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29.10.2009

Schallfänger, Hörpfannen und Trommelfellmassage

Neues „Museum zur Geschichte der Gehörlosen und Schwerhörigen“ in Frankfurt

Spannend, nachdenklich stimmend und unterhaltsam wird hier das Thema präsentiert: In Frankfurt hat vor kurzem ein kleines "Museum zur Geschichte der Gehörlosen und Schwerhörigen" eröffnet. Neben geschichtlichen Informationen gibt es auch eine große Vitrine zu sehen mit zahlreichen angeblichen Wundermitteln gegen Schwerhörigkeit und Taubheit.

Frankfurt am Main (pia) Sie galten als unheimlich. Von Dämonen besessen. Man hielt sie bis ins Mittelalter für bildungsunfähig, und die Kirche schloss sie lange Zeit aus von ihren Sakramenten. Taube und Stumme waren der gesunden Menschheit nicht geheuer. Es dauerte viele Jahrhunderte, bis der Umgang mit ihnen das wurde, was man "normal" nennen könnte. Heute gibt es auf der ganzen Welt Schulen für Gehörlose, Irrationalität und Aberglaube haben medizinischer Aufklärung Platz gemacht. Bis dahin aber war es ein langer Weg. Ein Weg, der es lohnt, dokumentiert zu werden. Mit dem "Museum zur Geschichte der Gehörlosen und Schwerhörigen", kurz: Deaf-Museum, das die Frankfurter Stiftung für Gehörlose und Schwerhörige vor kurzem in der Rothschildallee 16a eröffnet hat, ist genau das Realität geworden. Es ermöglicht einen spannenden, nachdenklich stimmenden wie auch durchaus unterhaltsamen Zugang zum Thema.

Auf der Seite der Gehörlosen

Infotafeln geben Auskunft über jene Menschen, die für die Rechte Gehörloser und Schwerhöriger eintraten. Über Charles Michel de l’Epée etwa, der im Jahre 1770 in Paris die erste Schule für Taubstumme gründete. Auch über Samuel Heinicke, Begründer der Lautsprachenmethode, der nur acht Jahre später in Leipzig das "Chursächsische Institut für Stumme und andere mit Sprechgebrechen behaftete Personen" eröffnete. Auch Martin Luther findet Erwähnung, setzte er sich doch dafür ein, dass auch Taube am Abendmahl teilnehmen können. Ein Anfang war mit ihm also auch in der Kirche gemacht, heute ist die Gehörlosenseelsorge ein ganz selbstverständlicher Bestandteil von Kirchenarbeit. Auch der "Urvater" der Gehörlosen, Eduard Fürstenberg, fehlt nicht. Er gründete 1848 in Berlin den ersten Taubstummenverein, lud 1873 zum ersten Deutschen Taubstummenkongress ein und war Herausgeber der ersten deutschen Gehörlosenzeitschrift namens "Der Taubstummenfreund".

Hörschlauch und Mönchsrezept

Eine ausgesprochen unterhaltsame, skurril anmutende Abteilung hat das Museum ebenfalls zu bieten. Eine große Vitrine präsentiert zahlreiche angebliche Wundermittel gegen Schwerhörigkeit und Taubheit: angefangen beim monströs anmutenden Kopfbügel-Schallfänger mit riesigem, nach vorne geöffnetem Trichter über Hörpfannen, Hörschläuche und eine "Hörhilfe für die Beichte in der Katholischen Kirche" aus dem Jahr 1930. Außerdem Ohrensalben und -öle wie auch recht zweifelhafte Geräte, deren geschäftstüchtige Vertreiber eine Verbesserung des Hörvermögens mittels Trommelfellmassage versprachen. Alles Humbug? "Ab 1970 etwa haben Hörgeschädigte einen Nutzen von Hörgeräten", sagt Museumsleiter Lothar Scharf, "das meiste von dem, was davor auf den Markt kam, muss man wohl eher Hörstörer nennen!". Scharf kann sich ein Urteil erlauben, er ist selber stark hörgeschädigt. Überwindung erfordert allein die bloße Lektüre jener Rezepturen, die laut unseren Vorfahren Taube angeblich hörend machten. Ein Rezept aus der Mönchsmedizin des Mittelalters etwa: Man nehme Aalfett, Aal- und Bocksblut, fülle dies alles in eine ausgehöhlte Zwiebel, setze sie aufs Feuer, bis sie erweicht, zerdrücke sie sodann und träufele vom entstehenden Saft zwei Tropfen in jedes Ohr des Tauben.

Gehörlose im Nationalsozialismus

Selbstkritisch fällt der Blick aus, den die Ausstellung auf die Gehörlosenbewegung während des Nationalsozialismus wirft. An der Wand hängt eine große Fahne des "REGE-DE", des Reichsverbandes der Gehörlosen Deutschlands. "Es ist die einzige Nazifahne der Gehörlosen, die erhalten ist", sagt Ausstellungsmacher Scharf. Auf ein weißes, rundes Feld, Symbol für das Vaterland, ist ein Dreieck mit drei schwarzen Punkten appliziert, das Zeichen der Gehörlosen, ein schwarzer Außenring steht für die REGEDE selber. Hitler hebt die Hand zum Gruß auf der Titelseite einer Ausgabe von "Der deutsche Gehörlose". Die Hitlerjugend gründete speziell für Hörgeschädigte den sogenannten "Bann G". Auf 2000 bis 3000 Mitglieder schätzt Lothar Scharf die Zahl der gehörlosen NSDAP-Mitglieder. "Es gab Parteizellen nur für Taubstumme, in Berlin etwa, in Dresden, München und Königsberg." In Frankfurt sei man "sogar nahe dran gewesen, eine Gehörlosen-SA zu gründen". Das Gros der Gehörgeschädigten und Tauben sei, so der Museumsleiter, arbeitslos gewesen und habe in Adolf Hitler große Hoffnungen gesetzt. Das besonders Tragische: Gehörlose wurden, sofern ihre Gehörlosigkeit vererbbar war, unter den Nationalsozialisten zwangssterilisiert.

Gedenkstätte für taube ermordete Juden

Besonderen Wert legt Lothar Scharf auf jenen Ausstellungsteil, der das Schicksal jüdischer Gehörloser im Nationalsozialismus beleuchtet, "denn sie befanden sich in doppelter Hinsicht in der Minderheit". Das kleine, feine Frankfurter Museum erinnert unter anderem an das Nürnberger Ehepaar Sidonie und Adolf Stern, die in Riga ermordet wurden, und an die Frankfurterin Irmgard Cahn, die am 16. Juni 1943 nach Auschwitz deportiert wurde. Auch eine kleine gerahmte Ansichtskarte vom Café Hauptwache hat ihren Platz im Museum gefunden: Das Frankfurter Caféhaus war Versammlungslokal des Jüdischen Gehörlosenvereins unter dem Vorsitz von Max Blumenthal. Museumsleiter Lothar Scharf sagt nicht ohne Stolz: "Unser Museum ist die einzige Gedenkstätte für gehörlose Juden, die Opfer der Nazis wurden".

Annette Wollenhaupt

Weitere Informationen: www.deafmuseum.de