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10.08.2010

Ein ganz besonderer Stadtteil

Das Frankfurter Bahnhofsviertel hat viele Gesichter

Es ist ein Quartier wie kein anderes in Frankfurt. Viele bringen es fälschlicherweise ausschließlich mit Prostitution in Verbindung. Tatsächlich ist das Bahnhofsviertel auch eine Wohn- und Geschäftsgegend mit internationalem Flair. Am 19. August lädt die "Bahnhofsviertelnacht" wieder dazu ein, einen Blick hinter die Fassaden des Stadtteils zu werfen.

Frankfurt am Main (pia) Vier Uhr morgens am Hauptbahnhof. In jeder Nacht zischen hier zwei Hochdruckreiniger. Ihre Strahlen säubern die untere Fassade des Bahnhofsgebäudes. Wie jede Nacht sind bereits seit 23 Uhr sechs Mitarbeiter der DB Services im Auftrag der Stabsstelle Sauberes Frankfurt damit beschäftigt, Bahnhofsgebäude und Bahnhofsvorplatz zu reinigen. Und während um vier Uhr das Ende ihres Einsatzes langsam absehbar ist, beginnt bald zwischen Münchener Straße und Niddastraße die allmorgendliche Reinigungsaktion, die auch im Bahnhofsviertel die Spuren der Nacht beseitigt.

Sämtliche Facetten der Großstadt

Das Bahnhofsviertel ist der urbanste Stadtteil Frankfurts. Hier zeigen sich sämtliche Facetten der Großstadt auf engem Raum. Hier wird in Wohngemeinschaften und Wohnungen gelebt, in Büros, Bars, Banken und Bordellen gearbeitet, hier finden sich Moschee und Kirche, Lebensmittel und Waren aus aller Welt ebenso wie Traditionsläden wie das Cream Music, die Schuhmacherei Lenz oder der Schreibwarenladen Fleischhauer. Nur eine Straßenbreite trennt mundo latino und Rossija, eine Hauswand Orient und Okzident. Hier leben Menschen aller Hautfarben und Kontinente, Legale und Illegale, Erfolgreiche, Normalos und Gestrandete. Bunt leuchtende Neonreklamen locken Freier, bewerben Peepshows, Strips und Tabledance oder versprechen Sex. Diese Atmosphäre wie auch die Nähe zum Hauptbahnhof zieht Drogensüchtige, Alkoholabhängige und Kriminelle an. Deren Hinterlassenschaft gilt es am frühen Morgen zu beseitigen, bevor der ganz normale Alltag wie in jedem anderen Stadtteil Frankfurts auch in den Geschäften und Büros des Bahnhofsviertels wieder beginnt.

Im Morgengrauen fegen die Besen

Viel Arbeit für die FES, die ihren Einsatz seit Oktober 2009 im Bahnhofsviertel verstärkt hat, wie Peter Postleb von der Stabsstelle Sauberes Frankfurt berichtet. Sieben Mal in der Woche hört man hier noch vor Sonnenaufgang das Schaben der großen Besen von einem Dutzend Straßenkehrer, brummen drei Kleinkehrmaschinen gefolgt von einem Wasserwagen durch die Straßen. Dienstags und donnerstags ist auch noch ein Hochdruckreiniger im Einsatz. "Dem Wasser wird ein Duftstoff beigefügt, der den Uringeruch bindet und abbaut", so Postleb. "Ziel ist es, dass bis sieben Uhr morgens die wichtigsten Bereiche im Bahnhofsviertel sauber sind."

So wenig repressiv wie möglich und so streng wie nötig

Diesmal ist es ruhig in der Zeit zwischen Nacht und Morgen. Das Thermometer zeigt vierzehn Grad. Es ist nicht besonders warm, daher sind auch weniger der üblichen Verdächtigen draußen unterwegs, die sonst auch mal für Ärger und kritische Situationen sorgen. Mit Anbruch des Tages sind die Straßen sauber. Jörg Bannach, Leiter des Ordnungsamts, sind Sicherheit und Sauberkeit im Bahnhofsviertel ein wichtiges Anliegen. "Allerdings kann man nicht mit einem Federstrich alles ändern. Vielmehr brauchen wir langfristige und nachhaltige Maßnahmen, die ineinandergreifen. Hier müssen Landes- und Stadtpolizei, Hilfseinrichtungen, Stadtplanung und die Zuständigen für Sauberkeit kooperieren." Die Maßnahmen sollten so wenig repressiv wie möglich und so streng wie nötig sein. Denn Bannach findet, dass Frankfurt zu Recht seit dem Mittelalter auf seine Stellung als freie Reichs- und Messestadt stolz sei. "Das Bahnhofsviertel wird jedoch kein klinisch sauberes Viertel werden. Die Prostitution kann nicht abgeschafft werden. Dafür gibt es einen Bedarf. Auch Drogensüchtige wird es immer geben. Die Auswüchse möchten wir jedoch eindämmen."

Großbürgerliche Gründerzeitarchitektur

Um die Jahrhundertwende ist das Bahnhofsviertel zwischen dem altem Stadtkern und dem 1888 gebauten Hauptbahnhof entstanden. Heute liegt in unmittelbarer Nachbarschaft auch das Bankenviertel mit seinen Hochhaustürmen. Wer den Blick einmal von den Leuchtbuchstaben über Sexshops und Bars lösen kann, der entdeckt im Bahnhofsviertel schöne Gründerzeitfassaden mit Zinnen, Türmchen und schmiedeeisernen Brüstungen - das alles hat durchaus etwas Großbürgerliches, nicht nur auf dem breiten Boulevard Kaiserstraße. Das Flair der Jahrhundertwende mit modernen Wohnungsgrundrissen zu verbinden ist Ziel einer Stadterneuerung für das dritte Jahrtausend, die das Planungsdezernat auf die Agenda gesetzt hat. Rund 21 Millionen Euro hat die Stadt dafür bis 2013 zur Verfügung gestellt. Nun wird es im Bahnhofsviertel noch wohnlicher: Bisher sind bereits Bewilligungsbescheide für 245 Wohnungen erteilt worden, die modernisiert oder aus ehemaligem Büroraum neu geschaffen werden. Darüber hinaus liegen Anträge für 77 weitere Wohnungen vor, teilte das Planungsdezernat kürzlich mit.

Ein Viertel „besser als Kino“

Manuela Mock, Inhaberin von Transnormal, einer Boutique mit Schönheitssalon für Transvestiten, schwärmt geradezu von der "bunten Vielfalt" des Stadtteils. Das Bahnhofsviertel mit seinen vielen unterschiedlichen Menschen findet sie "besser als Kino". Außerdem könne man im Bahnhofsviertel wunderbar bei kleinen Thai-Imbissen, tollen Türken und Libanesen essen. "Und man findet hier die frischesten Austern der Stadt." Felix Nowak hat selbst sieben Jahre im Bahnhofsviertel gelebt und arbeitet als Architekt in der interdisziplinären Bürogemeinschaft bb22. Für ihn ist das Bahnhofsviertel "einer der spannendsten Orte, die es im Rhein-Main-Gebiet gibt". Wolfgang Lenz von der Schuhmacherei Lenz, die im nächsten Jahr ihren 70 Geburtstag feiert, gefällt die Vielfalt der Nationalitäten. Auch wenn die Drogenszene den Ruf des Viertels schädige, sei das Bahnhofsviertel "mit keinem anderen Stadtteil zu vergleichen. Hier haben wir immer pulsierendes Leben."

Blick hinter die Kulissen in der Bahnhofsviertelnacht

Am 19. August findet initiiert vom Presse- und Informationsamt die Bahnhofsviertelnacht statt. Unter dem Motto "30 offene Türen" laden Kreative, Institutionen, Organisationen, Geschäfte, Glaubenseinrichtungen und viele mehr ein, hinter die Fassaden des Viertels zu schauen und den Menschen, die dort wohnen und arbeiten zu begegnen. Transnormal, bb22 sowie die Schuhmacherei Lenz sind mit dabei. Informationen und das Programmheft gibt es auf www.frankfurt.de/bahnhofsviertelnacht

Astrid Biesemeier