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„Dinge befördern, indem man mittut“

Lutz Raettig engagiert sich als „Beziehungsarbeiter“ für Stadt und Region

In Frankfurt gehört er zu den einflussreichsten Menschen an der Schnittstelle zwischen Politik und Wirtschaft. Lutz Raettig setzt seinen Sachverstand vielerorts ein: als Aufsichtsratsvorsitzender der Investmentbank Morgan Stanley, als Vorsitzender der Finanzplatzinitiative Frankfurt Main Finance und nicht zuletzt als ehrenamtlicher Stadtrat im Rathaus Römer.

Frankfurt am Main (pia) Der Mann wirkt unauffällig. Die eher kleine Statur steckt im perfekt sitzenden typisch-Banker-blau-grauen Anzug. Doch der erste Eindruck trügt – Lutz Raettig gehört zu den wohl einflussreichsten Menschen an den Schnittstellen zwischen Wirtschaft und Politik in Frankfurt. "Graue Eminenz" nennen ihn viele. Er selbst beschreibt sein Engagement als "Beziehungsarbeit" für Stadt, Standort und Region.

Auch im Römer ist sein Sachverstand gefragt

Der Name Lutz Raettig (67) taucht fast überall dort auf, wo die Weichen für die Zukunft gestellt werden. Der Aufsichtsratsvorsitzende der Investmentbank Morgan Stanley in Deutschland sitzt der Finanzplatzinitiative Frankfurt Main Finance vor; er gehört dem Börsenrat ebenso an wie dem Beirat des Flughafenbetreibers Fraport, der gerade den größten deutschen Airport ausbaut. Der 67-Jährige hält Mandate in der IHK und der Messegesellschaft, Gremien in der Finanzbranche kommen hinzu. Darüber hinaus ist der Wahl-Frankfurter seit 2006 ehrenamtliches Mitglied des Magistrats. "Wirtschaft, Verkehr, Wohnen, alles Belange des Wirtschaftsstandorts" beschreibt der 67-Jährige sein Ressort. Im Rathaus Römer ist vor allem sein Rat und Sachverstand gefragt.

Zeitdisziplin und Konzentration auf das Wesentliche

Sein Arbeitspensum schafft der Multi-Funktionär mit Zeitdisziplin, einem gut organisierten Büro und dem Grundsatz: "Konzentration auf das Wesentliche. Dinge, von denen man nichts versteht, weglassen." Weil einiges in der Politik – zum Beispiel langatmige Sitzungen – die Geduld strapaziert, spart er sich die Teilnahme, um an anderer Stelle etwas in Gang zu setzen. Angetrieben von der Erkenntnis, dass "man Dinge schneller befördert, indem man mittut". Mit dem unermüdlichen Einsatz will Raettig nach amerikanischem Vorbild der Gesellschaft aber auch einen Teil seines beruflichen Erfolgs zurückgeben.

Der Netzwerker hat die Region im Blick

Der Weg nach oben führte den gebürtigen Berliner nach dem Abitur in Bremen und der Promotion in Hamburg zur Westdeutschen Landesbank, dann unter anderem zur Commerzbank. 1995 stieg er zum Vorstandschef von Morgan Stanley in Deutschland auf. Seitdem lebt der Banker nach Stationen in London und New York in Frankfurt. Die Stadt am Main ist ihm zur "neuen Heimat geworden", deren Internationalität, Weltoffenheit und wirtschaftliches Potenzial ihn faszinieren. Wenn Raettig von "Stadt" spricht, schließt er das Rhein-Main-Gebiet ein – eine Sicht, die er mit international agierenden Unternehmen und Neuankömmlingen teilt. "Die Stadt kann nicht ohne die Region, die Region nicht ohne die Stadt. Klingt banal, aber das muss man manchen immer wieder deutlich machen", sagt der Netzwerker in Anspielung auf die politischen Eifersüchteleien zwischen der Finanzmetropole und dem Umland. Eine für Einwohner wie Investoren attraktive Infrastruktur könne nur gemeinsam funktionieren. In der Ansiedlungs- und Wohnungspolitik plädiert er für ein gut verzahntes Vorgehen, um bezahlbare Flächen zu bieten, um sich im Wettbewerb gegenüber anderen Metropolregionen der Welt zu positionieren.

Überzeugt von der Attraktivität des Standortes

In Bezug auf die Attraktivität muss sich Rhein-Main nicht verstecken, ist Raettig überzeugt. Allein schon die einzigartige Lage mitten in Europa: "Eine Stunde um Frankfurt herum gibt es mehr Unis als Städte wie London und New York sie haben". Zu den Pfunden, mit denen die Stadt wuchern könne, zähle die Symbiose zwischen Institutionen und Marktbeteiligten der Finanzwirtschaft wie der Europäischen Zentralbank, der Bundesbank, dem House of Finance oder der europäischen Versicherungsaufsicht (CEIOPS) auf der einen Seite sowie der Börse und zahlreichen großen Geldinstitute auf der anderen Seite. Aus dieser "Wissensfabrik", die zur Stabilität des Finanzplatzes beiträgt, lasse sich in Zukunft weiter Kapital schlagen, meint der Standortwerber. An Frankfurt schätzt Lutz Raettig die Aufgeschlossenheit der Bürger. "Es ist die internationalste Stadt Deutschlands. Hier leben viele ausländische Talente und viele Deutsche, die im Ausland gelebt haben."

Zum Auftanken nach New York

Das Vertrautsein mit anderen Kulturen kennt Raettig aus der eigenen Familie: Seine Frau Katherine Fürstenberg-Raettig wurde in London geboren und wuchs in Ägypten auf. 1967 kam sie vom Nil an den Main, später zog sie mit ihrem Mann an den Hudson. Inzwischen ist sie wieder in Frankfurt verwurzelt. Was ihr Mann auf wirtschaftlich-politischer Ebene tut, setzt sie im gesellschaftlichen Rahmen fort, indem sie zum Beispiel Kulturinstitutionen wie Oper, Städel, Schirn und Rheingau-Musikfestival fördert. Ehemann Lutz betrachtet Kultur auch als ein Standortargument, das zählt im internationalen Wettbewerb. Den Frankfurter Kultureinrichtungen bescheinigt der Opernliebhaber, sie hätten sich zu Aushängeschildern gemausert, die durchaus mit Berlin oder Wien mithalten könnten. Bei aller Verbundenheit mit Frankfurt – zum "Auftanken" fliegt Lutz Raettig nach New York. "Da ist Dynamik drin. Das ist wie Sauerstoffmaske aufsetzen", schwärmt er. Seine knappe Freizeit verbringt er am liebsten zu Hause, die Ferien mit seinem behinderten Sohn. Für die Zukunft des Rhein-Main-Gebiets ist Lutz Raettig zuversichtlich: "Die Region ist gut aufgestellt. Sie darf nur nicht müde werden zu trommeln."

Margarete Lausberg