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04.11.2010

Das Gedächtnis reicht in eine Tiefe von 20 Metern

Deutsche Nationalbibliothek, Lesesaal © PIA Stadt Frankfurt am Main, Foto. Astrid Biesemeier
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Die Deutsche Nationalbibliothek ist das zentrale Publikationsarchiv

Auf drei Etagen ist hier gesammelt, verzeichnet, katalogisiert und verschlagwortet, was seit 1945 in Deutschland veröffentlicht worden ist: ob gedruckte, audiovisuelle oder elektronische Publikationen. In den Regalen der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt lagern bereits 8,3 Millionen Medien, darunter allein 4,5 Millionen Bücher.

Frankfurt am Main (pia) Das kulturelle Gedächtnis der Deutschen Nationalbibliothek reicht bis zu 20 Meter in die Tiefe. Um das geistige und literarische Schaffen seit 1945 für die Zukunft zu bewahren, herrschen zwischen den Betonwänden konstant 18 Grad Raumtemperatur und 50 Prozent Luftfeuchtigkeit. Auf drei Tiefetagen werden hier, vereinfacht gesagt, alle Veröffentlichungen mit Bezug zu Deutschland gesammelt, verzeichnet, katalogisiert und verschlagwortet. verschlagwortet. Alles heißt: gedrucktes, audiovisuelle Medien und elektronische Publikationen. Das können geografische Karten ebenso sein wie Kochbücher, Forschungs- oder Geschäftsberichte und Vereinsblätter, Romane oder Sachbücher, Pixibücher oder wissenschaftliche Publikationen. "Unsere Sammlung ist ein Glücksfall für Forschende und Studierende, weil sie so vollständig ist. Außerdem zieht die Atmosphäre des konzentrierten geistigen Arbeitens und der intellektuellen Begegnung die Nutzerinnen und Nutzer in unsere Lesesäle", sagt die Generaldirektorin der Deutschen Nationalbibliothek, Elisabeth Niggemann. "Denn die Deutsche Nationalbibliothek ist die zentrale Archivbibliothek und das nationalbibliografische Zentrum der Bundesrepublik", so der Pressesprecher und Referent der Generaldirektion Stephan Jockel. "Dem Sammelauftrag entsprechend findet man hier alles, und hier bleibt auch alles."

Das Ordnungssystem kennt keine Hierarchien

Jeder gewerbliche oder nichtgewerbliche Verleger in der Bundesrepublik muss zwei Pflichtexemplare seiner Veröffentlichungen an die Deutsche Nationalbibliothek abliefern, von denen eines am Leipziger Gründungsstandort der Bibliothek bereitgehalten wird. 8,3 Millionen Medien lagern bereits in Regalen der Frankfurter Bibliothek, darunter allein 4,5 Millionen Bücher. Ein immenses Archiv und ein gigantischer Speicher finden sich auf den Flächen von der Größe eines Fußballfelds. Täglich sind es an die 1.200 und jährlich um die 300.000 Medien, die ihren Weg in die Regale unter Tage finden. Auf eine Länge von 4,5 Kilometer Regalplatz pro Jahr käme man, wenn man Regal neben Regal stellen würde, so Stephan Jockel. Dabei sind vor der Systematik der Deutschen Nationalbibliothek alle Bücher gleich, das Ordnungssystem kennt keine Hierarchien nach wichtig oder unwichtig. Um effizient und platzsparend zu ordnen und zu bewahren, wird auch nicht nach Themen oder Gattungen archiviert.

Deutsche Nationalbibliothek, © PIA Stadt Frankfurt am Main, Foto. Astrid Biesemeier
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Per Fahrrad von Regal zu Regal

„Es ist immer schön, hier unten zu sein“, sagt Stephan Jockel, „weil man in jedem Regal etwas Interessantes entdeckt.“ Damit man die Titel rasch finden kann, ist an den Seitenwänden der Regale verzeichnet, welche Signaturen sich in ihnen befinden. Ein besonderes System erlaubt es, dass ein einzelner Mitarbeiter mit nur einer Hand gleich mehrere Regale verschieben kann. Denn um eine größtmögliche Speicherdichte zu gewährleisten, lassen sich auch die Regale dicht an dicht nebeneinander schieben. Wird allerdings ein Buch aus einer solchen Gruppe gebraucht, muss ein einzelner Mitarbeiter in der Lage sein, genau an das Regal gelangen zu können, in dem ein bestelltes Buch steht. Da die Wege unter Umständen weit sind, gibt es Fahrräder mit Körben und ein Transportsystem, das Kisten mit Büchern zu den jeweiligen Stellen bringt.

Präsenzbibliothek mit Multimedia-Arbeitsplätzen

Täglich werden Bücher in hoher Zahl aus den mit Neonlicht beleuchteten Tiefen in den Lesesaal der Deutschen Nationalbibliothek befördert, denn die sie ist nicht nur Speicher, sondern auch Präsenzbibliothek. Sie archiviert und bewahrt nicht nur, sondern stellt das gesammelte Wissen auch zur Verfügung. Zwischen 600 und 700 Menschen kommen täglich hier her, um bestellte Medien in den modernen Räumlichkeiten mit 360 Arbeitsplätzen auf den drei Ebenen des Lesesaals zu lesen oder auch nur einzusehen, ob sie Lehrende oder Lernende sind, Forscher, Firmen, Freiberufler oder interessierte Privatmenschen. „Neuere Bücher werden stärker nachgefragt als ältere“, berichtet Jockel. Und mit Multimedia-Arbeitsplätzen folgt die Deutsche Nationalbibliothek dem technischen Fortschritt. „Die 700 am häufigsten benutzen CD Roms sind hier bereits vorinstalliert. Andere können aufgespielt werden.“

Präsent auch in Berlin und Leipzig

Im Lesesaal herrscht überwiegend konzentrierte Stille, hier und da ist mal ein Tuscheln oder das leise Klappern von Tastaturen zu vernehmen. Viele Nutzer sitzen an ihren mitgebrachten Notebooks, sind über Bücher gebeugt und haben meist noch einige Publikationen auf ihrem Arbeitstisch gestapelt. Neben Frankfurt ist die Deutsche Nationalbibliothek auch in Berlin und Leipzig präsent. In Leipzig entsteht derzeit ein Erweiterungsbau, in den ab Dezember in diesem Jahr auch das Deutsche Musikarchiv aus Berlin umziehen wird. Der Raum in Frankfurt wird laut Stephan Jockel noch bis in die Mitte der 20er Jahre dieses Jahrhunderts reichen. Wenn Zeit für die Erweiterung ist, so wird dicht bei der Bibliothek erweitert. „Denn wir sind gekommen, um zu bleiben.“

Astrid Biesemeier

Weitere Informationen im Internet: www.d-nb.de

In den Räumlichkeiten der Adickesallee ist auch die Deutsche Stiftung Buchkunst untergebracht und das Deutsche Exilarchiv 1933 bis 1945. Außerdem arbeitet die Deutsche Nationalbibliothek auch in nationalen und internationalen Projekten wie beispielsweise zur Medienentsäuerung oder Digitalisierung mit.