der EZB kommen. Der Frankfurter Finanzplatz-Konkurrent London bekam die europäische Bankenaufsicht, Paris die Börsenaufsicht. Beide Fachbehörden für die jeweiligen Branchen bilden zusammen mit der Versicherungsaufsicht (Eiopa, European Insurance and Occupational Pensions Authority) die zweite Säule des neuen Kontrollsystems.

Verbindliche Regeln für die Versicherungswirtschaft

Eiopa residiert nur einen Steinwurf entfernt vom ESRB. Seit 2004 werden im „Gerippten“, wie die Frankfurter den Glasbau am Main in Anlehnung an den Namen für Äppelwoi-Gläser nennen, Kriterien bestimmt, nach denen die europäische Versicherungswirtschaft ihre Geschäfte abwickeln und die Branche beaufsichtigt werden soll. Dies geschah bisher auf freiwilliger Basis im Rahmen des Eiopa-Vorgängers CEIOPS (Committee of the European Insurances and Occupational Pensions Supervisors). Seit 1. Januar kann Eiopa verbindliche Regeln setzen und Unternehmen in Krisensituationen direkt anweisen. „Es gibt Durchgriffsrechte über Länderinstanzen hinweg“, sagt Sprecherin Sybille Reitz. Die Aufgaben sind dem ESRB vergleichbar: Kontrollieren, ob Versicherungen solvent genug sind, um Krisen zu überstehen; schnell reagieren, wenn es Probleme gibt. Im ersten Schritt wollen die Aufseher vom Main einheitliche Bilanzierungsstandards entwickeln, um die Solidität der Unternehmen innerhalb der EU vergleichbar zu machen. Für EU-Bürger hat das praktischen Nutzen – es geht um die Sicherheit betrieblicher Pensionsfonds und Versicherungsgelder. Fachleute aus Madrid, London, Brüssel sitzen im „Gerippten“. Die rund 30 Beschäftigten sollen bis Jahresende 20 neue Kollegen bekommen, bis 2014 soll der Personalstand auf 120 wachsen. Als Arbeitsplatz ist Frankfurt beliebt. „Infrastruktur, kurze Wege, mit Rad, zu Fuß, der U-Bahn alles erreichbar“, zählt die aus New York zugezogene Sybille Reitz zu den Vorteilen der Mainmetropole. Deren angenehme Seiten sollen in Zukunft all jene Banker und Finanzexperten entdecken, die vor allem der ESRB zu Konferenzen einladen wird. Bis zu 16 Treffen pro Jahr sind geplant.

Margarete Lausberg